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"Wo die Liebe hinfällt": Reifeprüfung dreißig Jahre später

Die Idee ist brilliant: Was wäre, wenn es die Mrs Robinson aus "Die Reifeprüfung" tatsächlich gäbe? Jennifer Anistons kommt in "Wo die Liebe hinfällt" dem frivolen Geheimnis ihrer Familie auf die Spur.

Von Kathrin Buchner

Regisseur Rob Reiner, der schon in "Harry und Sally" die legendäre Szene eines vorgetäuschten weiblichen Orgasmus’ inszenierte, beginnt auch dieser Streifen mit einer verkorksten Sexszene: Im Flieger von New York in ihre Heimatstadt Pasadena, einer kalifornischen Vorstadtidylle, will die Journalistin Sarah Huttinger (Jennifer Aniston) ihren Verlobten Jeff im Klo verführen. Der Versuch scheitert kläglich, Sarah ist zu nervös. Anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester Annie wird Jeff das erste Mal auf ihre Familie treffen.

Brautjungfern, die vor Aufregung kreischen, die sehr blonde Annie drapiert Blumengestecke und Haarspangen – das gesellschaftliche Pflichtprogramm, das Jeff lässig absolviert, bringt Sarah ins Grübeln über ihre eigenen Lebenspläne. Dann verplappert sich auch noch ihre zynische und dem Jugendwahn huldigende Großmutter Catherine - göttlich gespielt von Shirley MacLaine, Hollywoods derzeitige Geheimwaffe gegen zuviel Kitsch: Sie offenbart Sarah, dass ihre verstorbene Mutter kurz vor der Hochzeit noch eine Affäre mit einem anderen Mann hatte.

Sarahs Identitätskrise lässt sie in hektischen Aktionismus verfallen. Pointierte Dialoge, überdrehte Charaktere und das Aufblitzen eines äußerst witzigen Plots machen den ersten Teil des Films spritzig und komisch. Denn die schlagfertige Grandma entpuppt sich als wahrhafte Femme Fatale, die laut Plot dem Buchautor von "Der Reifeprüfung" als wahre Vorlage für die Roman- und Filmfigur Mrs Robinson diente. Sarahs Erstaunen steigert sich in beinahe prüdes Entsetzen als sie herausfindet, dass sowohl Mutter als auch Oma demselben Mann verfallen waren, und sie womöglich das Ergebnis dieser Romanze ist.

Und was man als Zuschauer leicht erahnen kann, tritt tatsächlich ein: Liegt es am Charme des alternden Sunnyboys oder an den Abstammungs-Genen - auch die dritte Frau in der Familie besteht die Reifeprüfung nicht. Sarah erliegt den Verführungskünsten des sehr erfolgreichen aber lausbübisch gebliebenen Lebemann Beau Burroughs. Der wird von Kevin Costner mit selbstironisierender Nonchalance verkörpert - schließlich tritt er damit in die Fußstapfen von Dustin Hoffmann, den die Rolle des jugendlichen Verführers der Mrs Robinson berühmt gemacht hat.

Während die genial montierte Gesellschaftssatire „Die Reifeprüfung“ 1967 Kinogeschichte schrieb, weil sie gängige Moralvorstellungen gnadenlos auf die Schippe nimmt und mit einem unkonventionellem, wilden Ende glänzt, verfällt die Nachklappversion aus dem 21. Jahrhundert in gängige Strickmuster. Der tränenreiche Schlussakkord zieht sich in die Länge und trübt die übermütige Stimmung des Anfangsteils. Aber der ist den Gang ins Kino durchaus wert.