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"Breakfast on Pluto": Popmärchen und Geschichtsstunde

Regisseur Neil Jordan läßt die 70er Jahre aufleben: "Breakfast on Pluto" erzählt die Geschichte von Patrick "Kitten" Braden, der in die Welt zieht, um seine Mutter und seine sexuelle Identität zu finden.

Von Carsten Heidböhmer

Die katholische Kirche hat es dieser Tage nicht leicht. Gerade ist die Leinwandversion von Dan Browns kirchenkritischem Thriller "Sakrileg" mit viel Pomp in den Kinos angelaufen, da kommt mit Neil Jordans "Breakfast on Pluto" der nächste Film um die Ecke, in der die Papisten alles andere als gut aussehen. Denn im Mittelpunkt steht Patrick Braden (brillant: Cillian Murphy), der aus einer Affäre des triebhaften Pfarrers Bernard (Liam Neeson) mit seiner Aushilfs-Haushälterin entstanden ist.

Um dieser Schande eines unehelichen Kindes zu entfliehen, verlässt Patricks Mutter unmittelbar nach der Entbindung die erzkonservative irische Kleinstadt Tyreelin - und setzt den Säugling beim Pfarrer ab. Der gibt das Findelkind der Trinkerin Caroline Braden in Pflege, wo er wenig zu lachen hat und häufig in die Welt der Phantasie flüchtet. Patrick merkt schnell, dass er anders ist. Er entwickelt eine Vorliebe für Frauenkleider und Lippenstift und gibt sich zunehmend androgyner.

Wohnwagen mit Waffenlager

In der katholischen Schule fällt er mit Fragen nach Geschlechtsumwandlung auf. Als er sich in einem Aufsatz als illegitimer Spross des angesehenen Pater Bernard beschreibt, fliegt er hochkant von der Schule und verlässt das Städtchen. Es beginnt eine kunterbunte Reise durch das Großbritannien der 70er Jahre. Gleichzeitig erkundet Patrick auf diesem Trip auch seine/ihre sexuelle Identität. Zunächst lernt "Kitten", wie sich Patrick nun nennt, Billy Rock (Gavin Friday), den Sänger einer Glamrock-Band kennen. Zwischen beiden entspinnt sich eine Liebesaffäre, und der Sänger versucht, Kitten als Squaw in seiner Cowboy-Bühnenschau unterzubringen. Schließlich quartiert er Kitten in einem alten Wohnwagen ein, der gleichzeitig als Versteck für IRA-Waffen genutzt wird. Aus Wut über den blutigen Bürgerkrieg schmeißt Kitten die Waffen eines Tages ins Wasser - und muss schleunigst verschwinden, denn mit der IRA ist nicht zu spaßen.

So gelangt sie nach London, auf der Suche nach ihrer Mutter. Auch hier erlebt Kitten skurrile, sagenhafte Geschichten. Sie übernachtet in einem Märchenschloss, das zu einem Kinderthemenpark gehört und wird als Animateurin im Teddybären-Kostüm angestellt. Die Bekanntschaft mit dem Magier Bertie bringt Kitten als Assistentin in dessen zweitklassiges Showprogramm. Dort lässt sie sich entzwei sägen und hypnotisieren. Immer wieder bricht jedoch die harte Realität in Form von IRA-Terror in das fabelhafte Leben ein. Geschickt verknüpft der Film historische Geschehnissen der anglo-irischen Geschichte mit dem sehr persönlichen Leben eines Menschen auf der Suche nach seiner Mutter und seiner Identität. Verpackt wird das Ganze als ein buntes Popmärchen, das mit viel Musik und Mode die 70er Jahre wieder auferstehen lässt.

Viele Ideen, einige Längen

Nach "Butcher Boy" nimmt sich Neil Jordan eines weiteren Romans von Patrick McCabe an. Insgesamt ist "Breakfast on Pluto" mit 135 Minuten allerdings ein wenig zu lang geraten. Es ist dem Film leider deutlich anzumerken, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelt - die Erzählweise in 36 Kapiteln ist auf Dauer ein wenig ermüdend. Anstatt sinnvoll zu straffen, wird hier jedes Kapitel der Vorlage abgearbeitet. Andererseits bietet gerade die rhapsodische Anlage die Gelegenheit, viele Einfälle unterzubringen. Mit seinem Mix aus Popkultur, Politik und Sittengeschichte zündet Jordan ein Feuerwerk an originellen Ideen, das für die ein oder andere Länge mehr als entschädigt.

Und auch die katholische Kirche kann mit dem Film zufrieden sein: Pfarrer Bernard entpuppt sich zum Schluss doch noch als ein guter Christ, der seine Sünden bereut und bereit ist, Fehler wieder gut zu machen. Ein Pfarrer, der seinen transsexuellen Sohn mit offenen Armen aufnimmt: Im katholisch-konservativen Irland zu der damaligen Zeit ähnlich unvorstellbar wie ein Frühstück auf dem Mars.