HOME

"Rohtenburg": Wie der Kannibale ins Kino kam

Nach langem Rechtsstreit darf der von einem echten Fall inspirierte Kannibalenfilm "Rohtenburg" nun doch in den deutschen Kinos laufen. Ein Sieg für die Kunstfreiheit - aber nicht unbedingt für die Zuschauer. Und: Der Rechtsweg ist noch nicht ausgeschöpft.

Von Matthias Schmidt

Sieht aus wie ein richtig netter Abend. Auf dem Tisch das gute Porzellan. Weiches Kerzenlicht. Und in der Küche brutzelt munter Fleisch in der Pfanne. Doch einer der beiden Männer am Tisch ist nackt und trägt ein blutiges Handtuch um die Hüften. Die gerade auf den Teller gekippte Bratwurst sieht seltsam aus, und zäh ist sie auch. "Es sollte doch perfekt sein", stöhnt der eine, und sein Kopf sinkt auf den Tisch.

Die Szene ist eine der schockierendsten aus "Rohtenburg", einem Horrordrama, in dem sich ein Mann freiwillig von einem anderen schlachten und verspeisen lässt. Als Liebesbeweis. Mit dem Penis fangen sie an. Die Szene wirkt umso verstörender, weil sie tatsächlich stattgefunden hat.

Im März 2001 in einem abgelegenen Fachwerkhaus an der Fulda. Der Täter, Armin Meiwes, besser bekannt als "Kannibale von Rotenburg", wurde 2006 wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu lebenslanger Haft verurteilt. Noch während das Gerichtsverfahren lief, arbeitete ein deutsch-amerikanisches Team an der Verfilmung. Hauptdarsteller: der auch in Hollywood erfolgreiche Thomas Kretschmann.

Bis vor den Bundesgerichtshof

Im März 2006 sollte Premiere gefeiert werden, doch Meiwes klagte wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte. Und bekam erst einmal Recht. Das Oberlandesgericht Frankfurt/M. stoppte den Start. Bei Missachtung drohten 250.000 Euro Strafe oder bis zu sechs Monate Gefängnis. Eine in der deutschen Filmgeschichte einmalige Entscheidung, die vor kurzem vom Bundesgerichtshof wieder aufgehoben wurde.

"Rohtenburg", auf Festivals in Spanien, Schweden oder Südkorea bereits mit Preisen ausgezeichnet und in zahlreichen anderen Ländern längst auf DVD erschienen, läuft nun seit dem 18. Juni auch in deutschen Kinosälen. Für den Produzenten Helge Sasse eine "Genugtuung".

Rammstein und Manson

Justitias Zickzackkurs ist dabei durchaus nachvollziehbar. Lassen sich doch im Film viele Parallelen zur Realität entdecken. Die verklemmte Jugend des Täters, die herrische Mutter, die ihn zwingt, kurze Lederhosen zu tragen, als alle anderen schon in Jeans herumrennen. Der herbeifantasierte Freund. Sein Job als Computertechniker. Der Tatort: ein unheimliches Fachwerkgebäude, in dem der erwachsene Mann in seinem Kinderzimmer haust. Die Kontaktaufnahme mit dem willigen Opfer übers Internet. Die Betäubung mit Erkältungssaft, die Aufnahmen mit der Videokamera und vieles mehr. Wer genau hinschaut, entdeckt sogar am Anfang des Films den Namen "Meiwes": in einem Artikel über den Fall, den eine Studentin am Computer liest.

Dabei ist die Kannibalismus-Story aus Hessen längst in die Popkultur eingegangen. Der Regisseur Rosa von Praunheim verwurstete das Geschehen für "Dein Herz in meinem Hirn", der Filmemacher Ulli Lommel für den Schocker "Diary of a Cannibal". Die Band Rammstein ließ sich inspirieren für den Song "Mein Teil", US-Rocker Marilyn Manson nannte ein Album "Eat Me, Drink Me" und gestand: "Ich fand die Geschichte sehr verlockend - in einer romantischen Weise."

Geschmackssache

"Rohtenburg" will zwar nicht bloß Schlitzerkrimi sein, sondern einfühlsame Liebesgeschichte, doch die Psychologisierung der Figuren kommt genauso aufgesetzt und krude daher wie die Rahmenhandlung über eine junge Amerikanerin (Keri Russell), die sich für ihr kriminalpsychologisches Studium von dem makabren Fall in den Bann ziehen lässt. Lediglich die schauspielerische Leistung von Kretschmann kann überzeugen.

Meiwes hat den fertigen Film inzwischen im Gefängnis gesehen und ist dennoch nicht begeistert. Sein Anwalt Harald Ermel: "Er sieht sich vollkommen entfremdet dargestellt, als brutalen Schlächter." Ermel will nun, obwohl der Film bereits in den Kinos gestartet ist, eine Verfassungsbeschwerde einlegen und hofft auf ein Grundsatzurteil.