"Nirgendwo in Afrika" Oscar per Post


Nach 23 Jahren geht erstmals wieder ein Oscar an einen deutschen Film. Da Regisseurin Caroline Link nicht persönlich anwesend war, wird ihr der Oscar zugeschickt.

Am Morgen danach ging alles seinen gewohnten Lauf. Caroline Link stand auf, fuhr in die Stadt und ging mit ihrer kleinen Tochter zum Kinderarzt. Die Münchner Filmemacherin war offensichtlich bemüht, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Und das, obwohl sie in der Nacht zuvor mit der wohl bedeutendsten Auszeichnung der Filmszene geehrt worden war: Ihr bereits vielfach ausgezeichneter Film "Nirgendwo in Afrika" erhielt in Hollywood den Oscar als beste nicht- englischsprachige Produktion. "Das ist natürlich toll", sagte Link am Montag bei einem spontan organisierten Pressegespräch in München. "Doch ich wehre mich gegen Zwangsfreuden."

Link will deutschem Film treu bleiben

Zum ersten Mal seit 23 Jahren ist mit "Nirgendwo in Afrika" wieder ein deutscher Spielfilm mit einem Oscar ausgezeichnet worden. Doch Link hatte sich entschieden, an der Verleihung selbst nicht teilzunehmen. Die 38-Jährige wollte bei ihrer erkrankten, erst sieben Monate alten Tochter in München bleiben. Und so blieb der mexikanischen Schauspielerin Salma Hayek nach dem Öffnen des Siegerumschlags nur der Standardsatz für Oscar-Vergaben in Abwesenheit übrig: "Die Academy akzeptiert den Preis im Namen der Gewinnerin."

In Deutschland belagerten Montagmittag Scharen von Reportern und Fotografen die PR-Agentur von Link in München. Um kurz vor 14 Uhr klingelte es dann endlich an der Tür, und die Oscar-Preisträgerin trat herein. Die Mitarbeiter fielen ihr der Reihe nach um den Hals. "Caroline! Herzlichen Glückwunsch!" Geduldig stellte sich Link den Fragen der Journalisten. Auch nach der Auszeichnung wolle sie erstmal in Deutschland bleiben, versicherte sie, denn die deutschen Drehbücher seien kein bisschen schlechter als die aus Amerika.

Nach Meinung von Branchenexperten hat dem Film neben seiner künstlerischen Qualität auch sein Thema zum Sieg verholfen. Das Drehbuch entstand nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Stefanie Zweig. Erzählt wird die Geschichte einer deutschen jüdischen Familie, die vor den Nazis nach Kenia flieht und dort nicht nur mit einer völlig fremden Welt, sondern auch mit ganz privaten Problemen fertig werden muss.

Nachdem der Film am 4. März nur in wenigen Filmkunst-Theatern in den USA angelaufen war, dürfte nun der Oscar für größeres Interesse beim amerikanischen Publikum sorgen. Auch in den deutschen Kinos steht eine Wiederaufführung bevor.

Caroline Link hatte bereits mit ihrem sensibel erzählten Kino-Debüt «Jenseits der Stille» Aufmerksamkeit erregt und 1998 eine erste Oscar-Nominierung erhalten.

Der größte Wunsch: Endlich schlafen

Ihre Entscheidung, nicht nach Hollywood zu reisen, sei kein politisches Statement gegen den Irak-Krieg gewesen, betonte die Regisseurin, auch wenn ihr die USA derzeit nicht gerade sympathisch seien. "Wenn man ansatzweise kritisch ist, steht man gleich als Spielverderber da. Das finde ich ziemlich abtörnend."

Kritische Worte fand sie auch für die Veranstalter in Hollywood: Sie könne einfach nicht verstehen, dass niemand anderes den Oscar für sie entgegennehmen durfte. Wie eine "Bibel" würden die Regularien eingehalten. Der Oscar für die beste nicht-englischsprachige Produktion darf grundsätzlich nur dem Regisseur selbst überreicht werden.

Den Oscar bekommt Link in den nächsten Wochen zugeschickt. "Ich bin gespannt, wie schwer er eigentlich ist", sagte sie. Nun werde sie sich erstmal ein wenig zurückziehen, um nicht überrollt zu werden von dem Trubel um ihre Person. Für den Montagabend war eine kleine Feier mit Freunden und Familie geplant. Und dann interessiere sie nur noch Eines: "Seit acht Monaten denke ich an nichts anderes als Schlafen."


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