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"Dumplings - Delikate Versuchung": Für ewige Jugend sind Föten vonnöten

Wer träumt nicht von einem Rezept, das zu ewiger Jugend und Schönheit verhilft? Die Köchin Mei verfügt darüber - allerdings sind die Zutaten äußerst pikant.

Von Carsten Heidböhmer

Qing (Miriam Yeung) war einmal eine schöne Frau und ein gefragter Fernsehstar in Hongkong. Zumindest in den Augen ihres Ehemanns (Tony Leung Kar-fai) sind ihre besten Jahre lange vorbei: Er vergnügt sich lieber mit seiner Sekretärin und anderen jungen Frauen. Um für ihren Mann wieder attraktiv zu werden, sucht sie die Köchin Mei (Bai Ling) auf, die ihr Geld vormals in China mit Abtreibungen verdiente. Sie verfügt - so erzählt man sich - über ein Mittel, das den Alterungsprozess umkehrt. Wer von ihren Teigtaschen probiert, soll Jugend und Schönheit erlangen. Und so kostet auch Qing von der geheimnisvollen Speise.

Was sie nicht weiß: Damit die Teigtaschen ihre volle Wirkung entfalten können, braucht Mei frische Embyos, die idealerweise fünf Monate alt sind. Diese bezieht Mei aus einer chinesischen Abtreibungsklinik (die Ein-Kind-Politik der Regierung produziert Abtreibungen am laufenden Band) und schmuggelt sie über die Grenze nach Hongkong. Als Qing nach immer neuen Teigtaschen verlangt, muss Mei neue Wege bei der Beschaffung von Nachschub gehen.

Bilder von großer Eleganz und Schönheit

Regisseur Fruit Chan ist ein verstörender, mit schwarzem Humor getränkter Horrorfilm gelungen, der seine Wirkung gerade aus der Vermeidung gängiger Genre-Klischees gewinnt. Das Grauen wird hier in Bildern von großer Eleganz und Schönheit serviert. Kameramann Christopher Doyle, der seit Jahren die Bilder zu Wong Kar-wais Filmen liefert, fängt die Stimmung mit eigenwilligen Bewegungen ein: Die Kamera gleitet ruhig durch den Raum, bleibt aber immer wieder bei alltäglichen, bisweilen ganz banalen Gegenständen stehen. So entfaltet sie einen starken Sog, dem sich der Zuschauer kaum entziehen kann. Wenn Doyle die Zubereitung der Teigtaschen filmt, ist dies für den Zuschauer gleichermaßen Appetit anregend wie Ekel erregend.

Auch akustisch hebt sich der Film von genretypischen Gepflogenheiten ab. Chan verzichtet auf einen durchgehenden, mit Schreckenseffekten durchsetzten Soundtrack zugunsten von vielen stillen Passagen, vor denen sich der gezielte Einsatz von akustischen Elementen umso stärker abhebt. So erzeugt der Verzehr von Teigtaschen durch unheimliches Knirschen und Knacken einen subtilen Nervenkitzel, der weitaus effektiver ist als martialische Bilder oder Gekreische.

Bestechende schauspielerische Leistungen

Der Film brilliert vor allem mit seiner großartigen Besetzung. Bai Ling und Miriam Yeung bilden ein nicht nur optisch beeindruckendes Gespann. Vor allem die diesjährige Berlinale-Jurorin Bai Ling zeigt, dass sie weit mehr kann als knapp bekleidet über den roten Teppich zu laufen. Die Rolle der verführerischen Köchin ist ihr wie auf den Leib geschnitten. Tony Leung Kar-fai brilliert als Hongkonger Geschäftsmann, dessen zweiter Beruf Playboy ist.

Die Thematik von "Dumplings" ist höchst aktuell. In Zeiten des grassierenden Jugend- und Schönheitswahns ist es legitim, nach den Schattenseiten dieses Strebens zu fragen, die Folgen auszuloten. Selten zuvor sind die inhumanen Konsequenzen der eitlen Anmaßung so grausam in Szene gesetzt worden wie hier. In letzter Konsequenz stellt sich die Hauptfrage des Films jedem einzelnen unserer Gesellschaft: Wie weit wirst du gehen, um deinen Hunger nach Schönheit zu stillen? Wer diesen Film gesehen hat, entdeckt plötzlich die positiven Seiten des natürlichen Alterungsprozesses wieder - angesichts der künftigen Altersstruktur des Landes ein wohltuender Nebeneffekt.

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