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Toronto Film Festival: Paranoia, Dämone und Traumata

Alle waren sie da, die großen Stars und Schauspielers Hollywoods. Doch beim Toronto International Film Festival ging es weniger um Glamour als um politische Inhalte. Ein halbes Dutzend Filme kreisten um den Irak-Krieg und die Folgen des 11. Septembers. Auch der Rest der Werke spiegelt ein zutiefst verunsichertes Amerika. Eine Bilanz von Bernd Teichmann.

Auch das nehmen die Torontinos gelassen. Ihr Wahrzeichen, der Canadian National (CN) Tower, ist nicht mehr das höchste Gebäude der Welt. Aus Dubai kam die Meldung, dass der im Bau befindliche Burj Dubai soeben die 560-Meter-Grenze (810 sollen es bis 2008 werden) überschritten hat - sieben Meter mehr. "We're No. 2 and we don't care", titelte die National Post. Alles easy, Leute, es gibt Schlimmeres.

Ein Blick in die Zeitungen verrät auch: Das 32. Toronto International Film Festival ist über die Ziellinie gegangen. Nur noch spärlich die Berichterstattung, keine Gala- und Party-Schnappschüsse mehr. Und der kanadische Abschlussfilm "Emotional Arithmetic", ein exquisit gespieltes (Susan Sarandon, Christopher Plummer und Max von Sydow) Drama um die schmerzhafte Wiederbegegnung dreier Holocaust-Überlebender auf einer Farm in Quebec, untermauerte noch einmal: Alles easy war beim Großteil der 349 Produktionen nicht wirklich viel.

Toronto ist schon immer ein politisches Festival mit linksliberaler Tradition gewesen. Neben zahlreichen Beiträgen, die sich mit den Folgen von Immigration und Globalisierung, sowie dem Krisenherd Afrika beschäftigten, präsentierte die 2007er Ausgabe vor allem das Spiegelbild eines zutiefst verunsicherten Amerika.

Über ein halbes Dutzend Filme kreisten allein um den Irak-Krieg und die Folgen des 11. September, darunter "In The Valley of Elah" von Paul Haggis, Brian De Palmas Pseudo-Dokumentation "Redacted", "Rendition" oder die beiden Dokumentationen "Body of War" und "Battle for Haditha". Auch in "No Country For Old Men" von den Coen-Brüdern oder Sean Penns "Into The Wild" sind die Helden auf der Suche nach Idealen, die in ihrem Land längst nicht mehr existieren.

Trauma Watergate und Vietnam

Der Rache-Thriller "The Brave One" mit Jodie Foster und der Justiz-Thriller "Michael Clayton" fühlten sich an wie Widergänger aus den siebziger Jahren, als Hollywood begann, auf unterschiedliche Weise das Trauma Vietnam und Watergate zu reflektieren. "Die Welt versucht gerade herauszufinden, was aus Amerika geworden ist", sagt Tony Gillroy, Regisseur und Autor von "Michael Clayton". Eine von Angst und Paranoia getriebene Nation, wie etwa "In Bloom", die exzellente zweite Regiearbeit von Vadim Perelman ("Das Haus aus Sand und Nebel") dokumentiert. Uma Thurman spielt darin eine Frau, die auch nach 15 Jahren noch von den Dämonen des Schul-Massakers verfolgt wird, das einer ihrer Klassenkameraden damals angerichtet hat. Sogar durch "Reservation Road", einem hervorragenden Trauerstück mit Mark Ruffalo, Joaquin Phoenix und Jennifer Connelly, das den Schock einer tödlichen Fahrerflucht bei Opfern und Täter schildert, hallt das Echo der Systemkritik: "Die Geschichte handelt von Rache, Vergebung und dem Versuch, den Feind bis zu dem Punkt zu dämonisieren, an dem es kein rationales Denken mehr gibt", erklärt Regisseur Terry George.

Deals an Hot-Dog-Ständen

Die politische Relevanz, sein Status als Auftakt-Event für die Oscar-Saison und der freiwillige, die Auswahl vereinfachende Verzicht der Festivalleitung auf Weltpremieren, machen den ganz speziellen Charme Torontos aus. "Wenn ein Star seinen Film liebt", sagt ein US-Produzent, "will er am liebsten, dass er hier läuft." Ähnlich sehen das auch seine Kollegen, vor allem jene aus Asien und Europa, für die Toronto die beste Möglichkeit bietet, ihre Filme nach Amerika zu verkaufen. Da es keinen klassischen eigenen Filmmarkt gibt wie in etwa in Berlin und Cannes, geht es hier mitunter zu wie auf dem Bazar. Verhandelt und verkauft wird nahezu überall: selbst an irgendwelchen Hot-Dog-Ständen sollen schon Deals via Handy abgeschlossen worden sein.

Schwäche: dezentrale Struktur

Die einzige Schwäche des Festivals ist seine dezentralisierte Struktur. Jedes Jahr müssen die Unterkünfte neu angefragt und gemietet werden. Die Wege sind oft weit und verzweigt. Ende 2009 soll auch dieses Problem gelöst sein. Downtown, an der Ecke King Street/John Street entsteht im sogenannten Entertainment District für 196 Millionen kanadische Dollar die Bell Light Box, das neue Tiff-Zuhause, mit fünf Kinos zwischen 80 und 550 Plätzen, einer Filmbibliothek, Restaurants und Bars. Finanziert wird der gläserne Prachtkasten aus Regierungsmitteln, Sponsorengeldern und Spenden.

Danke an die "Volunteers"

Zum Schluss wollen wir es nicht versäumen, noch die wahren Helden des Festivals zu würdigen: die über 1000 "Volunteers", ohne deren ehrenamtliches Engagement (Tiff ist eine not profit cultural organisation) bei dieser Veranstaltung gar nichts gehen würde. Sie arbeiten in sämtlichen Organisations-Büros, empfangen Gäste am Flughafen, fungieren als Übersetzer, betreuen die Zuschauer und Journalisten in den Kinos, helfen bei den Galas aus und sorgen mit einem Lächeln dafür, dass Toronto den Ruf als eines der freundlichsten Festivals der Welt genießt. Es waren wunderbare zehn Tage. Wir kommen gerne wieder. Sehr gerne sogar.