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"Maria, ihm schmeckt's nicht!": "Das Leben ist manchmal wie ein Film"

Unser Kolumnist sah sich an, wie in der Nähe von Bari sein Bestseller "Maria, ihm schmeckt's nicht!" fürs Kino adaptiert wird. Und bekam wieder italienische Gefühle.

Von Jan Weiler

Willkommen in der Welt der Cargohosen und Karabinerhaken, wo Studienabbrecher tonnenschwere Lampen tragen und Stars wie Holländer wochenlang in Wohnwagen herumsitzen: Willkommen in der Welt des Films, in diesem Falle der Welt von "Maria, ihm schmeckt's nicht!". Die Reise zum Set dauert ein bisschen, denn gedreht wird in Süditalien, in einer Kleinstadt bei Bari namens Gravina in Puglia. Im Film wird dieser Ort Campobello heißen, das ist einer der vielen Kompromisse, die man als Autor eingehen muss. Das Buch spielt nämlich in Campobasso, der Hauptstadt der Region Molise. Aber die rissen sich dort nicht um die Filmleute. In Apulien hingegen existiert eine Filmförderung, die bereit war, Geld zu geben, damit Süditalien in deutschen Kinos zu sehen ist. Also entschieden die Produzenten, dass aus Campobasso Campobello wird. Ich war naturgemäß dagegen, aber wenigstens stellt sich Gravina als schön und geeignet heraus, um meine Geschichte zu erzählen. Viereinhalb Jahre_ hat es gedauert, bis die erste Klappe fiel. Der Weg dahin war mindestens so felsig wie die sehenswerte Schlucht an der Altstadt von Gravina. Es existieren zwölf Drehbuchfassungen. Als ich die vierte schrieb, hat der Produzent Jakob Claussen sich nicht getraut, mir zu sagen, wie unterirdisch er sie fand. Die fünfte Version hat er mir nicht gezeigt. Da hatte er versuchsweise jemanden angeheuert, der die nicht sehr komplexe Vorlage leider nicht verstand.

Erst als der erfahrene Drehbuchautor Daniel Speck sich des Drehbuchtorsos annahm und der ganzen Geschichte eine Struktur, den richtigen Rhythmus, logische Wendungen sowie einen originellen Schluss verlieh, konnte mit der Planung für die Dreharbeiten begonnen werden. Dann sprang der amerikanische Verleih ziemlich kurzfristig ab, dafür stieg die Constantin ein, die den Film nun in Deutschland in die Kinos bringt. Letzte Engpässe wurden von einem Unternehmer aus der bayerischen Provinz geschlossen. Dieser hat zwar noch nie einen Film gedreht, ist aber ein großer Fan des Romans. Das Leben ist manchmal wie ein Film.

Die Dreharbeiten begannen schließlich im Oktober. Dabei handelt es sich doch um eine Sommergeschichte, nörgelte ich. Egal, sagten die Macher. Hauptsache, es regnet nicht. Die inzwischen graubraune apulische Landschaft wird nachträglich im Rechner begrünt und mit wehenden Weizenfeldern versehen. Man kann sogar flirrende Augusthitze in den Film fummeln.

Eine junge Regisseurin

Regie führt dabei und am Set Neele Leana Vollmar, die ziemlich jung ist und noch nie mit einem so großen Budget gedreht hat. Die Bremerin ist äußerlich ein Typ wie Maria Furtwängler, ihre Erscheinung hat hier im Süden Italiens etwas Epiphanisches. Die kleinen Gravinesen können sich kaum sattsehen an der blonden Frau, die durch eine kleine Kirche geht und Anweisungen gibt, als ich endlich nach langer Fahrt den Set erreiche.

An diesem Abend wird die Hochzeit gedreht. Vor dem Altar, mit dem Rücken zur Gemeinde, stehen meine Schwiegereltern, meine Frau und ich in der Gestalt von Schauspielern. Meine Schwiegermutter wird von Maren Kroymann gespielt, was mir auf Anhieb gut gefiel, als ich es hörte. Lino Banfi ist ihr Mann, der Gastarbeiter Antonio Marcipane. Lino wer? In Deutschland ist der Mann unbekannt, in Italien hingegen ein Megastar. Banfi, 72, ist der Opa der Nation. Seine Popularität muss man sich so vorstellen wie die von Willy Millowitsch in Köln, bloß dass im Fall von Banfi alle Italiener Kölner sind. Wo er auftaucht, laufen die Menschen zusammen.

Sie rufen seinen Namen, sie küssen seinen Ring, sie lassen ihre Kinder von ihm segnen, sie schleppen pfannenweise Essen an seinen Wohnwagen. Wenn der Nonno nazionale, der Opa der Nation, Zeit hat, geht er zu ihnen an die Absperrung. Dann werden Millionen von Handyfotos geschossen.

Eine eingebürgerte Hauptdarstellerin

Mina Tander spielt seine Tochter, also meine Frau. Sie ist zwar keine Halbitalienerin, sondern halbe Afghanin. Aber sie spricht ausgezeichnet Italienisch und wurde nach wenigen Minuten vom italienischen Teil des Teams eingebürgert.

Natürlich war ich besonders gespannt auf den Mann, der mich darstellen soll. Ich habe ihn mir von Anfang an gewünscht, Passagen des Drehbuchs schrieben wir mit ihm vor Augen.

Das erste Mal, dass ich ihn sah, war vor Jahren bei MTV. Da stand er als Streifenpolizist verkleidet auf der Straße und weinte bitterlich, während irritierte Passanten an ihm vorbeiliefen. Das war eine wunderbare Miniatur, in der schon viel von seinem komischen Talent aufschien. Es zeichnet ihn aus, dass er als Komödiant kaum jemals lacht, keine Grimassen zieht oder Dialekte nachahmt. Niemals gibt er sich so steindumm wie sonst fast alle Kollegen des mediokren deutschen Comedy-Gewerbes. Sein Humor hat Würde. Das ist der größte Unterschied. Ich bin ihm noch nie begegnet, nun beobachte ich ihn in einer Drehpause.

Ulmen soll ich sein

In Natura wirkt er ziemlich zart, auf eine schon gespenstische Art körperlos. Er sieht aus wie gerade vom Himmel gefallen, als gehörte er gar nicht dazu. Begibt er sich in seine Rolle, wird er zu dem, was er darstellt, so ähnlich wie Woody Allen in "Zelig". Der verwandelte sich in das Mitglied einer Mariachi-Band, wenn er nur neben einer solchen stand. Und nun soll Ulmen also ich sein, steht in einem blauen Hugo-Anzug vor dem Altar und lächelt versonnen.

Er wird im Film Sätze sagen, die in meinem Leben genau so gefallen sind. Er wird sich ebenso doof anstellen wie ich und sich in einer Mischung aus Geworfenheit und stolzem Trotz seiner neuen Familie stellen. Seine Voraussetzungen dafür sind dieselben wie meine: Er spricht kein Italienisch, ist eher kein Gefahrensucher und sieht vergleichsweise deutsch aus, mit Hang zu Sonnenbrand und leicht hängenden Schultern. Er muss, genau wie ich, die zahlreichen Unzulänglichkeiten, welche den Deutschen in Italien charakterisieren, nicht erst mühsam herstellen. Wir beide sind nun einmal schüchtern, lost ohne translation.

Als ich den Roman schrieb, bekam der Ich-Erzähler darin keinen Namen, denn ich wollte nicht, dass er mir zu ähnlich wurde. Als wir am Drehbuch arbeiteten, haben wir den Schwiegersohn bloß deswegen "Jan" genannt, damit er irgendwie heißt. Der Name war so etwas wie ein Platzhalter, aber am Ende ist uns kein besserer eingefallen. Auf diese Weise bin ich mir im Film näher als im Buch. Christian Ulmen gibt dieser Erzähler-Gestalt nun ein Gesicht, eine Sprache und Bewegung. Wir werden einander vorgestellt, und Ulmen erweist sich als überaus höflich, manierlich distanziert. Wir reden über Fußball. Unerklärlicherweise ist er Hertha-Fan. Unerklärlicherweise bin ich Bayern-Fan. Man versteht sich auf Anhieb.

Tage nach meinem Besuch heißt es, dass man nicht sicher war, ob es so eine gute Idee sei, mich zum Filmset einzuladen. Es hätte immerhin sein können, dass mir weder Ulmen noch Banfi, noch die Oma, der Ort oder die Kameraarbeit von Torsten Breuer gefallen. Und dann? Hätten wir ein Problem bekommen. Die Produktionsfirma Claussen + Wöbke + Putz hat nämlich vor fünf Jahren die Verfilmungsrechte nur erhalten, weil Jakob Claussen mir versprochen hatte, es werde nichts mit dem Buch geschehen, was ich nicht wolle. Das ist ein sehr seltenes Zugeständnis. Alle anderen Bewerber haben genau dies nicht angebo ten. Eine Firma erklärte mir, man wisse noch gar nicht, was man mit dem Stoff anfangen wolle, er müsse erst einmal vom Markt gekauft werden. Eine andere fragte gleich zu Beginn des Gesprächs, ob die Sache nicht auch in Griechenland spielen könne. Sei doch dasselbe, oder? Am Ende hat dann Jakob Claussen die Rechte erhalten, ein Mann, dessen Blick einen hungrigen Löwen dazu brächte, seine Antilope mit ihm zu teilen. Claussen war der einzige, der das Buch gelesen hatte und nicht bloß die Bestsellerliste.

Der Film ist eine Aufarbeitung

Nun sehe ich zu, wie Christian Ulmen sich bewegt, wie er ich ist. Und das macht er toll. Jede Geste eine Übersprungshandlung, jeder Satz eine Notwehrmaßnahme, jeder Blick ein Hilfeschrei. Damit werde ich seit eineinhalb Jahrzehnten da unten aufgezogen. Der Film ist, mehr noch als das Buch, eine Aufarbeitung dieser meist komischen, manchmal traumatischen Erfahrungen; an manchen Stellen ist er vielleicht sogar eine kleine Revanche für die vielen Abende, an denen ich bloß Bahnhof verstand, ausgeliefert aus Liebe.

Später wird gefeiert und gegessen. Ulmen ist nicht mitgekommen. Er wollte ins Hotel, schlafen. Im Gegensatz zu einigen Kollegen verhält er sich jederzeit professionell. Es gab Streit darüber, wer den längeren Wohnwagen kriegt, und darum, wer beim kühlen Nachtdreh in Pausen als Erster eine Decke um die Schultern gelegt bekommt. Der Familienvater Ulmen hat dies zur Kenntnis genommen und die Augenbrauen hochgezogen. Er erleidet nie einen Texthänger, er ist konzentriert, wenn Ton und Kamera laufen, und freundlich zu jedem am Set. So gern ich jetzt schimpfen würde, es hat sich kein Anlass dafür ergeben, tut mir leid.

Beim Wein erzählen die deutschen Teammitglieder von der Herzlichkeit der Apulier, von der Lebensfreude der italienischen Schauspieler, die sich viel Mühe mit der Völkerverständigung geben, allen voran Paolo de Vita, der den Raffaele spielt und als Sprachcoach hilft. Oder Lucia Guzzardi. Sie ist die Nonna Anna, die Matriarchin der Familie, und als solche in Deutschland bekannt aus den Nudelsaucen-Spots einer italienischen Firma. Sie kümmert sich, bedauert die frierende Mina Tander oder singt ein Liedchen, um die Deutschen aufzuheitern, wenn es mal wieder etwas dauert.

Ruhe, bitte!

Das kommt oft vor. Filmen heißt warten. Bis Ruhe einkehrt, bis der Set geräumt wurde, bis Lino startklar ist. Man hänge etwas, weil die Italiener das Tempo verschleppten, sagen die Deutschen. Die Deutschen seien so furchtbar in Eile, sagen die Italiener. Wenn die Nachbarn zu viel Krach machen, wenn wieder Kinder durch die Absperrung krabbeln oder Autos zu laut in der Nähe hupen, tritt Aufnahmeleiter Florian Erhard auf den Plan und bittet um Ruhe, jetzt endlich mal aber echt.

Ob der Film gut wird, kann man anhand der Dreharbeiten nicht beurteilen. Aber ich nehme es an, denn die Stimmung ist gut. Auf Neele Vollmars Set wird viel gelacht, es fällt kein böses Wort. Das sei ihr wichtig, sagt sie. Und keineswegs selbstverständlich, fügt Jakob Claussen hinzu, da habe er schon ganz andere Projekte erlebt. Tatsächlich kennt übrigens fast jeder hier am Set den Roman. Das ist für die meisten der über 80 Mitarbeiter gar nicht erforderlich, aber es sorgt für gute Laune. Manchmal gibt das Team ein Prozentlein mehr, einfach weil seine Mitglieder die Geschichte gernhaben. Für mich ist das ein großes Kompliment.

Nur die Kostümbildner haben es etwas zu gut gemeint. Für den Fall, dass Sie den Film im Herbst im Kino ansehen, weise ich ausdrücklich darauf hin, dass ich nie, ich wiederhole: nie, Sandalen getragen habe, wie Christian Ulmen es in diesem Film macht. Nie. Ich spiele übrigens auch mit, einen Standesbeamten. Allerdings glücklicherweise so gut verkleidet, dass mich kaum jemand erkennen wird.

Zurück zum Abendessen, wo die letzten Teller mit Weißbrot ausgewischt werden. Es geht relativ zeitig ins Bett. Carlos Gerstenhauer, der das Making-of dreht, sagt, dass er am liebsten bleiben und hier leben würde. So gut gefällt es ihm hier, besonders die Leute. Alle so wahnsinnig nett. Am nächsten Morgen ist ein Mercedes-Kombi weg, aus dem Fuhrpark geklaut. Einfach so.

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