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"Star Trek" und seine Fans: Freaks sind immer die anderen

Kurz vor Start des neuen "Star Trek"-Films haben 5000 "Star Trek"- und Science-Fiction-Liebhaber auf der größten Sci-Fi-Messe Europas drei Tage lang ihrer Leidenschaft gefrönt: Stars, Kostüme und die unendlichen Weiten des Weltraums. Was viele als Freak-Treffen verlachen, ist für die Fans ein Wochenende in einer besseren Welt.

Von Sophie Albers

Erledigen wir das gleich vorweg: Ja, es gibt sie, die dicken, die behinderten, die der gängigen Meinung nach hässlichen Menschen, die über die Fed Con ziehen, wie Europas größte "Star Trek"- und Science-Fiction-Messe heißt. Es gibt Fan-Shirt-Träger, die aus allen XXL-Nähten platzen, Raumschiff-Enterprise-Admiräle im Rollstuhl und auch ungewaschene Nerds mit Brille und Hautproblem. Immer wieder rennen einem die wandelnden Klischees des Außenseitertums über den Weg, während man durch die zweckentfremdeten Hallen des Maritim Hotels in Bonn wandert. Aber etwas ist seltsam an der Atmosphäre auf dieser Veranstaltung der Weltraum-Träumer: Die sehen alle so entspannt und gut gelaunt aus. Dürfen die das überhaupt, wo einem doch jeden Tag um die Ohren gehauen wird, wie wichtig es heutzutage ist, "Germany's Next Topmodel"-mäßig gut auszusehen und immer möglichst laut rumzuschreien, damit irgendein Bohlen es auch mitkriegt?

"Klar gibt es Freaks", sagt Daniel mit sanftem Lächeln und beeindruckend grünen Augen, "wie überall eben." Er trägt Pferdeschwanz, Jeans und ein schwarzes T-Shirt auf dem in roten Lettern "R2-D2" steht. R2-D2 ist der niedliche, runde Roboter aus "Star Wars". Daniel ist stolz, und der Grund dazu steht neben ihm: ein R2-D2-Nachbau, der genauso aussieht wie das Original im Film - vom Display bis zu den Dreckspuren am Gehäuse. Das vertraute Gefiepse beherrscht der Roboter ebenfalls perfekt. Drei Mädchen geben ähnliche Töne von sich, die in Kichern übergehen, als R2-D2 auf sie zufährt. "Er hat mich angeguckt", kreischt eines begeistert. Daniel grinst. Seine Hand steckt in einer Umhängetasche. Da ist die Fernsteuerung drin.

Er hat diesen R2-D2 gebaut, ganz allein, hat jedes Teil der Verschalung selbst geschnitzt, jede Leitung selbst verlötet, jede Schraube selbst gedreht. Eineinhalb Jahre hat der 23-Jährige dazu gebraucht. Darüber, wie man das am besten macht, hat er sich im Internet mit anderen R2-D2-Fans ausgetauscht. Dazu gibt es Clubs. Hier auf der Fed Con "trifft man sich, feiert und freut sich an seinem Nerdtum", sagt Daniel, und sein Lächeln bekommt etwas Wissendes. Sci-Fi-Fans nennen sich häufig selbst Nerds. Das erinnert fast an schwarze Rapper, die sich als "nigga" bezeichnen. So als würde die Selbstaneignung dem Wort den Schmerz nehmen. Ein bisschen.

Blutwein zum Qetlop

Auch wenn Sabine ein Nerd wäre, niemand würde sich trauen, es ihr ins Gesicht zu sagen. Sabine wirkt einfach nur furchteinflößend. Sie ist ziemlich groß und stämmig, in enges, dreckiges Leder gehüllt, die Stirn ist eine deformierte Maske, und sie hat sich auch noch schwarze Flecken auf die Zähne gemalt. Wenn sie lauthals lacht, was sie häufig tut, schwappt "Blutwein" aus einem verbeulten Silberbecher, den sie mit einer schwer beringten Hand umgriffen hält. Sabine ist an diesem Tag Klingonin. Das sind Wesen aus dem "Star Trek"-Universum, die für ihre ruppige, wilde, aber auch loyale und ehrenhafte Art bekannt sind. "Ich halte viel von Ehre, und die findet man heute selten", sagt die 34-Jährige mit der gleichen Überzeugung, wie sie ihre Fed-Con-Identität spielt. Sie ist Mitglied eines Klingonen-Stammtischs. Die Gleichgesinnten treffen sich zwei Mal im Jahr zum "Qetlop", was auf Klingonisch so viel wie Party heißt. 80 bis 90 überzeugte Klingonen gäbe es in Deutschland, sagt Sabine. "Menschen, die sich für Klingonen interessieren, sind Menschen, mit denen ich auch befreundet sein möchte."

Ein unverkleideter Junge kommt vorbei und bemerkt schief grinsend, dass die Klingonin ein "Star Wars"-Laserschwert am Gürtel trage. Sie lacht wieder, direkt aus dem Bauch: "Man mixt sich das so hin, wie es einem gefällt", sagt die Außerirdische, die im wahren Leben Unternehmensberaterin ist. Dann stürzt sie sich in die Menge der rund 5000 Fed-Con-Besucher, die drei Tage lang ihre Leidenschaft teilen. Über Filme und TV-Serien plaudern, Vorträge über das Beamen und die Heisenbergsche Unschärferelation hören, Stars treffen oder in ein Kostüm schlüpfen. Es ist ein Meer von Köpfen jeder Farbe - und Form: Zuweilen tauchen in den blond-braun-brünetten Wellen blaue Tentakeln auf, Helme von "Star Wars"-Kriegern oder auch bunte Perücken.

Die meisten Besucher sind jedoch unverkleidet, beschränken sich auf das goldene "Star Trek"-Symbol als Brosche, die den Helden vom Raumschiff Enterprise als "Kommunikator" diente. Die auch im neuen "Star Trek"-Film vorkommt, der auf der Fed Con natürlich Thema ist. Den Anfang nahm der Kult um Captain Kirk und Mister Spock in den krisenreichen 60er Jahren, als ein ehemaliger Polizist namens Gene Roddenberry diese TV-Serie über das Leben im 23. Jahrhundert erfand, die zum Kult wurde und als Ursprung des Fantums gilt. Neben den lauten Klingonen sind auf der Fed Con auch alle Wesen aus anderen möglichen Sternenwelten willkommen - von "Deep Space Nine" bis "Terminator". Immer wieder sind Waffen zu sehen, von der kleinen Phaserpistole bis zur dicken Klonkrieger-Kanone. Doch nie war Mobilmachung friedlicher. Denn erstaunlicherweise ist auf der ganzen Veranstaltung nicht mal ein Anflug von Hysterie oder Aggressivität zu spüren. Ob "Star Trek" oder "Star Wars", hier sind alle gleich: Sci-Fi-Fans eben. Nur in verschieden intensiver Ausprägung.

Zwei Arten Fans

Zwei Arten von Fed-Con-Besuchern unterscheidet Mike Hillenbrand, "Star Trek"-Experte und Autor der erfolgreichsten Bücher zum Thema in Deutschland: Zum einen die Fans, die kommen, um sich Autogramme und Fotos von ihren Stars zu besorgen und deren Vorträge zu hören. Zum anderen Fans, die hier Gleichgesinnte treffen wollen, mit denen sie in Online-Gemeinschaften organisiert sind. Die kommen dann auch gerne verkleidet, um ihr Fantum zu feiern, so der 36-Jährige. Und eines haben sie alle gemeinsam: "Sie sind sanft."

Das liege vor allem auch an der Botschaft von "Star Trek", sagt Hillenbrand, der im Sommer sein drittes Buch über Roddenberrys Utopie herausbringt: "TrekMinds", das die Philosophie hinter "Star Trek" erklären soll. "In den 60ern stand die Welt vor dem Dritten Weltkrieg, und dann kommt Roddenberry und erzählt von einer Zukunft in Frieden, mit einer geeinten Erde, mit einer Führungsebene, auf der alle Nationen vertreten sind, sogar ein paar extraterrestrische."

Noch anschaulichere Worte für Roddenberrys positive Utopie findet Nichelle Nichols, Darstellerin der Original-Uhura und "Star Trek"-Grande Dame. Sie war 1968 die erste Afroamerikanerin, die im Fernsehen einen Weißen küsste, nämlich Captain Kirk. 1992 hinterließ sie als erste Schwarze mit dem Rest der "Star Trek"-Crew ihre Handabdrücke vor dem Chinese Theater in Los Angeles. Sie habe nach einem Jahr in der Sendung aufhören wollen, erzählt Nichols, die Stargast der Fed Con ist. Doch schließlich sei es niemand Geringeres als der Bürgerrechtler Martin Luther King gewesen, der sie auf die Bedeutung ihrer Rolle hinwies. "Sie dürfen nicht aufhören, Sie sind ein Vorbild", erinnert sich Nichols an die Worte des Mannes, der 1968 für seinen Kampf gegen die Rassentrennung in den USA ermordet wurde. Uhura blieb und steht nun vor ihren Fans, die bei einem Auftritt Obamas nicht lauter schreien könnten. Der ist übrigens auch "Star Trek"-Fan und kann sogar den Vulkanier-Gruß, wie Spock-Darsteller Leonard Nimoy jüngst verriet.

"Science Fiction hat die loyalsten Fans überhaupt", sagt Robert Picardo, Star der TV-Serie "Star Trek Voyager", einem Ableger des Originals aus den 90ern. Das sieht auch die Schauspielerin Summer Glau so. Sie ist derzeit in der "Terminator"-Serie "The Sarah Connor Chronicles" zu sehen und spielte in Joss Whedons brillantem Weltraumwestern "Serenity" und der dazugehörigen Serie "Firefly" mit: "Die Unterstützung für die Schauspieler ist unglaublich. Häufig spielt man in einer Sendung mit, und wenn die nicht gut läuft, ist man vergessen. Sci-Fi-Fans bleiben einem treu. Die gucken dann die nächste Serie und geben einem noch eine Chance", so die ehemalige Balletttänzerin.

Glau besucht häufiger solche Conventions. Der Eifer und die Hingabe der Fans befremden sie nicht: "Sie wollen dir sagen, dass sie dich mögen, und welcher Schauspieler will das nicht hören?" Die Atmosphäre sei immer sehr friedlich, "und alle sind so nett. Das einzige, worum ich mir Sorgen mache, ist, dass ich sie enttäuschen könnte, wenn ich als normale Person auf die Bühne steige." Die Sorge ist natürlich umsonst.

Cardassianer und Cyberkätzchen

Und während man immer tiefer in das Sci-Fi-Universum vordringt, vorbei an Cardassianern, Romulanern, Klonkriegern und Cyberkätzchen, fragt man sich, warum diese Leidenschaft, das Dranbleiben und das Sich-Zeit-nehmen für etwas, das einem - warum auch immer - am Herzen liegt, eigentlich immer wieder veralbert wird. Was ist schlecht daran, sich festzulegen, auch wenn es nicht das ist, was vom großen Rest gutgeheißen wird? "Es ist nicht so, dass nur dicke oder behinderte oder dem Klischee entsprechend hässliche Menschen 'Star Trek' toll finden. Es ist so, dass 'Star Trek' seit 40 Jahren seine Fans bedingungslos aufnimmt", sagt Buchautor Hillenbrand. "Auf der Fed Con wird jeder akzeptiert, egal welche Uniform er trägt. Gehen Sie doch mal mit einem Bayern-München-Trikot ins Schalke-Stadion." Eine heilere Welt also. Eine tolerante, offenere Gesellschaft, in der nicht nur die Klum-Bohlenschen Maße angelegt werden - zumindest für ein Wochenende. "Das hat viel mit Kindheit zu tun", sagt Daniel mit dem R2-D2-T-Shirt. "Die Zeit, als alles in Ordnung war."

Die größte Bedrohung für diese heile Welt kommt derzeit allerdings von innen: Es gibt diesen neuen "Star Trek"-Film, mit einem neuen Kirk und neuen Spock, der erzählen soll, wie alles angefangen hat. Und der wurde gemacht, um der breiten Masse zu gefallen, die bekanntlich eher auf Action als Detailtreue aus ist. Ist das ein Problem im "Trekkie"-Universum? Hillenbrand senkt die Stimme, denn die Fans wollen nichts über den Film hören, bevor es am 7. Mai losgeht. Die ersten Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Hillenbrand hat schon eine Sondervorstellung gesehen: "Der Film lässt die Fans Kröten schlucken", sagt der "Star Trek"-Experte. "Doch versüßt er die Kröten mit so vielen Referenzen, die nur die Fans verstehen, dass sie fast schmecken wie Hühnchen". Sagt es und lacht ein Erdlingslachen.