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"La vie en rose": Glanz und Elend wechseln im Minutentakt

Aus den Pariser Slums in den Puff ihrer Großmutter über den Wanderzirkus ihres Vaters auf die Straßen rund um Pigalle hin zu den großen Bühnen dieser Welt - so verlief die Karriere der Edith Piaf. "La vie en rose", der Eröffnungsfilm der Berlinale, ist eine leidenschaftliche Hommage an die Sängerin.

Von Kathrin Buchner

Die erste Filmsequenz von "La vie en rose" erinnert an "Das Parfum". Die Gossen mit Unrat bedeckt, Menschen in Lumpen gekleidet, die in völlig verwahrlosten Unterkünften hausen - das Paris Anfang des 20. Jahrhunderts unterscheidet sich wenig von dem Paris des 18. Jahrhunderts. Und ab und an erblicken in solch einem Slum Menschen das Licht, die über erstaunliche Begabungen verfügen.

Wie die kleine Edith. Ihr Leben ist von Trennungen bestimmt. Als sie noch ein Baby ist, verschwindet ihre Mutter, eine Kaffeehaussängerin, und lässt sie bei der Großmutter in den Slums von Paris, wo sie fast verhungert. Ihr Vater Louis Gassion bringt sie in den Puff seiner Mutter. Die Huren behandeln das kränkelnde Mädchen liebevoll und lehren ihr Lebenslust und Frömmigkeit, den Glauben an die Heilige Thérèsa. Bis der Vater, ein Akrobat und Alkoholiker, sie den Huren entreißt, und beide mit einem Wanderzirkus durch die Gegend tingeln. Als sie nach einem Streit aus dem Ensemble fliegen, kommt die Initialzündung. Aus purster Verzweiflung heraus singt die zehnjährige Edith auf einem Marktplatz irgendwo in der Provinz die Marseillaise und alle hören ihr zu.

Piaf unterhält mit derb-deftigen Zoten

In düsteren, grobkörnigen Bildern voller Melancholie, aber auch einer zarten Poetik erzählt Regisseur Oliver Dahan ("Die purpurnen Flüsse 2") das Aufwachsen zwischen Armut und Abschieden. Die Brüche im Leben der Piaf nimmt er formal auf, indem er Chronologie konsequent vermeidet. Ein Porträt wollte er erstellen, keine detailtreue Biografie. So wechseln Glanz und Elend im Minutentakt. Große traurige Kinder-Kulleraugen, dann die knallroten geschminkten Lippen der Diva, die sich zeitlebens am Rande des Abgrunds bewegte. Ein ungeschliffener Rohdiamant, die mit derb-deftigen Zoten sowohl Handwerker am Pigalle unterhielt als auch die feine Partygesellschaft bei Champagner und Austern im 5-Sterne-Grand-Hotel.

Fluch und Erlösung im Rampenlicht

Der Anfang beginnt mit dem Ende, die Piaf liegt im Sterbebett, eine Greisin von 47 Jahren, wie ein zerrupftes Huhn sieht der kleine Spatz aus. Ihr Lampenfieber quält sie zeitlebens, doch scheint sie zum Dasein als Rampensau verdammt. Fluch und Erlösung liegen darin, die Aussicht auf den nächsten Auftritt allein hält sie am Leben. Es ist eine hinreißende schauspielerische Leistung, die Hauptdarstellerin Marion Cotillard da vollbringt: die Piaf als kokette 20-jährige Straßensängerin zu verkörpern, als herrischer 30-jährige Superstar in ihrer Blütezeit und als von Arthritis gebeugte Zynikerin mit gerade mal 49 Jahren, die ehemals so schönen Hände wie Vogelkrallen verkrümmt.

Als heiße Kandidatin für den Silbernen Bären wurde Marion Cotillard auf der Berlinale gehandelt, "La vie en rose" war ausnahmsweise mal ein glamouröser Eröffnungsfilm für das Festival. Monate habe es gedauert, sagt Cotillard, bis sie sich den Entenwatschelgang der Piaf wieder abgewöhnt hätte. Die Jury hat die Darstellung offensichtlich nicht überzeugt, sie verliehen die Auszeichnung als beste Schauspielerin an Nina Hoss, deren reduzierte Darstellung der Yella konträr zum expressionistischen Spiel der Cotillard ist.

Lebensweg mit wenig Rosen und vielen Dornen

Die zieht alle Register darstellerischer Ausdruckskraft: ist himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, eine mitreißende Entertainerin, ausgelassen, bockig, launisch, ordinär, am Boden zerstört, völlig betrunken, apathisch, ordinär, ein Drogenwrack und vor allem: eine gebrochene Frau, die ihre hohe Kunst, dieses unglaubliche Stimmvolumen, dieses metallische Timbre, vor allem ihrem harten Schicksal zu verdanken hat und die am Ende an den ständigen Verlusten zerbricht. Der Film gipfelt im totalen Zusammenbruch, als Edith Piaf die Nachricht überbracht wird, dass ihre große Liebe, der verheiratete Boxer Marcel Cerdan, auf dem Weg zu ihr beim Flugzeugabsturz verunglückt. Danach tritt sie nur noch in die Dornen auf dem mit Rosen gepflasterten Lebensweg.

Leidenschaftliche Hommage an eine große Künstlerin und gebrochene Frau

Am schwersten habe sie an den Playbacks gearbeitet, sagt Marion Cotillard. Wenn die nicht stimmen, würden die Leute aus dem Kino laufen. Es hat sich gelohnt. "Mylord", "La vie en rose", "Padam… Padam" oder die Lebensbilanz "Je ne regrette rien" - die Tonalität der Bilder werden durch die Songs vollendet. Dass Dahan aber nicht Bilder als Untermalung der Chansons kreiert, sondern ein filmisches Meisterwerk unabhängig von der Musik erschafft, beweist er mit einem eleganten Kunstgriff: Beim Durchbruch der Piaf, ihr erstes großes Konzert im Pariser Olympia, ist ohne Ton. In Zeitlupe schwenkt die Kamera über die Zuschauer, zeigt deren Mimik und Gestik, wie sie sich langsam mitreißen lassen und der Magie der Piaf'schen Sangeskunst verfallen. "La vie en rose" ist eine leidenschaftliche Hommage an eine außergewöhnliche Künstlerin und eine gebrochene Frau.

  • Kathrin Buchner