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"John Rambo": Hier ballere ich - und kann nicht anders

Als extrem gewalttätig wurde "Rambo 4" in den letzten Tagen angekündigt - Sylvester Stallone befriedigt die blutigen Gelüste seiner treuesten Fans. Gleichzeitig hat der 61-Jährige einen Film über die eigene Karriere gedreht. Das Ergebnis ist zynisch, aber zumindest interessant.

Von Jörg Isert

Die schlechte Nachricht zuerst: In Deutschlands Kinos läuft der Film "John Rambo" um eine Minute gekürzt. Zweimal lag Stallones blutiger Actioner der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, FSK, zur Bewertung vor, zweimal erhielt der Film keine Freigabe. Erst nach einigen Schnitten gab es die Kennzeichnung "keine Jugendfreigabe". Ein User der Seite schnittberichte.com weiß, was Mister Rambo fehlt: "Die Skalpierszene ist so verdammt kurz. Und nicht eine Einstellung der herausgerissenen Haare wird gezeigt: Plötzlich ist sie (besser: "alles") voller Blut und die Kopfhaare sind weit herausgerissen. Die Kopfschläge mit dem hammerartigen Gegenstand auf den Mann mit den zugenähten Augen fehlen auch. Das Auseinanderreißen des Vergewaltigers ist nicht zu sehen."

Zack, Klatsch, Spritz - wieder fliegt ein Bein durch die Luft

Die gute Nachricht: Die Schnitte, man bemerkt sie nicht. Mehr als zweihundert Tote beinhalte der Film, wurde in den vergangenen Tagen wiederholt kolportiert. Aber wer weiß das schon, vielleicht ist die Zahl auch nur ein cleverer Marketing-Gimmick. Die Toten im Film zu zählen ist ein sinnloses Unterfangen. Es ist alles so unübersichtlich. Peng, Peng, Peng - wieder brechen drei Birmanesen zusammen. Zack, Klatsch, Spritz - wieder fliegt ein Bein durch die Luft. Aber ist der Mann ohne Bein auch wirklich tot?

Dazu kommen noch die Opfer einer Explosion, die Rambo zwar mit konventionellen Kriegermitteln zu Stande bringt, die aber nichtsdestotrotz wirkt wie der atomare Endschlag im Urwald. An anderer Stelle sind es nochmal Dutzende auf einen Streich, die von einem großen Bumms hinweg gefegt werden. Am Ende ist stern.de bei mehr als einhundert Todesopfern. Aber wahrscheinlich zählen auch die vielen Leichen, die bereits im Dreck herum liegen. Und die Aufnahmen von echten Toten - "Rambo 4" beginnt mit dokumentarischen Bildern aus Birma, wo - so viel erfährt man - irgendein Bürgerkrieg wütet, und zwar schon sehr lange. Militärdiktatur, finanziert sich durch Rohstoffexport, Volk verarmt zusehends - jetzt weiß man schon mehr als jeder Kinogänger.

Rambo schießt alles platt, was sich regt

Mit gnadenloser Konsequenz feuert John Rambo auf ein furioses Finale zu. Da schießt er alles platt, was zu diesem Zeitpunkt noch den Fehler macht, sich auf irgend eine Weise zu regen - ausgenommen von ein paar Amerikanern. Ansonsten bietet der Streifen keine großen Schauwerte. "Rambo 4" war nur mäßig budgetiert - und entsprechend ist der eigentliche Film nur achtzig Minuten lang. Weil zumindest das zehnminütige Ende hält, was der Name "Rambo" verspricht, dürften die Fans aber zufrieden sein.

War "Rocky Balboa" ein wehmütiger Abgesang auf einen Charakter, den Stallone einst nach seinem eigenen Bild selbst erschuf, so ist "John Rambo" ein fast noch persönlicheres Werk. In den ersten drei "Rambo"-Teilen spielte er einfach nur eine Rolle, bei Teil 4 schrieb er auch das Drehbuch und führte Regie.

Stallone, man glaubt es kaum, ist intelligent

Herausgekommen ist das zynische Statement eines Mannes, der kein tumber Action-Tor ist, aber das nie zeigen durfte. Denn Stallone, man glaubt es kaum, ist witzig. Er konnte seinen seltsamen Humor aber nie an den Zuschauer zu bringen: "Stop, oder meine Mami schießt" und "Oscar" waren Katastrophen. Stallone, man glaubt es kaum, ist intelligent. Doch gerade, als es mit "Copland" interessant zu werden drohte, brachte er nichts Vernünftiges mehr zu Stande. Er war von Hollywood abgeschrieben, jahrelang. Auch aus seinem Traum, einen Film über Edgar Allan Poe zu drehen, wurde nichts. Wer will schon einen Film über einen Dichter morbider Poesie von einer Action-Ikone?

"Rambo 4" ist Stallones Reaktion auf sein Dilemma. Von 76 Kilogramm in Teil 2 hat er sich auf 95 Kilogramm aufgepumpt, mit Hilfe von irgendwelchen Mittelchen. Sein Gesicht ist durch die Einnahme von Wachstumshormonen und Schönheitsoperationen seltsam verzogen. Wie absurd der 61-Jährige dadurch wirkt, war kürzlich in "Wetten dass" zu sehen. Für John Rambo allerdings passt dieser Look perfekt. Seltsam alterslos, seltsam stoisch. Rambo ist einfach nur. Am Anfang des Films kloppt der Vietnam-Veteran lustlos auf ein Eisen ein. Ein klares Bild: Er ist ein Mann ohne Aufgabe. Hinter dessen Augen zwar irgend etwas vor sich geht - aber keiner will es wissen. Weshalb Rambos heruntergezogener Mund die meiste Zeit geschlossen bleibt.

Der Krieger zieht ein letztes Mal in den Kampf

Die Schlüsselszene des Films naht in Form einer Traumsequenz. Zu sehen sind Szenen aus den ersten drei Filmen. Rambo noch jung und sehnig, aus dem Off tönt seine Stimme: Zum Kriegführen, zum Töten, wurdest Du geboren. Und so weiter. Danach zieht der Krieger ein letztes Mal in den Kampf. Widerstrebend zwar, aber er muss ja: In diesem Fall zwingen ihn einige US-Missionare dazu, die nach Birma wollten - und nun Gefangene sind. Es folgt die totale Verwüstung.

Mit "John Rambo" scheint Stallone zu sagen: Dass ich nachdenklich bin - egal. Also ergebe ich mich meinem Schicksal. Mache noch einmal das, was ihr sehen wollt. Ihr verdient es ja nicht besser. Nebenher ist noch zu erfahren, was der 61-Jährige von Idealismus hält: Nichts. "Nicht Gott hat Dich gerettet, wir waren es", schreit ein US-Söldner einen der Missionare an, die so naiv waren, ein bisschen Frieden nach Birma bringen zu wollen - weil "jeder Mensch etwas besonderes ist". Rambos Antwort ist eindeutig: "Manche schon, manche nicht."

Frieden schaffen ohne Waffen ist nicht machbar?

Will der Missionar Rambo anfangs noch den Behörden melden, weil der mal wieder fünf Schlitzaugen ins Jenseits geschossen hat, so sieht es der Christ am Ende auch ein: Frieden schaffen ohne Waffen ist nicht machbar. In Lebensgefahr erschlägt der Friedensbewegte einen bösen Asiaten. Damit macht er es so, wie es John Rambo vier Filme lang vorgelebt hat.

Die Idee dahinter ist eine fragwürdige. Stallone mag recht haben, wenn er den Krieg als Ausnahmesituation zeigt, in dem Idealismus schnell an seine Grenzen stößt. Die Lösung, die er präsentiert, ist nicht minder unrealistisch: Ein Comicheld, der mal so richtig aufräumt. Stallone wird es sogar wissen, dass derlei nicht funktionieren kann. Aber wer wollte schon einen Film sehen, in dem Rambo am Verhandlungstisch sitzt? Oder einen Dokumentarfilm Stallones über die Verhältnisse in Birma? Entsprechend kann die Antwort Stallones ja nur heißen: Hier ballere ich - und kann nicht anders. Insofern ist "John Rambo" zwar kein altersmildes, aber zumindest ein altersweises Werk.