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"Deutschland - ein Sommermärchen": Im Bett mit Poldi

Immer wieder haben wir während der WM den Mann mit der Kamera gesehen, auf der Ersatzbank, beim Jubeln: Regisseur Sönke Wortmann. Jetzt ist seine Nationalelf-Doku "Deutschland – Ein Sommermärchen" im Kino. Aber es ist kein Märchen.

Von Kathrin Buchner

Man könnte kleinlich sein: Bemerken, dass ein Märchen nicht mit dem schlechten Ende anfangen kann. Und dass man beim Märchen nicht mit dem tragischen Fall der Helden beginnt, in die Vergangenheit zurück zoomt und am Ende doch wieder das Happy End steht. Denn dass es ein Happy End war in diesem Sommer, ist unbestreitbar. Oder gibt es irgendjemand in diesem Land, der bezweifelt, "Weltmeister der Herzen" würde dem Titel eines echten Weltmeisters in irgendeiner Weise nachstehen? Na also.

So schön der Filmtitel auch ist, so sehr er die Euphorie dieses WM-Sommers in Worte kleidet, so gut es passt, dass Wortmann auch aus Düsseldorf stammt wie Heinrich Heine, Verfasser von "Deutschland. Ein Wintermärchen", so wenig ist diese Dokumentation also ein Märchen. Aufgebaut wie ein klassisch-zeitloses Drama von Siegen und Scheitern und von richtigem Timing, konnte dieses Stück nur so stattfinden, weil die Helden nach der rauschhaften Zuspitzung (Sieg gegen Argentinien) kurz vor dem Höhepunkt tragisch gefallen sind (die Niederlage gegen Italien) und sich doch wieder aufgerappelt haben und mit neuer Größe den inneren Schweinehund besiegt haben (Sieg beim Spiel um den dritten Platz gegen Portugal).

Systematischer Aufbau einer Mannschaft

Aber eigentlich ist es inhaltlich die lehrbuchhafte Dokumentation der konsequenten Umsetzung positiven Denkens und eiserner Disziplin. Wie Teammanager Bierhoff das arg verstaubte Schlosshotel in eine schicke Wohlfühllounge verwandelt mit Playstation und Tippkick, wie die Betreuer ein komplettes Club-Med-Amüsier-Programm von Kart-Rennfahren bis Beachvolleyball aufstellt, wie Jogi Löw die technischen Finessen und Schwächen der Gegner an der Chartwand seziert, und vor allem: Wie Klinsi in wahrer Feldherrenmanier seine Jungs anheizt ("brutal zubeißen"), vor jedem Spiel ein bisschen mehr. Bis auf das entscheidende Spiel: Da hat der Imperator das letzte Wort dem Reservisten Frings überlassen. Rituale dürfen nicht gebrochen werden, möchte man ihm zurufen.

Keine Über-Stars, sondern ganz normale Fußballer

Immer wieder musste sich Wortmann fragen lasse, ob eine Zensur stattgefunden habe. Eine relativ überflüssige Behauptung in Zeiten ständiger Verfügbarkeit und unverhülltem Seelenstripping auf allen Kanälen. Hätte es einen Skandal gegeben, wäre er garantiert in der Bildzeitung zu lesen gewesen. Die Stärke der Wortmannschen Dokumentation liegt nicht in der Hinterfragung, sondern der Darstellung von Normalität, der kleinen Gesten. Keine Über-Stars sind hier zu sehen, sondern Jungs, die gut Fußball spielen und als Team zusammenfinden. Die Stärken und Schwächen zeigen. Poldi, morgens in Unterhose im Bett liegend, das Handy wie ein Kuscheltier in der Hand, daneben die leere Chipstüte. Oliver Neuville, der nicht Pinkeln kann, wenn jemand daneben steht. Miro Klose, der in radebrechendem Englisch der Stylistin beim Haare schneiden seine Methoden erzählt, die Nervosität vor dem Spiel zu überwinden ("ziehe immer erst den rechten Socken und Schuh an"). Menschlich. Manchmal auch komisch. Als 20 gestandene Männer wie Schulbuben vor der Bundeskanzlerin sitzen und bei Fragen ins Stottern geraten. Aber auch irgendwie intim. Wie Philipp Lahm beim Einlauf ins Stadion anfängt zu pfeifen, wie Ballack sich davor drücken will, dass der italienische Gegenspieler nach dem Trikottausch auch ihm noch ein Kuss auf die Backe drücken will.

Jenseits des Jubels im Grunewalder Schlosshotel

Eine Frage wird auf jeden Fall geklärt: Warum die Spieler so völlig paralysiert vor dem Brandenburger Tor standen. Denn während sich die Deutschen über einen Monat lang mit Deutschland-Fahnen in der Hand und fremden Trikots über der Brust sich auf öffentlichen Plätzen mit Gästen aus aller Herren Länder verbrüderten, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes umarmten, waren die Nationalspieler abgeschottet in ihrem Berliner Hauptquartier, das anmutet wie ein Ferienlager der Luxusklasse. Und während die Spieler nach der Halbfinal-Niederlage noch komplett niedergeschlagen diskutieren, ob und wo sie sich noch mal den Fans präsentieren sollten, direkt nach dem Spiel in Stuttgart oder in Berlin, wird klar, wie weit entfernt sie von der Realität sind. Dass Millionen im Lande völlig durchdrehten, drang nur in Ausschnitten über den Fernseher ein. Dabei entstand eine der großartigsten Szenen, als Oliver Kahn am Bildschirm ein Interview mit Klinsi, in dem er Lobeshymnen über Kahns tadelloses Verhalten ablässt, mit völlig emotionslosem Gesichtsausdruck verfolgt.

Interviews unterbrechen Flow

Das Einzige, was man Wortmann tatsächlich sagen möchte. Warum, um Himmels Willen, hat er sich zeitweise in die antiquierte Form des klassischen Reporters begeben? Die Interviewszenen bremsen den schönen Flow des Films, machen ihn langsam und behäbig. Auch wenn Betreuer, Masseure und Busfahrer Teil des Teams sind, man kennt sie einfach nicht. Und wer so tolle Szenen hat um die Psychologie des positiven Denkens zu zeigen, muss nicht darüber sprechen. Die Kommentare Klinsis im Nachhinein, aufgenommen in Huntington Beach, sind von der Dramaturgie so spannend wie die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers. Lieber hätte man noch ein paar bewegende Momente gesehen. Zumal Klinsis Gesicht in Nahaufnahmen so oft mehr aussagt als in nüchterner Interview-Situation. Wie er guckt, bevor seine Jungs gegen Argentinien antreten. Dieser skeptische Blick. Dieses Nicht-Fassen-Können, dass seine Jungs so weit gekommen sind. Als er beim Anblick der zehntausend Fans in der Stuttgarter Innenstadt von Freude überwältigt "die Schwoben, die Schwoben" schreit.

Nicht märchenhaft, aber magisch fängt Wortmann die Euphorie eines Sommers ein. Und garantiert wird dem einen oder anderen bei der Erinnerung an einen rauschhaften Sommer eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Das ist wahrhaft karthartisch-befreiend und macht ein gutes Drama aus.