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Schule während Corona Deutschland im Abi-Chaos: Warum Schüler und Schulen vor vielen Reifeprüfungen stehen

Durchnummerierte Tische stehen in einer Aula
Durchnummerierte Tische stehen in einer Aula
© Peter Kneffel / DPA
Stifte raus, wir schreiben einen Test: Was bedeutet die Corona-Pandemie für Schüler und Schulen? A: eine Hängepartie. B: ein großes Durcheinander. C: ein Härtetest. Die Antwort lesen Sie hier.

"Chaotisch." So stellt sich für Philipp Mirkin, 17, die aktuelle Lage dar, die Ausnahmesituation unter der Überschrift: Abitur während der Corona-Pandemie. Auch an seinem Gymnasium in Meerbusch-Büderich (Nordrhein-Westfalen) stehen die Prüfungen zur allgemeinen Hochschulreife an. Das ist, Stand jetzt, der Plan. Aber: "Wir Schüler sind uns praktisch nie im Klaren, in welcher Situation wir uns gerade befinden", sagt der angehende Abiturient dem stern.

So wie Mirkin dürfte es derweil vielen Schülerinnen und Schülern in Deutschland gehen. Das Coronavirus hat auch den Schulalltag fest im Griff – und wirbelt die Abipläne der Bundesländer ordentlich durcheinander. Prüfungstermine klaffen weit auseinander, sofern sie feststehen. Gelernt wird zu Hause, mal länger, mal kürzer, hier analog und dort digital. Und unter welchen Umständen die Reifeprüfung schließlich abgelegt wird, ist vielerorts noch mit Fragezeichen versehen. 

"Der Grundsatz der Vergleichbarkeit ist nicht mehr zu bewerkstelligen", meint Mirkin. Was ihn und seinen Abi-Jahrgang ärgert, hat er mit Klassenkamerad Emre Uyar, 17, in einem offenen Brief an die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ausbuchstabiert. Die knapp 9000 Zeichen haben es in sich: Durch "fast täglich neue Beschlüsse" würden sich immer mehr "Unklarheiten und Nachteile" für sie ergeben. Es herrsche Unklarheit über das Verfahren der mündlichen Prüfungen. Schüler müssten zum Teil drei schriftliche Prüfungen an drei aufeinander folgenden Tagen ablegen. Man sorge sich um das Risiko für die Gesundheit. Und überhaupt leide das Lernen unter der beispiellosen Situation. 

Das bittere Fazit: "Wir als Schülerinnen und Schüler fühlen uns in vielen Aspekten von der Regierung vernachlässigt." 

Ärger und Verunsicherung bei Schülern sind groß, bundesweit. Protestbriefe oder Petitionen kommen auch aus Brandenburg, Berlin und Hamburg. Verbände sind alarmiert, mitunter überfragt angesichts der aktuellen Gemengelage. Die Befürchtung: Fair wird es so nicht zugehen.   

Das ist doch mal ein Plan! Oder?

Dabei sollte der 25. März endlich Klarheit schaffen. Zuvor hatten sich Bund und Länder auf Schulschließungen bis Ostern geeinigt. Mindestens. Prompt folgten die ersten Handmeldungen: Was bedeutet das für die bevorstehenden Abiturprüfungen? 

Die Kultusministerkonferenz (KMK), ein Gremium bestehend aus Vertretern aller 16 Bundesländer, sprach ein Machtwort – unter medizinischem Vorbehalt: Die Prüfungen finden statt, eine Absage sei aktuell nicht notwendig. Aber: "Schülerinnen und Schüler [dürfen] keine Nachteile aus der jetzigen Ausnahmesituation haben", heißt es in dem Beschluss.

Für die Länder eine Frage der Auslegung, aber auch von Zeitmanagement: Da die Sommerferien zu unterschiedlichen Zeitpunkten beginnen, ist der Spielraum für mögliche Verschiebungen begrenzt.

Das Ergebnis: ein Flickenteppich. Die meisten Bundesländer verlegen die Reifeprüfungen nach hinten. Bremen und Sachsen-Anhalt bieten den Schülern zwei Termine an. Und Rheinland-Pfalz und Hessen halten an ihren bisherigen Terminen fest.

Bisher: Termine für schriftliche Prüfung

Bisher: Termine für mündliche Prüfung

Neu: Termine für schriftliche Prüfung

Neu: Termine für mündliche Prüfung

BaWü

22.4. – 5.5.

29.6. – 8.7.

28.5. – 29.5.

20.7. – 29.7. 

Bayern

30.4. – 11.5.

bis 19.6.

20.5. – 29.5. 

15.6. – 26.6.

Berlin

27.3. – 27.5.

ab 11.5.

20.4. – 12.5.

20.4. – 11.6.

Brandenb.

20.4. – 7.5.

ab 8.5.

20.4. – 4.5.

ab 8.5.

Bremen

24.4. – 8.5.

6.5. – 15.5.

22.4. – 12.5. oder  12.5. – 29.5. (Wahl liegt bei Schülern)

keine neuen Angaben

Hamburg

16.4. – 5.5.

9.6. – 19.6.

21.4. – 5.5. 

keine neuen Angaben

Hessen

19.3. – 2.4.

ab 13.5.

finden statt

keine neuen Angaben

Meck.-Vor.

30.3. – 11.5.

bis 10.6.

11.5. – 30.5.

keine neuen Angaben

Nieders.

20.4. – 13.5.

18.5. – 5.6.

11.5. – 30.5.

ab 3.6.

Nordrhein-Westfalen

21.4. – 6.5.

7.5. – 26.6.

12.5. – 25.5.

ab 26.5.

Rheinland-Pfalz

30.4. – 20.5. (G8)

18.6. – 26.6. (G8)

finden statt

keine neuen Angaben

Saarland

27.4. – 11.5.

15.6. – 23.6.

ab dem 25.5.

wird noch bekannt gegeben

Sachsen

22.4. – 11.5.

13.5. – 5.6. (P4 und P5)

keine neuen Angaben

keine neuen Angaben

Sachsen-Anhalt

27.4. – 11.5. 

ab 17.6.

4.5. – 15.5. oder 2.6. – 16.6. (Wahl liegt bei Schülern)

keine neuen Angaben

Schleswig-Holstein

26.3. – 5.5.

8.6. – 19.6.

21.4. – 5.5.

8.6. – 19.6.

Thüringen

30.4. – 25.5.

26.5. – 5.6.

wird noch bekannt gegeben

wird noch bekannt gegeben

Quellen: Kultusministerkonferenz (KMK), Bundesländer, eigene Recherche (Stand: 7. April)

Für Schüler kann die neue Terminplanung eine große Kraftanstrengung bedeuten. "Ich schreibe drei Klausuren an drei aufeinanderfolgenden Tagen", berichtet der angehende Abiturient Philipp Mirkin. "Normalerweise lägen drei bis vier Tage je Prüfung dazwischen." Wann seine mündliche Prüfung stattfindet, und unter welchen Umständen, wisse er hingegen noch nicht.

Währenddessen hat Hessen das schriftliche Abitur bereits ins Ziel gebracht. Man habe sich "bewusst" gegen eine Verschiebung entschieden, so Kultusminister Alexander Lorz (CDU), "weil wir den jungen Menschen nicht die Möglichkeit nehmen wollten, ihre Abschlussprüfungen im dafür vorgesehenen Zeitraum zu schreiben – also zu dem Zeitpunkt, auf den sie sich vorbereitet haben."

Im Nachbarland ist man offenbar anderer Auffassung. "Sollte ein Schulstart nach den Osterferien nicht möglich sein, müssen wir neu nachdenken", sagt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Auch in Niedersachsenhält man sich eine mögliche Absage der Abiprüfungen theoretisch offen.

"Eine Absage von Abiprüfungen ergäbe ein bildungsföderales Chaos", mahnt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). Er begrüße es zwar, dass sich die Kultusminister um eine einheitliche Lösung bemühen würden. Allerdings würden "versuchte Alleingänge einzelner Bundesländer" für Unsicherheit bei Lehrern und Schülern sorgen, sagte er dem stern. Er befürchtet weitreichende Folgen. So könnten Absagen zu "Diskussionen um Bonus- und Malusausgleichsregelungen" bis hin zu "Klagen von Abiturienten gegen ihre Nichtzulassung in Studiengängen mit Zulassungsbeschränkungen" führen. Auch ein Problem der Vergleichbarkeit könnte entstehen – etwa mit Abiturienten aus anderen Abschlussjahrgängen, die sich ebenfalls auf Studienplätze im Herbst bewerben würden. Letztendlich, so Meidinger, könnte dies "zu Hochschuleingangsprüfungen führen und zu einem Verzicht der Orientierung an Abinoten." Das Ergebnis wäre mit Sicherheit nicht mehr Bildungsgerechtigkeit.

"Von klassischem Unterricht kann keine Rede sein"

Dabei ist ein Durcheinander nicht nur beim Abitur zu beobachten. So erheben etwa Länder wie Bayern und Baden-Württemberg während der Schulschließungen keine Noten. In Niedersachsen entfällt der Unterricht sogar "ersatzlos". Lehrer können, müssen aber nicht, Aufgaben zur Bearbeitung übermitteln. Sie zu lösen, habe für die Schüler "freiwilligen Charakter". In Sachsen-Anhalt wird der Unterricht "mit den gegebenen Möglichkeiten fortgesetzt, das schließt auch Leistungsbewertungen ein". 

Warum das Durcheinander?

"Die Situation ist insgesamt, nicht nur bezogen auf das Abitur, geprägt durch viele verschiedene Ausgangssituationen in einzelnen Bundesländern, Orten und Schulen", erklärt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), dem stern. Die politische Bewertung spiele dabei eine Rolle, aber er sehe auch bei der technischen Aufstellung der Schulen große Unterschiede. "Wenn ich das Thema Schülerbetreuung in Zeiten von Schulschließungen betrachte, stelle ich fest: Es gibt Schulen, die nur über analoge Wege kommunizieren können und Schulen, die stundenlang Online-Unterricht anbieten." Eine Diskrepanz, die auch für Bildungsungerechtigkeit sorge.

Bezüglich des digitalen Wandels sei in der Bundespolitik in den vergangen Jahren viel verschlafen worden, das würde sich in der Krise nun besonders bemerkbar machen. "Das, was wir jetzt lernen, ist die digitalen Medien zu nutzen, um in eine möglichst gute Kommunikation mit Schülern, Eltern und Lehrern zu kommen", so Beckmann. "Digitale Bildung ist etwas anderes." Seine Hausaufgabe an die Politik: Wie kann man der digitalen Bildung einen Schub verschaffen? "Gerade mit Blick darauf, das die Schulschließungen womöglich noch andauern könnten." 

Und mit Blick auf das Abi-Wirrwarr? "Das Lernen von zu Hause ist nicht mit dem in der Schule zu vergleichen", sagt der angehende Abiturient Philipp Mirkin. In den letzten Tagen hätte es zwar vereinzelt Online-Treffen mit den Lehrern gegeben, bei dem auch über Abi-Schulstoff gesprochen wurde. "Aber von klassischem Unterricht kann keine Rede sein." Durch den Mangel an direktem Feedback läge die Initiative vor allem bei den Schülern, so Mirkin, und man tausche sich eher mit Freunden statt Lehrern aus.

Es stellt sich aber noch eine andere Frage: Unter welchen Umständen finden die Abiturklausuren in Zeiten von Corona statt? Einheitliche Regelungen gibt es auch hier nicht.

In Hessen waren die Schulen angehalten, die Prüfungsgruppen so klein wie möglich beziehungsweise die Abstände zwischen den Prüflingen so groß wie nötig zu halten, wie das Kultusministerium erklärte. Dennoch sei es "vereinzelt vor und nach den Prüfungen zu Umarmungen unter den Schülerinnen und Schülern gekommen." In Berlin wurden in einem Rundschreiben an die Schulleitungen zahlreiche Maßnahmen für die Abiturprüfungen festgelegt. Darunter: Zwei Meter Abstand zwischen den Arbeitsplätzen, aber auch Vorgaben, wer überhaupt teilnehmen darf. Demnach nicht geprüft werden dürften etwa Schüler, die innerhalb der letzten 14 Tage aus dem Ausland zurückgekehrt sind.

Wie es an seiner Schule in Nordrhein-Westfalen geregelt wird, wisse der angehende Abiturient Philipp Mirkin noch nicht. Das Gesundheitsrisiko bereite ihm ohnehin Sorgen, für sich und seine Mitmenschen. "Ich denke nicht, dass da bei jedem Aspekt genug Sicherheit geboten werden kann", sagt der 17-Jährige. Und selbst wenn man die Sicherheit gewährleisten könne, mit Atemschutzmasken, Schutzanzügen und Handschuhen, würden diese Ressourcen im Gesundheitswesen nicht noch viel dringender benötigt?  

Für den VBE-Bundesvorsitzenden Udo Beckmann sind all das elementare Fragen, vor allem bei möglichen Schulöffnungen: "Wie können die Abstandsregelungen gewahrt bleiben? Wie werden Hygieneregelungen eingehalten? Wie gestaltet sich das Verhalten der Schülerinnen und Schüler in Pausen?" Seine Forderung: "Da brauchen wir Antworten aus der Politik auf Grundlage der Einschätzungen von Gesundheitsexperten." Diese Verantwortung könne man Lehrkräften nicht allein überlassen. Auch Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, fragt sich: "Was machen wir mit den besonderen Risikogruppen unter den Abiturienten, etwa mit Asthmatikern und Schülern mit Vorerkrankungen?" 

Die Frage nach dem Comeback der Pausenklingel

Es gibt viele offene Fragen. Seit fast vier Wochen sind die Pausenklingeln in den Schulen stumm, die Stühle hochgestellt. Immer lauter wird nun die Frage gestellt: Wie geht es weiter? Nach Ostern wollen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten treffen, um genau darüber zu beraten.

Es könnten zähe Gespräche werden, prallen auch hier unterschiedlichste Meinungen aufeinander. 

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) fordert einen Konsens aller 16 Bundesländer bei der bundesweiten Wiedereröffnung von Schulen und Kitas nach dem 19. April. Darauf werde NRW bei den Beratungen der Länder mit Kanzlerin Merkel direkt nach Ostern drängen, sagte Laschet. "Ich kann mir schwer vorstellen, dass wir in der Frage der Schulen und Kitas in Deutschland völlig unterschiedliche Regelungen haben." 

"Wir sollten jetzt nicht zu frühzeitig die Dinge lockern", sagt hingegen Markus Söder (CSU), Ministerpräsident in Bayern. Eine vollständige Öffnung der Schulen nach dem Ende der Osterferien erscheint seinen Äußerungen nach zunehmend unwahrscheinlich: Er forderte, im Schulwesen "ganz besonders sensibel" zu entscheiden. Die Schulschließungen hätten sich unmittelbar positiv ausgewirkt und zu niedrigeren Infektionszahlen geführt.

Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbands wird es zunächst "keinen Unterrichtsvollstart an den Schulen geben", so Verbandspräsident Meidinger. "Wird aber der Lockdown gelockert, kann man auch eine stufenweise Rückkehr zum Schulbetrieb wieder andenken." Das könne beispielsweise eine gestaffelte Rückkehr der Schüler sein, beginnend mit den Abschlussklassen für Abitur, Mittlere Reife und Hauptschulabschluss. Möglich wären seiner Ansicht nach dabei auch Gruppen- und Klassenteilungen, um einen höheren Sicherheitsabstand einhalten zu können.

Und so stellen der Umgang mit dem Coronavirus, die sich geradezu täglich verändernden Situationen, die Schulen und Schüler gleich vor mehrere Reifeprüfungen. Die Folge: "Wir Schüler sind uns praktisch nie im Klaren, in welcher Situation wir uns gerade befinden", wie der angehende Abiturient Philipp Mirkin sagte. Aber, das weiß er auch, ganz egal, wie schwierig die Bedingungen sind: "Uns bleibt praktisch keine andere Wahl."

Quellen:Kultusministerkonferenz (KMK), Deutscher Lehrerverband, Verband Bildung und Erziehung, Hessisches Kultusministerium, "Süddeutsche Zeitung", "Der Spiegel", "Berliner Zeitung", mit Material der Nachrichtenagentur DPA


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