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"Die Reise des jungen Che": Motorradtour mit historischen Folgen

Im Alter von 23 Jahren startete Ernesto Guevara mit einem Freund eine Motorradtour durch Südamerika. Der Film schildert, wie diese Reise den Medizinstudenten für immer verändert.

Im Jahr 1952 setzten sich zwei junge Männer in Buenos Aires auf ein klappriges Motorrad und starteten zu einer großen Tour. Der ältere der beiden hieß Alberto Granada, ein lebenslustiger Typ, der nun ein Greis ist. Doch nicht er ist es, der die wagemutige Expedition durch halb Südamerika so erinnerungswürdig macht: Es war der 23-jährige Ernesto Guevara, ein asthmakranker Medizinstudent, der damals seine lange Reise in den revolutionären Weltruhm begann, den er so teuer bezahlte und der gerade deshalb lebendig bleibt.

"Die Reise des jungen Che" ist folglich auch der Titel des Films, den der brasilianische Regisseur Walter Salles vor den grandiosen Kulissen eines Kontinents inszenierte, dessen extreme sozialen Unterschiede immer wieder Unruhen provozieren. Salles zeigt die Revolutions-Ikone "Che" in einem Lebensabschnitt, in dem noch nichts entschieden ist und sich doch schon fast alles entscheidet. Auch das macht seinen an überwältigenden Landschaftsbildern überreichen Film so faszinierend. Die Kinobesucher lernen einen jungen Idealisten kennen, der alle Chancen auf eine angepasste bürgerliche Karriere gehabt hätte.

Begegnung mit gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten

Was als ziemlich chaotisch geplante Reise von zwei abenteuerlustigen Argentiniern beginnt, entwickelt sich nämlich immer mehr zu einer Begegnung mit schreienden gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten auf einem Kontinent, dessen Geschichte seit seiner Entdeckung und Inbesitznahme durch Europäer mit unendlich viel Blut, Leid und Ausbeutung geschrieben wurde. Der junge Che wird nicht aus dem Grund zum späteren Revolutionär, weil er Marx, Lenin oder Mao liest, sondern mittels eigener Anschauung empörender Missstände. Che wie die Zuschauer erfahren diese Missstände ganz sinnlich, und somit viel intensiver als nur bei abstrakt intellektueller Lektüre.

Drehbuchautor Jose Rivera hat die Handlung des Films nach den Reisetagebüchern von Guevara und Granado rekonstruiert, mehr als 30 Originalschauplätze kommen ins Bild. Mit dem jungen mexikanischen Schauspieler Gael Garcia Bernal, der derzeit auch in Pedro Almodóvars "La mala educacion" zu sehen ist, hat Salles die richtige Besetzung für die Che-Rolle gefunden: Bernal ist gut aussehend, wirkt aber träumerisch und energiegeladen genug, um glaubwürdig den späteren Revolutionär zu verkörpern. Der argentinische Bühnenstar Rodrigo de la Serna als Reisegefährte Granado ist mehr als nur eine Nebenfigur.

Che wird weder verklärt noch entzaubert

Es gibt durchaus witzige Szenen in dem Film. Doch der Grundton ist ernst, denn hier findet ein Mann seine Berufung, die er viele Jahre später in Bolivien mit dem frühen Tod bezahlen wird. Er hätte es sich nach dem Sieg seines Freundes Fidel Castro in Kuba bequem machen können, aber er wählte das Risiko. Diese Entscheidung ist, wie immer das politische Wirken Guevaras zu beurteilen ist, die Basis des Mythos um "Che". Wer den Film von Walter Salles gesehen hat, wird besser verstehen, warum der erfolgreiche Revolutionär Ernesto Guevara sich für seinen Kontinent und gegen einen Ministerposten mit Pension entschied.

Alberto Granada, der einstige Reisegefährte des Che, ist in dem anrührenden Nachspann des Films als alter Mann zu sehen, der mit seinem von den Wundmalen des Lebens gezeichneten Gesicht einem startenden Flugzeug nachschaut - wie viele Jahre zuvor in Venezuela, als sein Freund zurück nach Buenos Aires flog, um dort sein Studium fortzusetzen. Granada lebt schon lange auf Kuba, wohin er Guevara nach dem Sieg der Revolution gefolgt war. Der Greis blickt in dieser Szene wehmütig zurück auf eine verlorene Jugend und einen Freund, der Spuren auf dieser Welt hinterlassen hat. Es ist das melancholische Ende eines Films, der Ernesto Che Guevara weder verklärt noch entzaubert.

Wolfgang Hübner , AP / AP