"Geheime Staatsaffären" Madame Charmant-Killman klärt auf


Jedes Jahr einen neuen Chabrol - und wer sich für feingeistigen französischen Film interessiert, ist gewöhnlich gut bedient. Auch diesmal spielt Isabelle Huppert die Hauptrolle als berechnende und unerbittliche Karriere-Richterin.

Wenn eine Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman heißt, dann ist der Name - zumal es sich um eine erdachte Kinofigur handelt - bereits Programm. Die zierliche Juristin kommt in Paris den dunklen Machenschaften mächtiger Männer aus Politik und Wirtschaft auf die Spur. Madame Charmant-Killman folgt dieser mit Konsequenz, wobei sie sich mehr dem zweiten Teil ihres beziehungsreichen Doppelnamens verpflichtet weiß und deshalb eine Kettenreaktion auslöst, bei der sie selbst in Gefahr gerät.

Der am 20. Juli in den Kinos startende Film, der diese Geschichte erzählt, hat den Titel "Geheime Staatsaffären" und wurde von Frankreichs Altmeister Claude Chabrol mit der unvergleichlichen Isabelle Huppert in der Hauptrolle der Untersuchungsrichterin in Szene gesetzt. Der 110-minütige Streifen wurde bereits im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale gezeigt, die Reaktionen dort waren nicht allzu begeistert.

Ein typischer Chabrol

Denn "Geheime Staatsaffären" ist ein fast immer unterhaltsames, aber doch etwas laues und zu wenig brisantes Spätwerk des inzwischen 76-jährigen Regisseurs, der mit bewundernswerter Beharrlichkeit Jahr für Jahr einen neuen Film präsentiert. Natürlich geht es auch in dieser Handlung, deren Drehbuch Chabrol zusammen mit Odile Barski verfasste, um bürgerliche Abgründe und kriminelle Verwicklungen angesehener Männer.

Wespennest abgefeimter Machenschaften

Der Originaltitel "L'ivresse du pouvoir" bedeutet exakt übersetzt "Machttrunkenheit", was das Gehabe einiger der handelnden Figuren gut charakterisiert. Für den Kater sorgt eben jene wackere Madame Charmant-Killman, die aber selbst keineswegs vor Machttrunkenheit gefeit ist. Chabrol ist und bleibt ein hintersinniger Filmemacher, dem das schlichte Moralisieren vieler Hollywoodfilme völlig wesensfremd ist. Man mag sie bewundern, diese mutige Juristin, die ins Wespennest abgefeimter Machenschaften auf höchster Ebene sticht.

Ehebeziehung als Schwachstelle

Doch eine echte Sympathieträgerin ist jene von der Huppert brillant verkörperte Frau nicht. Wie sie mit ihrem Mann oder den Verdächtigen umgeht, das ist doch sehr kalt, sehr egoistisch. Nicht umsonst hat sie den Spitznamen "Piranha", was bekanntlich kein Zierfisch ist. Chabrol hat sich bei der etwas zu verwirrenden Handlung an dem spektakulären Skandal um den französischen Ölkonzern Elf Aquitaine orientiert, bei dem auch eine Untersuchungsrichterin die entscheidende Rolle spielte. Möge das Privatleben der realen Juristin etwas freundlicher sein als das der reichlich frustrierten Ehefrau und Mutter, die Madame Charmant-Killman nebenbei auch noch ist. Ausgerechnet das gespannte, dramatisch eskalierende Verhältnis der Untersuchungsrichterin zu ihrem Mann ist eine Schwachstelle der Geschichte.

Beziehungssektion gescheitert

Was Chabrol ansonsten so brillant versteht, nämlich Beziehungen sezieren, das gerät ihm diesmal daneben. Der Konflikt der beiden Eheleute wirkt aufgesetzt, die Reaktion des Mannes völlig übertrieben. Offenbar war der Altmeister zu sehr damit beschäftigt, die politische Intrige halbwegs transparent zu gestalten, um auch noch Kraft für eine überzeugende Durcharbeitung der privaten Nebenhandlung zu finden.

Begnadete Hauptdarsteller

Mit François Berleand und Patrick Bruel sind die Rollen der bourgeoisen Bösewichte vorzüglich besetzt. Aber Dreh- und Angelpunkt des Films ist die Huppert, von der Chabrol, der schon so oft und erfolgreich mit ihr zusammengearbeitet hat, schwärmt: "Ohne sie wäre mir der Film sehr schwer gefallen. Wer sonst hätte diese starke Zerbrechlichkeit darstellen können? Isabelle hat diesen Aspekt der kleinen kämpferischen Frau, der mich zutiefst berührt!" Auch ein schwächerer Chabrol ist immer noch ein sehenswerter Film, zumal wenn er die nur 1,52 Meter große Isabelle Huppert auf der Höhe ihres Könnens zeigt.

Wolfgang Hübner/AP AP

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