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Der Gitarrist von Led Zeppelin: Musikalische Geschichtsstunde mit Jimmy Page

Im Londoner Hotel "The Gore" traf der stern den legendären Led-Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page - und sprach mit ihm über Reunion, Remasters und Drumsets im Treppenhaus.

Von Ingo Scheel

Die beiden älteren Ladys kommen direkt auf mich zu. Ich ahne, dass ich binnen Sekunden angesprochen werde. Und tatsächlich. "Young man, excuse us please, but do you know who these gentlemen are?", fragt eine der beiden und zeigt auf ein riesiges Bild, das hinter mir an der Wand hängt. Ich blicke aus meinem Ledersessel nach oben, mustere fünf zerzauste Herren bei einer Tortenschlacht. "Mylady, das sind die Rolling Stones", antworte ich und fühle mich wie ein Komparse in einem "Miss Marple"-Film. Die dunkel getäfelte Bar des "The Gore" knarzt vor old-fashioned britischer Atmosphäre und wirkt wie die perfekte Filmkulisse. 1892 wurde das Hotel, einen Steinwurf von der Royal Albert Hall entfernt, von zwei Schwestern, angeblich Nachfahren des legendären Captain Cook, eröffnet.

Über ein Jahrhundert später hängt die Historie immer noch in den schweren Damast-Vorhängen. Ein wenig mystisch und angejahrt schlagen die Bilder, auf denen die Stones das Erscheinen ihres Albums "Beggar's Banquet" feiern, genau den richtigen Bogen zu meinem Gesprächspartner, der ein paar Räume weiter sitzt. Auch Jimmy Page hat es Ende der 60er, Anfang der 70er ähnlich krachen lassen wie Jagger und Co. Doch während die Stones unablässig um die Häuser ziehen, verdingt der Gitarrist sich anno 2014 als Kurator des Oeuvres von Led Zeppelin. Im Mai hatte ich Page schon in Berlin getroffen, als er die ersten drei frisch remasterten Alben in größerer Runde im Meistersaal vorstellte, diesmal konnte ich ihn unter vier Augen sprechen.

Dabei hatte es sich am Morgen so angefühlt, als könnte vielleicht noch etwas dazwischen kommen, so bumpy gestaltete sich der Flug von Hamburg nach Heathrow. Kurz vor Take-off hatte ich Gary Lineker am Gate ausgemacht. Eine Stunde später fährt sich der einstige Fußballheld des Königreichs, drei Reihen vor mir sitzend, nervös ein ums andere Mal durch die Haare, während da und dort Fluggäste aufstöhnen. Luftloch um Luftloch lässt die Maschine wackeln. Lineker und ich in unserem letzten Stündlein vereint? Nichts da, der Flieger kommt heil runter.

Wenig später heißt es "This Train is for Cockfosters". Ich sitze in einem Abteil der "Piccadilly Line", die von Heathrow aus dem Stadtzentrum entgegenrattert. Mir gegenüber liest eine Dame die "Sun". Auf der mir zugewandten Seite prangt ein riesiges Bild von, ja, tatsächlich ... Jimmy Page. Die BBC hatte ihre Hörer abstimmen lassen, gesucht wurde das beste Riff aller Zeiten. "Easily Led" wortspielt die Headline, Page hatte sie mit den Licks von "Whole Lotta Love" alle abgehängt.
Was für ein Timing.

Ehe ich es mich versehe, sitze ich dem Urheber der historischen Tonfolge persönlich gegenüber. Page empfängt im "Green Room", jeder von uns beiden nimmt auf einem riesigen, grünen Sofa Platz. In den Regalen an den Wänden stehen zahllose alte Bücher, ein Ölgemälde hängt über dem Kamin. Ich hätte mich kaum gewundert, wenn jeden Moment Carson aus "Downton Abbey" mit einer gebügelten Tageszeitung über dem Arm eingetreten wäre. Stattdessen zeige ich Page die zerknitterte Seite aus der "Sun", die ich noch besorgt hatte. "Ah, das sind tatsächlich alles gute Riffs", grinst Page breit, während er das Abstimmungsergebnis studiert und lässt doch kaum Zweifel daran, das sein Platz völlig zurecht dort oben, vor Gilmour, Marr, Clapton und den anderen, ist.

"Es ist ein Fest"

Ebenso unzweifelhaft ist, dass Page auch bei der zweiten Runde der Remasters, diesmal hat er die Zep-Alben "IV" und "Houses of the Holy" im Gepäck, mit ungebrochener Leidenschaft am Start ist. Andere Zeitgenossen mögen derlei Archivarbeit verabscheuen, Page tickt da anders. Nicht zuletzt auch die Gelegenheit jemanden wie den verstorbenen Drummer John Bonham noch einmal genau studieren zu können. Wie ist es, ihn auf diesen alten Tapes trommeln zu hören? "Es ist ein Fest. Was für ein Gigant. Was für eine Power!", erhebt der 70-Jährige die Stimme. Und so wie Page in einigen Momenten wirkt, als würde er von außen auf das Ganze blicken, fühle auch ich mich kurzzeitig, als stünde ich neben mir und schaute beim Gespräch zu.

Mitte der 90er hatten wir, mein viel zu früh verstorbener Kollege und guter Freund Niko Brügmann und ich, im Textbüro unserer Agentur gesessen und mit den Essstäbchen vom Asia-Bringservice den unfassbaren Beat von "When the Levee Breaks" auf dem Schreibtisch nachgetrommelt. Immer und immer wieder. Heute hörte ich mir die Enstehung dieses dickhosigsten Drumparts aller Zeiten aus erster Hand an. "Wir waren auf den Landsitz Headley Grange gereist, um dort aufzunehmen. Da hatte Bonham die Idee, das Schlagzeug im Treppenhaus aufzubauen. Das Ergebnis, bis hin zum natürlichen Echo jedes einzelnen Schlags kannst du fast berühren, wenn du den Song hörst. Der Klang, der Hall, die Vertäfelung dort ergab einen im wahrsten Sinne umwerfenden Sound. Das hörst du bis heute", erzählt Page.

Und denkt vor dem Treffen noch, wie lang so eine Dreiviertelstunde ist, tickt die Uhr doch unbarmherzig, während Page ein ums andere Detail zum Besten gibt. Wie es war, "Keys to the Highway" einmal ganz anders zu hören. Von der "Unschlagbarkeit" Plants und dessen sängerischem Selbstbewusstsein geschwärmt, von John Paul Jones' genialem Händchen fürs Arrangement. Die Frage nach der Reunion lässt sich kaum vermeiden, auch wenn die Antwort bereits vorher klar ist. Ich erzähle ihm von meinem Treffen mit Robert Plant im Mai, ebenfalls in London, wo der Sänger nicht nur sein neues Solo-Album vorstellte, sondern auch von alten Zep-Klassikern schwärmte.

Das Feuer lodert in ihm

Was denkt er, wenn der einstige Weggefährte von seiner Bandprobe mit den Sensational Spaceshifters erzählt, dabei Songs wie "Black Dog" heraushebt. "Mann, dieser Typ ...", setzt Page an und ich erwarte jeden Moment einen Ausbruch. "Es ist immer dasselbe. Ach, ich sollte das hier nicht sagen", deutet Page an, bestimmt mir, ich solle das folgende besser nicht veröffentlichen und ist dann flugs doch wieder ganz Gentleman. Lässt das Schweigen mehr sagen als die Worte. Man spürt auch so, wie das Feuer in ihm lodert.

Wäre jetzt nicht der perfekte Zeitpunkt für eine Zep-Tournee? "Es sieht absolut nicht danach aus", konstatiert Page. Es ist sein Schlusswort, unsere Zeit ist abgelaufen. Für dieses Mal zumindest. Wir verabschieden uns herzlich und verabreden uns locker für ein weiteres Gespräch, wenn Page mit einem weiteren Schwung remasterter Alben durch die Green Rooms und Meistersäle der Welt zieht. Die Frage nach der Reunion? Ich werde sie auch dann wieder stellen.

Die Alben "Led Zeppelin IV" und "Houses Of The Holy" (Warner) erscheinen am 24. Oktober auf CD,Vinyl, in Digital-Formate sowie als "Limited Edition Super Deluxe Box-Set". Um 12 Uhr mittags macht das Video "Rock And Roll" exklusiv den Auftakt auf stern.de.