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"Death Race": Tote Gladiatoren für Amerika

"Death Race" ist kein Film für besorgte Eltern und auch nicht für Schöngeister. Es ist ein dreckiger, brutaler Riesenspaß mit Adrenalinüberdosis. stern.de sprach mit Regisseur Paul W.S. Anderson über moderne Gladiatoren und unseren Platz in der Arena.

Von Sophie Albers

"Im Knast klärt sich, ob du ein Junge oder ein Mann bist", sagte Actionstar Jason Statham, nachdem er zur Vorbereitung seiner Rolle des Extrem-Rennfahrers Ames ein Hochsicherheitsgefängnis besuchte. Ja, Jason Statham ist offenbar nicht sonderlich schlau. Aber das ist auch gar nicht nötig. Schließlich ist er derzeit Hollywoods liebster Sandsack. Keiner schwitzt und blutet so überzeugend auf der Leinwand wie der Brite. Nicht mal der neue Bond Daniel Craig.

Eben deshalb lässt "Resident Evil"-Regisseurs Paul W.S. Anderson den Charakterschädel aus Filmen wie "Transporter" und "Crank" in seinem neuen Werk auch nicht viel reden, sondern das tun, was er am besten kann. "Death Race" ist inspiriert von der gleichnamigen Produktion des B-Movie-Königs Roger Corman von 1975, in der Sylvester Stallone und David Carradine einander über die Kontinente jagten. Andersons Todesrennen spielt in einem Hochsicherheitsgefängnis in naher Zukunft, wo Gefangene Rennen fahren, die tödlich enden müssen, denn nur einer kann übrigbleiben. Dem winken die Entlassungspapiere.

In Freiheit müsste der Ex-Häftling dann wiederum nur das Fernsehen anschalten und eine Gebühr bezahlen, um zu sehen, wie sich seine Ex-Kollegen weiterhin zermetzeln. Denn das Autorennen hat einen einzigen Zweck: Es soll Geld bringen. Die Quoten für den Gladiatorenkampf der Moderne sind unglaublich. Gefängnis-Chefin Hennessy (die eher aus anspruchsvollen Filmen bekannte Joan Allen) hat eine definitiv tödliche Strecke ausgeheckt und will nur die gnadenlosesten Fahrer.

"Death Race" bietet alles auf, was einem Computerspiel-geschulten Teenager ein Strahlen in die Augen zaubert. Besser und brutaler geht es im Actionfilm derzeit nicht. Doch hat "Death Race" noch viel mehr zu bieten als perfekte Effekte und Stunts: Er kritisiert das, was er tut.

Mister Anderson, "Death Race" schüttelt neben der Action auch noch eine gelungene Medienkritik aus dem Ärmel. War das Absicht?

An genau diesem Punkt zeigt das Kino doch, was es kann. Ich hasse Filme, die mich belehren wollen. Mächtige Filme, die eine Botschaft in sich tragen - und ich denke, "Death Race" gehört dazu - haben eine implizierte Botschaft. "Death Race" haut seinem Zuschauer die Kritik an der amerikanischen Gesellschaft und dem zunehmendem Einfluss des Reality-TV nicht um die Ohren, aber man bekommt es trotzdem mit. Wenn du ein 16-jähriger Junge bist, kriegst du einen grandiosen Actionfilm. Wenn du ein bisschen älter bist, gibt dir der Film noch was anderes.

Aber werden manche der sehr blutigen, lebensverachtenden Szenen nicht genau an diesem Punkt zum Problem? Den 16-Jährigen interessiert die Kritik herzlich wenig, so lange die Explosionen laut genug sind.

Kinder sind viel schlauer, als die Erwachsenen ihnen das zugestehen. Jeder weiß, dass er einen Film sehen wird. Jeder weiß, dass das nicht die Realität ist. Ein Mensch, der einen Film sieht und zwischen Film und Realität nicht unterscheiden kann, hat schwerwiegende Probleme. Und die haben mehr mit der Gesellschaft zu tun als mit Filmen.

Glauben Sie wirklich, dass diese im Film gezeigte Unterhaltungs-Anarchie unsere Zukunft ist?

Unterhaltungs-Anarchie? (lacht)

Alles für die Quote, selbst Menschenleben. Und dabei fühlt sich der Film nicht mal nach Science Fiction an.

Ich denke, er porträtiert eine nahe Zukunft, die eintreten könnte. Ich plane wirklich, ein Gefängnis zu kaufen und dort Rennen fahren zu lassen und damit eine Menge geld zu verdienen. (grinst breit)

Genau. Und dann übernehmen Sie die Weltherrschaft.

Nein, mal ehrlich: Es ist schon eine glaubwürdige Zukunft. Fakt ist, dass ein Drittel der US-Gefängnisse bereits von Privatfirmen geleitet werden, die damit Profit machen wollen. Es gibt in US-Gefängnissen bereits Zuschauer-Events, wo Leute hingehen, um die Häftlinge kämpfen zu sehen. Viele der Themen im Film sind in Amerikas Gesellschaft längst Realität. Außerdem: Dass Gefangene zur Unterhaltung eines großen Publikums für eine mögliche Freilassung kämpfen, das geht ja zurück bis zu den Gladiatoren im Colosseum. Oder den Rennen im Circus Maximus, um beim Filminhalt zu bleiben.

Ist Reality-TV also ein Rückschritt für die Zivilisation?

Ich sage nicht, dass Reality-TV den Untergang des amerikanischen Imperiums bedeutet, aber ich sage, das Colosseum und der Circus Maximus haben zum Untergang des Römischen Reiches beigetragen. Die Römer waren von den Spielen besessen. Je mehr das Römische Reich zerfiel, desto besessener wurden sie. In unserer Welt ist es offenbar, dass das amerikanische Imperium untergeht. Und dieser Untergang steht meines Erachtens auch in Verbindung mit dem zunehmenden Einfluss des Reality-TV.

Also füttern Sie den Untergang?

(Lacht) Ich kommentiere ihn nur. Ich schüre das Feuer nicht.

In der Gewaltdiskussion sagen die einen, die Medien geben dem Publikum, was es haben will. Die anderen behaupten, das Angebot macht die Nachfrage. Was war denn nun zuerst da, die Henne oder das Ei?

In der Entwicklung des Menschen sind wir noch nicht besonders lange eine zivilisierte Gesellschaft. Ein paar Tausend Jahre, und wir rennen schon wesentlich länger auf dem Planeten herum. Wir sind genetisch darauf programmiert, vor Säbelzahntigern wegzulaufen. Die Menschen damals hatten wesentlich aufregendere Leben als wir heute. Wir müssen normalerweise nicht mehr um unser Leben fürchten. Filme bieten ein wichtiges Ventil für Wut, Angst, für all diese Emotionen, die wir als Menschen brauchen. In Filmen können wir sie begrenzt und kontrolliert erleben.

Und was heißt das nun?

Wir kriegen die Medien, die wir verdienen.