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"Der weiße Planet": Bedrohtes Paradies aus Eis

Die Arktis ist Heimat einer einzigartigen Naturwelt. "Der weiße Planet" zeigt spektakuläre Tier- und Landschaftsaufnahmen einer vom Klimawandel bedrohten Erdregion.

Von Jens Lubbadeh

Nach den düsteren Voraussagen der Wissenschaftler steht es schlecht um die Arktis, sehr schlecht: Bereits in 35 Jahren, so berichteten amerikanische Klimaforscher kürzlich, könnte der Nordpol im Sommer schon ganz eisfrei sein. Das wäre nicht nur der Verlust eines einzigartigen Naturraumes, sondern auch das Ende für viele Tierarten, die im vermeintlich Ewigen Eis leben. Und letztlich wird auch Homo sapiens nicht ungeschoren davonkommen.

Die Regisseure Thierry Piantanida und Thierry Ragobert haben beschlossen, diesem Paradies aus Eis ein filmisches Denkmal zu setzen. Solange es noch ging: "Es gibt keinerlei Garantie dafür, dass die Orte, die wir heute gefilmt haben, diese Großartigkeit der unberührten Natur, im nächsten Jahrhundert noch existieren werden", gaben die beiden Franzosen als ihre Motivation an. Eine "Oper der Wildnis" ist "Der weiße Planet" ihrer Meinung nach geworden. Ein treffender Vergleich - allerdings eine Oper der leisen Töne und starken Bilder.

Der Boden unter den Füßen schmilzt

Der Film beginnt mit der Geschichte des Tieres, das wie kein anderes die Arktis symbolhaft verkörpert: der Eisbär. Und er ist zugleich auch das Tier, das das Leid durch ihre Zerstörung am stärksten deutlich macht. Denn Eisbären sind schon jetzt vom Klimawandel betroffen, weil ihnen buchstäblich durch das Wegschmelzen des Eises der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Der Film beginnt mit einer Eisbärenmutter, die ihre zwei Jungen in einer kalten und lebensfeindlichen Welt durchbringen muss. Jagen und gejagt werden, fressen, um zu überleben. Erfreulicherweise verzichten die Regisseure auf jegliche Verniedlichungs- und Bewertungstendenzen. Jedes Tier wird wertfrei gezeigt und nicht in simple Rollen als Sympathie- oder Antipathieträger gepresst. "Der weiße Planet" ist daher auch ein Gegenpol zu filmischen Vermenschlichungsversuchen wie in "Die Reise der Pinguine", wo den Tieren sogar menschliche Stimmen geliehen wurden.

In unaufgeregten Bildern erzählt

Der Wechsel der Jahreszeiten in der Arktis und wie er das Leben der Nordpol-Bewohner beherrscht - das ist die Geschichte des "weißen Planeten", die sich Jahr für Jahr aufs Neue zuträgt. Die riskanten Wanderungen der Karibus, die dem arktischen Winter entfliehen wollen, arktische Wölfe auf der Jagd, bleiche Beluga-Wale, die wie Mönche einen seltsamen Unterwassertanz aufführen - sie alle haben ihre Rolle in einem Film, der in den gleichen ruhigen und unaufgeregten Bildern erzählt wird, wie man sie zuletzt in "Nomaden der Lüfte" genießen konnte. Sehr sparsam setzen die Regisseure auch den Off-Erzähler ein - gerade richtig, denn es sind die Bilder, die hier erzählen.

"Der weiße Planet" ist ein Film von trauriger Schönheit. Er zeigt eine Welt und ihre Bewohner, die in ihrer totalen Abhängigkeit vom Eis zur Hilflosigkeit verdammt sind. So endet die Dokumentation auch wieder mit der Eisbärenmutter. Ihre Jungen sind nun groß genug und werden sie bald verlassen. Sie erwartet eine zunehmend eisärmere Welt, in der sie sich werden behaupten müssen. Eine Welt, die auch wir unseren Kindern hinterlassen.

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