64. Filmfestspiele von Venedig Krieg, wütende Altmeister und Lichtblicke


Nach einem vom Krieg geprägten Wettbewerb endeten die 64. Filmfestspiele von Venedig überraschend mit einem Triumph für den amerikanisch-taiwanesischen Regisseur Ang Lee. Die Jury unter Zhang Yimou musste über einen vielschichtigen, von harter Realität geprägten Wettbewerb richten.
Von Marcus Rothe, Venedig

Die am friedlichen Lido heimische Mostra muss als Veteranin unter den Filmfestivals um ihre Stellung kämpfen. Besonders an ihrem 75. Geburtstag wollte sie sich nicht von der letztes Jahr ins Leben gerufenen Konkurrenz der "Festa del Cinema" in Rom das Wasser abgraben lassen. Um nicht von den jungen Römern überholt zu werden, hat der Festivalchef Marco Müller, dessen Vertrag Ende des Jahres ausläuft, bei der italienischen Regierung das nötige Geld lockergemacht, um dem faschistischen Palazzo del Cinema den Rücken zu kehren und ab 2008 am anderen Ende der Insel ein hochmodernes Festivalzentrum zu bauen. Für die 64. Mostra del Cinema setzte er auf einen Cocktail von Kunst und Glamour.

Viele Hollywood-Filme mit im Rennen

Im kriegerischen Wettbewerb waren erstaunlich viele Hollywood-Filme ins Rennen um den Goldenen Löwen gegangen. Auch rüstige Altmeister wie Manoel de Oliveira (98), Eric Rohmer (87), Woody Allen oder Youssef Chahine (81) zeigten Flagge. Neben den Regie-Größen hatte Müller eine Armada beinahe ausschließlich männlicher Stars von Jude Law bis Richard Gere aufgeboten: Sie machten der alten Dame von Venedig wieder Beine und brachten die jugendlichen Zaungäste am roten Teppich zum Kreischen.

Schließlich wurde Hollywood auch bei den Preisregen bedacht: Brad Pitt gewann für seine Rolle als melancholischer Bandit in "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" von Andrew Dominik den Preis als bester Darsteller. Zum Lido kam er mit Gattin Angelina Jolie und den Kindern, winkte brav, aber wurde beim Bad an der Menge dann von einer erhitzten Verehrerin in den Schwitzkasten genommen. Der filigrane Dandy Adrian Brody - der in Wes Andersons schrägem Indien-Trip "Darjeeling Illilited" agierte - hatte dagegen sich und die Taille seiner spanischen Freundin Elsa Pataky fest im Griff, während der ironische Schwerenöter George Clooney bei der Premiere von "Michael Clayton" gerne den Zwerg an der Seite der aristokratischen Tilda Swinton spielte.

Atemberaubende Kino-Diven blieben aus

Wahre Begeisterungsstürme aber löste Johnny Depp vor dem Palazzo aus: Er kam, um seinem Mentor Tim Burton im weißen Retro-Smoking einen Goldenen Löwen für seine Karriere zu überreichen. Alle schienen sich an den edlen Dresscode in weiß zu halten. Einzig der legere Heath Ledger entzog sich dem modischen Diktat konsequent bis zur Abschlussgala: Als einer der sechs Bob Dylan-Interpreten in Todd Haynes kunstvollem Puzzle "I’m not here " fühlte sich der Bohemien zum Widerstand gegen die Normen verpflichtet.

Law, Pitt, Clooney, Ledger, Depp oder Brody bewiesen auf dem roten Teppich zwar männliche Eleganz, aber atemberaubende Kino-Diven blieben diesmal aus - nicht nur zum Leidwesen des italienischen Publikums. Die ätherische Keira Kneightley hatte das Festival mit "Atonement" eröffnet und Charlize Theron kam im weißen Spitzenkleid zur Premiere von Paul Haggis Kriegsheimkehrer-Drama "In the Valley of Elah". Ansonsten aber machte sich weiblicher Glanz rar. Dass Cate Blanchett mit der Coppa Volpi als beste Darstellerin ausgerechnet für eine Männerrolle ausgezeichnet wurde, passte gut ins Bild: Sie überzeugte als androgyner Bob Dylan auf England-Tournee in "I’m not here".

Brian de Palma verstörte und rüttelte auf

Die verheerende Wirkung männlicher Konkurrenz zeigte Kenneth Branagh in "Sleuth": Dort kämpfen Michael Caine als rachsüchtiger und gehörnter Intellektueler und Jude Law als arbeitsloser Schauspieler mit perfiden Mitteln um eine unsichtbare Frau.

Brian de Palma hat in "Redacted" - ausgezeichnet mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie - einem fiktionalisierten Video-Tagebuch aus dem Irak-Krieg, seiner Wut Luft gemacht: Er zeigt die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche fragmentarisch aus unterschiedlichen Perspektiven und Bilderquellen. De Palma stützt sich auf grausame Fakten und filmt, wie zwei amerikanische, an einem Checkpoint stationierte US-Soldaten, eine 15-jährige Irakerin vergewaltigen und töten. Er liefert keine moralische Entrüstung, fragt nicht nach der Schuld sondern fragt: Wie gehen wir mit Bildern um? Ist das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ? "Redacted" folgt de Palmas Obsession für Voyeurismus und Politik. Wenn seine Kamera am Ende auf die verstümmelten Kriegsopfer zoomt, will er bewusst die Grenzen des Erträglichen überschreiten. Kann, will oder darf man das Leiden der anderen goutieren? Eins hat de Palma mit seinem bissigen und ambivalenten Pamphlet erreicht: am friedlichen Lido nachhaltig zu verstören und aufzurütteln.

Haggis setzt auf uramerikanisches Erzählkino

Paul Haggis inszenierte "In the Valley of Elah" lieber die mentalen Schäden der amerikanischen Irak-Krieger an der Heimatfront. Anders als der experimentierfreudige de Palma setzt Haggis auf das uramerikanische Erzählkino: Ein ehemaliger Soldat (mit steinernem Minimalismus gespielt von Tommy Lee Jones) sucht auf eigene Faust nach den Mördern seines aus dem Irak-Krieg zurückgekehrten Sohns. Die Kriegsrealität taucht in den verwackelten Bildern der Handy-Kamera des Ermodeten auf. Um den amerikanischen "Kampf für die gute Sache" zu hinterfragen, betrauert Haggis den Werteverfall und sucht mit moralischen Mitteln nach Balsam für seine gebeutelten Landsmänner.

Der soziale Realist Ken Loach zeigt in seinem Immigranten-Opus "It’s a free world" (der in Venedig für das Drehbuch von Paul Laverty ausgezeichnet wurde) die pragmatische Überlebenskämpferin Angie (Kierston Wareing), die im heutigen London, die Spielregeln der Globalisierung zu ihren Gunsten wenden und aus der billigen Arbeitskraft der Immigranten Profit schlagen will. Trotz Einfühlung in seine Figur, überschattet am Ende Loachs Anklage des "bösen" Systems Angies persönliches Schicksal.

Scheinbar entrückt inszeniert der inzwischen 87-jährige Eric Rohmer sein Schäferspiel "Die Liebe von Astrée und Céladon" als grünes Paradies voller Druiden und Nymphen. Anhand einer Liebesprobe stellt Rohmer seine moralische Fragen mit altersmilder Ironie und einem erotischen Charme am Rand der Lächerlichkeit.

Ang Lees Thema mal wieder: das Individuum und die Gesellschaft

Rohmers früherer Nouvelle-Vague-Kollegen Claude Chabrol seziert die treibenden Kräfte der Gesellschaft - Sex, Macht und Jugend - als ein gnadenloses Tauschgeschäft. In "La Fille coupée en deux" bringt die Wetterfee Gabrielle (Ludivine Sagnier) eines Lokal-Senders nicht nur einen alternden erotomanen Schriftsteller (François Berléand), sondern auch einen verzogenen Millionenerben (Benoit Magimel) um den Verstand. In der Satire bleiben der alte Lüstling und der junge Schnösel auf der Strecke, aber Chabrol nimmt die inneren Widersprüche seiner der jungen Heldin ernst, die in ihrem Ehrgeiz zum gesellschaftlichen Aufstieg nicht über Leichen geht, und schließlich ihr eigenes Herz verliert.

Eine ähnliche Geschichte erzählt Ang Lee. In Venedig gewann er vor zwei Jahren mit seinem subtilen Cowboy-Drama "Brokeback Mountain" den Goldenen Löwen. Diesmal spielt sein erotischer Spionagefilm "Lust, Caution" während des Zweiten Weltkriegs im japanisch besetzten Schanghai. Mehr als der historische Kriegshintergrund interessiert Lee wieder die Spannung zwischen Individualität und Gesellschaft. So filmt er die leidenschaftliche Liaison zwischen einer chinesischen Mata Hari und einem chinesischen Kollaborateur in langen und expliziten Sexzenen. Darin zeigt sich, wie die junge Chinesin, die den Kollaborateur ihren Freunden aus dem Widerstand in die Arme treiben soll, mehr und mehr dem Charme ihres Opfers erliegt.

Obwohl Lee schließlich die Lust über das politische Kalkül triumphieren lässt, fehlt seiner tragischen Liebesgeschichte - die nicht nur die Präsenz von Darsteller Tony Leung auf den Spuren von "In the mood for love" wandelt - trotz der sexuellen Grenzüberschreitungen ein echter Elan.

Kechiche hätte den Goldenen Löwen verdient

Mitreißende Vitalität brachte der französische Regisseur tunesischer Herkunft Abdelatif Kechiche durch sein Familenepos "La Graine et la Mule" (Spezialpreis der Jury) in den Wettbewerb: Ein entlassener arabischer Hafenarbeiter Slimane Beiji (Habib Boufares) will auf einem alten Schiff am Hafen der südfranzösischen Stadt Sète ein Couscous-Restaurant eröffnen.

Angespornt von seiner Stieftochter Rym (Hafsia Herzi, die als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde) spannt er seine Kinder und (Ex-)Frauen ein, um bei einem großen Fest die lokalen Entscheidungsträger von seinen ehrgeizigen Plänen zu überzeugen. Ohne folkloristisch zu werden, schaffen Kechiches Schauspielerensemble, die nervöse Kamera und die wilden Sprachkaskaden (vor allem von Hafsia Herzi als Rym) eine neorealistische tour de force. Anhand des Schicksals einer Einwandererfamilie schlägt Kechiches Film Brücken zwischen den Gefühlen und der Politik, dem Heldentum und der Zurückhaltung, der Gesellschaft und dem Einzelnen - dafür hätte er den Goldenen Löwen verdient.

Nikita Michalkow erzählt in "12": Zwölf ganz unterschiedliche russische Geschworene müssen über das Schicksal eines tschetschenischen Jungen entscheiden, der seinen russischen Stiefvater umgebracht haben soll. Michalkow lässt sich dabei vom Film Sidney Lumets "Die 12 Geschworenen" aus dem Jahr 1957 inspirieren. Obwohl er die Sitzungen der Geschworenen und ihre virtuosen Monologe immer wieder mit brutalen Rückblenden aus dem Tschetschenien-Krieg unterbricht, scheint ihn diese Realität nur am Rande zu interessieren. Ihm geht es die Schuldfrage, die schwierige Wahrheitsfindung, die überwindung von Hass und Vorurteilen - und um die Hymne auf die russische Seele: Für seinen pompösen Cocktail aus guten Absichten wurde er mit einem Goldenen Spezial-Löwen ausgezeichnet.

Cate Blanchett ist großartig in "I‘m not here"

Das neben "Redacted" interessanteste Experiment wagte Todd Haynes. Er erzählt in "I’m not here" (Spezialpreis der Jury) von der zersplitterten Identität eines Künstlergenies: Richard Gere, Christian Bale, Heath Ledger, aber allem die großartige Cate Blanchet verkörpern die verschiedene Facetten Bob Dylans - vom Schauspieler, Protestsänger, Prediger und Rockhelden - ohne dabei zu bewundernden Posen zu gerinnen. Haynes verliert sich in seinem ambitionierten Puzzle zuweilen, aber beschert auch pure Kinoträume: Wenn sich Dylan alias Heath Ledger in seine spätere (Ex-)Frau verliebt und sich die alles überragende Charlotte Gainsbourg zu Dylans "I want you" auf ihn stürzt - dann zündete am Lido trotz Konflikt und Krieg endlich ein Funken vom Glück.


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