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"Horton hört ein Hu!": Alle Macht der Elefantasie

Ein Elefant rettet eine winzige Welt, die auf einem Staubkorn durch die Luft segelt. Mit dem unerhört komischen Animationsfilm "Horton hört ein Hu!" setzen die "Ice Age"-Macher die verrückten Ideen des Kinderbuchautoren Dr. Seuss kongenial um.

Von Olaf Schneekloth

Horton? In Deutschland kennt den gutmütigen Elefanten (noch) niemand, in den USA jedes Kind. Denn mit den Büchern seines Schöpfers Dr. Seuss wächst man dort auf wie hier mit Pippi Langstrumpf. Er hat den Weihnachtsklauer "Grinch" erfunden. Die Verfilmung mit Jim Carrey, der Horton im Original seine Stimme leiht, war auch bei uns erfolgreich. Die Buchvorlage der Mike-Myers-Komödie "Ein Kater macht Theater" stammt ebenfalls von Dr. Seuss. "Horton hört ein Hu!" ist der dritte große Seuss-Kinofilm - und mit Abstand der beste. Denn erst die völlig entfesselten Möglichkeiten der Computeranimation werden dem "Seuss-Kosmos" wirklich gerecht. Einer poetischen Nonsenswelt, die vor Einfallsreichtum aus allen Nähten platzt, Kindern aber gleichzeitig Grundwerte wie Respekt, Toleranz und Rücksichtnahme vermittelt.

Das hört sich didaktisch an, ist aber das genaue Gegenteil. Kein erhobener Zeigefinger, sondern pures Vergnügen - nur mit Hintersinn. Horton (gesprochen von Christoph Maria Herbst) hört eines Morgens einen eigenartigen Hilfeschrei. Eigentlich mehr ein Hilfepiepen, das von einem vorbeifliegenden Staubkorn kommt. Darauf befindet sich eine ganze Welt: Hu-Heim. Und die Hus sind in höchster Gefahr, wie sie so durch die Luft segeln. Horton kann sie zwar nicht sehen, aber er weiß, er muss sie retten, denn "ein Mensch ist ein Mensch, wie klein er auch sei".

Horton wird zum unfreiwilligen Abtreibungsgegner

Ein Slogan übrigens, der Horton zum unfreiwilligen Abtreibungsgegner macht. Auf der Hollywoodpremiere protestierten Pro-Life-Aktivisten unversehens für ihr Anliegen. Dabei haben sich Dr. Seuss, der 1991 starb, und seine Erben stets dagegen verwahrt, dass die Fabel von 1954 in diese Richtung interpretiert und instrumentalisiert wird. Horton will doch nur helfen. Er bettet das Korn vorsichtig auf eine Kleeblüte und macht sich auf den Weg zu einem sicheren Berg in der Ferne. Weil er jedoch der Einzige im Dschungel von Nümpels ist, der die Hus hören kann, halten ihn die anderen Bewohner für komplett bescheuert. Sie wollen ihm die Blume wegnehmen, allen voran das herrische Känguru (gesprochen von Anke Engelke). Eine rasante Jagd durch den Dschungel beginnt, die stets direkte Auswirkungen auf die Mini-Welt des Staubkörnchens hat. Fällt Horton hin, gibt's ein Erdbeben. Gerät Horton in eisige Höhen, gibt's in Hu-Heim Schnee im Sommer. Haucht er das Staubkorn daraufhin an, gibt's Klimakatastrophe mit Erdnussgeruch.

Alle Macht der Phantasie

"Horton hört ein Hu!" bombardiert die Zuschauer dermaßen mit visuellen Eindrücken und Gags wie eine Gorillahorde den flüchtenden Elefanten mit Bananen. Bei dem Affentempo und fliegenden Wechsel zwischen Dschungel und Hu-Heim können kleinere Kinder schon mal die Orientierung verlieren. Doch dafür ist die Botschaft umso klarer: Alle Macht der Phantasie! Dr. Seuss, der eigentlich Theodor Seuss Geisel hieß, hätte seine Freude an der modernen und irren Adaption des Animationsstudios Blue Sky ("Ice Age") gehabt.

Alles in Hu-Heim ist geringelt und gekringelt, fröhlich und gröhlich. Häuser bauen sich wie von selbst und Autos tragen Schuhe. Der Bürgermeister hat 96 flauschige Töchter, einen deprimierten Sohn, und dasselbe Problem wie Horton: Er ist der Einzige, der an die andere Welt glaubt. Ein unsichtbarer Elefant im Himmel? Die Hu-Heimer lachen sich scheckig, obwohl sie schon ziemlich gestreift sind.

Ponys, die Regenbögen fressen und Schmetterlinge pupsen

Glauben spielt in dem Film eine große Rolle. Der Glaube an das, was man nicht sieht. So gesehen könnte Horton also durchaus als göttliche Instanz durchgehen. Doch da der Film den Dschungel und Hu-Heim gleichwertig gegenüberstellt, animiert er zu einer anderen Frage. Eine, die Wissenschaftler und Philosophen seit jeher beschäftigt: Wieso sollte ausgerechnet unsere Welt die einzige im Universum sein? Känguru sieht gar die Ordnung des Dschungels den Bach runtergehen: Sollte Horton den Nachwuchs mit seinem subversiven Gefasel von einer Welt auf einem Staubkorn anstecken, droht Chaos, Anarchie und - eigenständiges Denken! Die Anzeichen dafür sind schließlich längst da: Eine der eigenartigsten Figuren des Films, ein Fellknuff mit großen Augen und Jürgen-Vogel-Gebiss, behauptet stolz: In meiner Welt leben nur Ponys, die Regenbögen fressen und Schmetterlinge pupsen. Das darf doch nicht wahr sein!

Nun ist ein Känguru ungefähr so furchterregend wie ein Häschen, das Schokoladenkekse anbietet. (Ein absurder Vergleich? Dann sehen Sie sich mal den Film an.) Deshalb muss noch ein richtiger Bösewicht her, der die Drecksarbeit übernimmt: Känguru wendet sich an Vlad, einen Unterweltsgeier mit russischem Akzent. Der soll's richten, die Blume samt Staubkorn klauen und vernichten.

Jimmy Hayward, einer der beiden Regisseure des Films, hat früher für die CGI-Derwische von Pixar an Hits wie "Toy Story" und "Findet Nemo" mitgearbeitet. Er weiß also, wie man aus simplen Einsen und Nullen ein Werk mit Herz, Hirn und Humor produziert. "Horton" besitzt von allem soviel und ist dabei so abwechslungsreich, dass selbst Erwachsene aus dem Lachen und Staunen nicht mehr herauskommen werden - wie "groß sie auch seien".