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"Fluch der Karibik 2": ...und 'ne Buddel voll Rum...

Was ist eigentlich so toll an Piraten? Anlässlich des Filmstarts von "Fluch der Karibik 2" hat sich Bestsellerautor John Griesemer den Freibeutern angenähert - exklusiv für den stern.

Wenn ein Schauspieler seine Rolle hervorragend rüberbringt, bleibt das anderen Schauspielern nicht verborgen. Deshalb war ich begeistert, als ich Johnny Depp in "Fluch der Karibik" sah.

Ich habe mir den Film vor drei Jahren in einem Autokino angesehen. Im ländlichen New Hampshire geht das so: Man fährt mit dem Lieferwagen ins Autokino, parkt mit dem Heck zur Leinwand, stellt Stühle auf die Pritsche und macht es sich unterm Sternenhimmel gemütlich. Ich war mit meiner Tochter und ihren Freundinnen dort. Irgendwo hatte ich gehört, der Film basiere auf einer der Attraktionen in Disney World. Deshalb hegte ich also keine besonders großen Erwartungen.

Doch als Depp als Käpt'n Jack Sparrow auf der Leinwand erschien, fand ich seinen Auftritt ziemlich cool. Später erfuhr ich, dass er sich bei der Darstellung des Käpt'ns an Keith Richards, dem Gitarristen der Rolling Stones, orientiert hatte.

Perfekt, dachte ich. Keith - der große Rock'n'-Roll-Pirat. Glänzende Idee, Mr. Depp.

Danach empfahl ich meinen Freunden, sich den Film anzusehen.

Diesen Sommer, in dem "Fluch der Karibik 2" in die Kinos kommt, bin ich im Juni durch Deutschland gereist und habe mit vielen Menschen über meine Bücher und über Piraten gesprochen. (Natürlich auch über Fußball, aber das ist eine andere Geschichte.)

Ich fuhr mit dem Schiff nach Deutschland. Auf hoher See sind wir zwar keinen Piraten begegnet, doch wir machten einen Zwischenstopp auf den zu Cornwall gehörenden Scilly-Inseln, einem ehemals bedeutenden Stützpunkt englischer Piraten. Wir bekamen ein paar der versteckten Buchten und Felsenverstecke zu sehen, von denen aus die Seeräuber englische Handelsschiffe überfielen. Doch im Auftrag der Krone griffen ebendiese Piraten auch die Spanier oder Franzosen an. So war das damals: Die Piraten waren flexibel. An einem Tag waren sie Banditen, am nächsten Patrioten.

Um ein bedeutender Pirat zu werden, musste man früher ein Mann (oder eine Frau, denn es gab auch weibliche Piraten) mit beträchtlichen Fähigkeiten und großem Geschick sein. Piratenkapitäne - das waren gute Seeleute, fähige Personalchefs, clevere Geschäftsleute und, bei Seeschlachten, furchtlose Strategen. Sie mussten aufrührerische und blutdürstige Mannschaften im Zaum halten. Sie mussten ständig unter Beweis stellen, dass ihre Beutezüge sich lohnten. Sie mussten in allen Häfen der Welt mit skrupellosen Kaufleuten und Beamten verhandeln, damit ihre Schiffe jederzeit sicher und gut in Schuss waren. Es war nicht leicht, ein Pirat zu sein.

Doch es ist leicht zu verstehen, warum sich um die erfolgreichen Piraten Legenden rankten und sie solchen Ruhm ernteten. Sie waren Verbrecher, klar, aber mit großem Geschick, viel Wissen und jeder Menge Grips.

Wir alle hören gern

Geschichten über Schurken, und die Piraten damals waren gewaltige Schurken. Im Lauf der Zeit ist der Schrecken ihres Blutvergießens und ihrer Grausamkeiten verblasst, und wir sehen nur noch den romantischen Zauber ihrer Tapferkeit und Verwegenheit.

Auf der Fahrt über den Atlantik hatte ich Robert Louis Stevensons "Schatzinsel" dabei, den berühmten Piratenroman aus dem 19. Jahrhundert.

Die große Figur in der Schatzinsel, der Pirat, dem wir das Holzbein, den Papagei auf der Schulter, die tollen Sprüche und das Lied verdanken, das im Originaltitel für Depps Film auftaucht ("Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest"), heißt Long John Silver. (Den Text von Silvers Lied kennen wir alle: "Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, Jo-ho-ho und 'ne Buddel voll Rum.")

Der britische Schauspieler Robert Newton aus der Disney-Verfilmung der "Schatzinsel" von 1950 ist der bisher berühmteste Long John Silver. (Schon wieder Disney. Dort steht man offenbar auf Piraten.) Newton hielt sich an Stevensons Vorstellungen, fügte aber mit knurriger Stimme, rollenden Augen und unvergänglichem Frohsinn noch eine Prise Verrücktheit hinzu.

Newtons Long John Silver gab den Anstoß zu einer Website, auf die ich vor kurzem zufällig stieß: www.talklikeapirate. com. Wenn man diese Website besucht und einen beliebigen englischen Text eingibt, wird das Ganze in "Piratensprech" wieder ausgespuckt. Hiesige Piratenfreunde brauchen sich nicht zu grämen - während meiner Deutschlandreise fand ich heraus, dass es auf talklikeapirate.com auch einen deutschen Link gibt.

In Rostock erzählte mir

eine Frau von dem berühmten deutschen Seeräuber Klaus Störtebeker, der im 14. Jahrhundert die hanseatischen Kaufleute überfiel. Er besaß alle wichtigen Pirateneigenschaften, doch am beeindruckendsten, noch beeindruckender als sein Angebot, sich die Freiheit zu erkaufen, indem er die Stadt Hamburg mit einer Goldkette umspanne, fand die Frau seine Entschlossenheit im Angesicht des Todes. Störtebeker wurde gefangen genommen und sollte enthauptet werden, doch die Obrigkeit hatte sich bereit erklärt, alle Mitglieder seiner Mannschaft freizulassen, an denen er nach vollzogenem Urteil noch vorbeigehen könne.

Voll Rührung erzählte die Frau, der enthauptete Störtebeker sei noch an elf Männern vorbeigewankt, bevor ihm der verräterische Scharfrichter ein Bein gestellt habe.

"Noch im Tod", sagte die Frau, "tat er alles, um das Leben seiner Mannschaftsmitglieder zu retten."

In Norden in Ostfriesland lernte ich einen Herrn kennen, der ein weniger romantisches Bild von Piraten hat. Er arbeitete knapp zwei Jahrzehnte lang als Oberingenieur auf Frachtschiffen, die rund um den Globus unterwegs waren. Er sagte, Piraten seien für die Weltschifffahrt noch immer ein Riesenproblem. Ihre größten Operationsgebiete lägen im südchinesischen Meer und inzwischen auch vor der Küste Somalias.

Die heutigen Piraten treten als Banden auf, fahren Schnellboote, schlagen blitzschnell zu und beseitigen bedenkenlos jegliche Zeugen. Anscheinend wissen sie ganz genau, welche Schiffe sie überfallen müssen, vermutlich weil sie mit korrupten Zollbeamten zusammenarbeiten.

Der Seemann aus Norden

erzählte, er und seine Mannschaft hätten zum Schutz vor Überfällen die Luken und Türen auf ihrem Schiff zugeschweißt und sich mit Schusswaffen auf der Brücke verbarrikadiert, wenn sie durch diese piratenverseuchten Gewässer fuhren. An den Schiffsseiten hätten sie zusätzliche Lampen aufgehängt, um Überraschungsangriffen entgegenzuwirken. Er sagte, er sei kein einziges Mal überfallen worden, und darüber war er sehr froh. Was Piraten betrifft - die sind eben doch am besten in Büchern oder Filmen aufgehoben.

Seit meiner Rückkehr nach Amerika warte ich darauf, dass "Fluch der Karibik 2" in den Kinos anläuft. Es heißt, bei den Dreharbeiten sei auch gleich der dritte Teil mitgefilmt worden, in dem Keith Richards in einer Nebenrolle Jack Sparrows Vater spielen sollte, aber wegen der Welttournee der Rolling Stones absagen musste. Ob Rock'n'Roll- oder Filmstar ... es ist nicht leicht, Pirat zu sein.

(Deutsch von Thomas Gunkel)

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