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"Inglourious Basterds": Mehr als eine jüdische Rachefantasie

Quentin Tarantino preist seinen neuen Film "Inglourious Basterds" als großen Kriegsfilm-Spaß. Doch hat der Kultregisseur bedeutend mehr getan. Er bricht mit der Kinogeschichte, um sie neu zu erfinden. Mit politischen Konsequenzen.

Von Sophie Albers

Ein Nazi kniet im Wald am Boden. Hellblaue Augen starren aus einem harten Gesicht. Es knallt, so als würde jemand mit einem Hammer auf einen Amboss schlagen. Immer wieder. Die Kamera blickt suchend in einen dunklen Gang, der sich zwischen Bäumen in einem Hügel auftut. Es ist nichts zu sehen, aber immer wieder dieses brutale Knallen zu hören. Und dann kommt er. Der "Bärenjude", der Mann, der die Ursache des Geräusches ist. Ein Muskelberg in Armeehose und dreckigem Unterhemd. Immer wieder schlägt er mit einem Baseballschläger gegen die Wände des Ganges. Es ist der Einzug eines neuen Gladiators in die Arena der Weltgeschichte. Denn der Jude geht hin und zertrümmert dem Nazi den Schädel, am Ende sogar den Kopf der ganzen Diktatur. Aber nur im Kino.

Wieder einmal hat Quentin Tarantino den ultimativen Genrefilm gemacht. Mit seiner Nazi-Weltkriegs-Tour-de-Force "Inglourious Basterds" hat er den Kriegsfilm durch die Tarantino-Maschine gejagt und präsentiert nun sein Destillat. Zum ersten Mal jedoch hat ein Werk des Kultregisseurs ("Pulp Fiction", "Kill Bill", "Death Proof") auch eine politische Dimension, die Tarantino sicher weniger interessiert, die aber die Beschreibung des Kinos als Spiegel aktueller Entwicklungen bestätigt: "Inglourious Basterds" hat die Klischees des Kriegsfilms abgeschafft und den Juden aus seiner filmhistorischen Opferrolle befreit. Ein Novum in der bisherigen Erzähltradition. Der von Eli Roth gespielte "Bärenjude" ist wütend, grausam und mächtig. Quentin Tarantino hat aus dem Opfer, das in der Kino-Erzähltradition "wie ein Schaf zur Schlachtbank" geführt wird, einen Angreifer gemacht, der die Geschichte neu erfindet. Eli Roth nennt das "koscheren Porno", eine jüdische Rachefantasie.

Es gibt die Bestie und das Opfer

Verwandt mit dem Genre Kriegsfilm ist das des Holocaust-Films. Geschichten von Ermordeten und Überlebenden, Zeugnisse für die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis. Die Klischees im Kriegsfilm ähneln denen im Holocaust-Film. Es gibt die Bestie und das Opfer, was angesichts der Zahl von sechs Millionen Toten zutreffend ist. Doch wie jedes andere verhindert auch ein berechtigtes Klischee das weitere Nachdenken. Und worüber nicht weiter nachgedacht wird, das gilt als abgeschlossen. Tarantinos Klischeeverweigerung bringt wieder Bewegung in die streng typisierte Ikonografie des Mainstreamkinos.

Als im Frühjahr der Holocaust-Film "Unbeugsam - Defiance" mit "James Bond"-Star Daniel Craig als jüdischem Partisanenkämpfer in die Kinos kam, zeichnete sich bereits eine Änderung im gängigen Bild des wehrlosen Juden ab, wie der Zuschauer ihn aus zahlreichen Filmen von "Schindlers Liste" bis "Das Leben ist schön" und "Der Pianist" kennt. Auch in "Unbeugsam", der Verfilmung des Schicksals der Brüder Bielski, greifen Juden Nazis an, wehren sich. Doch sind sie immer auf der Flucht. Getrieben von der Bewegung der Jäger.

Der Nazi stirbt oder flieht

Tarantino hat die Richtung geändert, ein Paralleluniversum geschaffen, ein Märchen erzählt: Der Jude jagt den Nazi, der Nazi stirbt oder flieht. Das hat es so noch nicht gegeben. Und während der "Bärenjude" zuschlägt und mit seinen Kameraden der jüdischen Sondereinheit der US-Armee im besetzten Frankreich das vertraute Bild des Juden als Opfer vergessen macht, fällt auf, dass diese neue Aggressivität durchaus zur hierzulande weit verbreiteten Meinung über Israel passt.

Jeder zweite Deutsche hält Israel für ein rücksichtsloses, aggressives Land. Das ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern im Januar. Eine Feststellung, die zum Teil wohl auch aus der Enttäuschung folgt, dass die Erfahrung der Verfolgung nicht friedfertigere Menschen hervorgebracht hat. Schließlich setzen die meisten Menschen Juden mit Israelis gleich. Zum anderen liegt nahe, dass es auch ein Reflex ist auf das in den Unterhaltungsmedien - Film, Buch, Comic - verbreitete Bild des milden, alle Schrecken ertragenden Opfers - dem Israel eben nicht entspricht.

Verliert Israel einen Krieg, hört es auf zu existieren

In Israel gilt das Motto "Nie wieder". Nie wieder sollen Juden "wie Schafe zur Schlachtbank" geführt werden. Ein Zitat, dessen Intention übrigens ursprünglich eine kämpferische war: "Lasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen!", schrieb Abba Kovner 1941, um zum Aufstand im Ghetto von Wilna aufzurufen. "Wir dürfen nie wieder in die Situation kommen, das Opfer zu sein. Deshalb schlagen wir zurück", sagte 53 Jahre später der Schriftsteller David Grossman in "Tsahal" (1994), Claude Lanzmans Film über die israelische Armee. Verliert Israel einen Krieg, hört es auf zu existieren, so der Tenor im Land, an dessen Grenzen die Palästinenser zwischen politischen Interessen zerrieben werden. Ja, die Wehrhaftigkeit ist auch eine Reaktion der Überlebenden auf den Holocaust.

Und was sagt Tarantino? Kaum mehr, als dass er eine aufregende Geschichte erzählen will. Er mache Filme zur Unterhaltung, weil er das Kino liebe, wird er nicht müde zu betonen. Und deshalb will er, dass alle Deutungen möglich sind. Hier ist meine: "Inglourious Basterds" ist ein Hinweis darauf, dass die israelischen Falken, also die konservativen, auf das Militär vertrauenden politischen Kräfte, nach all den Jahren in Hollywood angekommen sind. Bleibt abzuwarten, ob sie bleiben dürfen.

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