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"Hannibal Rising": Hannileins Lehrjahre

Der Film "Hannibal Rising" soll den Werdegang des Hannibal Lecter zum Kannibalen erklären. Doch Regisseur Peter Webber verkauft sich unter Wert und präsentiert eine mit Küchenpsychologie gespickte, abstruse Handlung.

Es ist angerichtet: Nun wird auch Hannibal Lecter, seit "Schweigen der Lämmer" der kompromissloseste Gourmet des Kinos, eine Vorgeschichte, neudeutsch "Prequel", angedichtet. Nur zwei Monate nach Veröffentlichung des neuen Romans von Hannibal-Erfinder Thomas Harris lassen sich die Lehr- und Wanderjahre des Kannibalen im Kino mitverfolgen. "Hannibal Rising" lässt Anthony Hopkins außen vor und wirft einen Blick zurück in die Wiege des Grauens - das Schlachthaus Europa.

Geschildert wird, wie Klein-Hannibal, Spross baltischer Adeliger, 1944 in den Wirren des Krieges seine Eltern verliert und mit Schwester Mischa allein in einer Jagdhütte im Wald zurückbleibt. Zu den Geschwistern stoßen brutalisierte litauische Söldner, die im harten Kriegswinter das kleine Mädchen töten und in den Kochtopf stecken. Jahre später flüchtet der nun 16-jährige Hannibal aus dem Waisenhaus, zu dem sein heimatliches Schloss umfunktioniert wurde, zu Stieftante Lady Murasaki nach Frankreich.

Die abstruse Rache Hannileins

So weit, so schaurig. Doch als die schöne Verwandte den Teenager in fernöstlicher Kriegskunst unterweist, wird das Geschehen zunehmend abstrus. Während Hannilein, der sein Kindheitstrauma verdrängt hat, noch versucht, seinen Albträumen auf die Spur zu kommen, wetzt er bereits das Messer und gerät ins Visier von Kommissar Popil. Zwar kreuzt der Polizist, der Kriegsverbrecher jagt, mehrmals die Wege des Medizinstudenten. Dennoch kann dieser, ungestört von Polizei und Logik, zwischen Litauen und Frankreich die untergetauchten Mörder seiner Schwester erlegen und kommt dabei selbst auf den Geschmack: Rache ist Blutwurst.

Die Küchenpsychologie, mit der Harris' hastig zusammen gerührter Roman den abartigen Appetit des Helden erklärt, erklärt gar nichts. Immerhin hält sich Regisseur Peter Webber ("Das Mädchen mit dem Perlenohrring"), der sich hier unter Wert verkauft, nicht lange mit der "Die Gesellschaft ist schuld"-Leier auf und verhindert die Entzauberung des dämonischen Schlachters. Und es gelingt ihm, das übliche "Outsourcing" perverser Leidenschaften in den wilden Osten und ins Land der "Froschfresser", wie Angelsachsen gallische Haute Cuisine nennen, mit stimmungsvoller, mit Märchen-Anspielungen angereicherter Atmosphäre zu versehen.

Schund in XXL-Format

Gaspar Ulliel ("Mathilde") ist mit transsylvanischer Blässe, vollen Lippen und echter Narbe auf der Wange, ein hübsches Stück Frischfleisch. Der morbide Dandy weiß, was gut ist und speist vorzugsweise die Bäckchen der Bösen, roh und gekocht. Als Geschmacksverstärker fungieren der langzähnige Rhys Ifans (der wichsende Depp aus "Notting Hill") und die bildschöne Gong Li, wieder mal als Japanerin besetzt, schaut sie stets betrübt. Je leckerer Webber sein Hors d'Oeuvre zu Hannibals Schlachtplatte serviert, umso lächerlicher wirkt Harris' pathetisches Menschenfresser-Märchen: Schund in XXL-Format und gerade deshalb von gewissem Reiz. Allerdings würde der große Hannibal sein junges Alter Ego glatt zum Frühstück verspeisen.

Birgit Roschy/AP / AP