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Berlin³ Lockdown-Lockerung: Warum die Regierung um symbolische Erleichterungen kaum herumkommen wird

Statement von Bundeskanzlerin Merkel zum Coronavirus am 6. April 2020
Nach Ostern ist nicht nach der Corona-Krise. Diese Hoffnung sollte niemand haben. Trotzdem dürfte der Bundesregierung dann kaum etwas anderes übrig bleiben, als Lockerungen in Aussicht zu stellen.

Die Tage des "Was wäre, wenn ..." sind angebrochen: "Was wäre, wenn nach Ostern das Leben sich wieder normalisieren könnte ..." Es sind gefährliche Tage. Denn sie schüren Hoffnung. Sie wecken Erwartungen. Und sie bergen nicht nur die Gefahr, dass diese Erwartungen von den Regierenden enttäuscht werden könnten. Sie bergen auch die Gefahr, dass die Regierenden unter dem Druck der Erwartungen von ihrer Linie im Kampf gegen das Coronavirus früher abgehen müssen, als es vernünftig wäre. Just in dem Moment nämlich, in dem das Gesundheitssystem droht, seine Belastungsgrenze zu erreichen. Exakt zu Ostern könnte es so weit sein.

Zunächst aber verlangen diese Tage Geduld – und das ausgerechnet von einer Gesellschaft, die vieles aushalten kann, eines aber auf lange Zeit nicht: Die Ungewissheit, wann das alles wohl enden wird. Erst irgendwann in ferner Zukunft? Das ist fast allen ein Horrorszenario.

Es braucht Symbolik, um dagegen anzugehen.

Das sieht auch der Vorsitzende des Ethikrates, der Theologie-Professor Peter Dabrock so. Dabrock forderte Politik und Gesellschaft zu einer offenen Debatte über eine schrittweise Lockerung der Einschränkungen auf. Wohlgemerkt, noch soll nur diskutiert werden. "Es ist zu früh, Öffnungen jetzt vorzunehmen", sagt Dabrock,  "aber es ist nie zu früh, über Kriterien für Öffnungen nachzudenken."

Ostern verspricht Hoffnung. Doch die Auferstehung wird sich noch eine ganze Weile hinziehen

Es sind nur noch ein paar Tage bis Ostern, bis zum Fest der Auferstehung. Symbolischer geht es kaum noch – selbst in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Dieses Ostern ist längst zu einem magischen Datum geworden. Es knüpfen sich die Erwartungen einer Zäsur daran.

Bis Ostern, hatte die Kanzlerin ziemlich zu Beginn der Corona-Krise ja angedeutet, sei Geduld gefragt. Mindestens. Danach müsse man sehen. Mittlerweile ist das Datum für mögliche Erleichterungen des Lockdown bereits nach hinten verschoben worden, auf den 20. April. Doch direkt am Dienstag nach Ostern, soll in einer Krisenrunde darüber befunden werden, was ab dann schon möglich ist und was noch nicht.

Prognose: Der Druck ist schon jetzt so hoch, dass dem "Corona-Kabinett" und den 16 Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten de facto nichts anders übrigbleiben wird, als Lockerungen zu einem konkreten Zieldatum in Aussicht zu stellen. Er wird erhöht von all jenen, die, wie beispielsweise FDP-Chef Christian Lindner, unvernünftig früh die Debatte über Ausstiegsszenarien aus dem Krisenmodus eröffnet haben. Er wird aber auch befördert von Nachbarländern wie Österreich und Dänemark, die erste Lockerungen wie die Öffnung kleinerer Geschäfte bereits terminiert haben. Die frohe Botschaft von jenseits der Grenzen: Dort geht es wieder aufwärts.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wollte eigentlich am heutigen Mittwoch eine gemeinsame Strategie zur schrittweisen Lockerung bei der Bekämpfung des Corona-Virus vorschlagen. Nun wird die EU-Kommission zunächst über einen Fahrplan diskutieren. So oder so: Durch die Ungleichzeitigkeit der Krisen-Verläufe in den jeweiligen Mitgliedstaaten wird es nahezu unmöglich sein, synchron Kontaktsperren und die Verbote von Reisetätigkeiten aufzuheben. Was die einen dürfen, dürfen die anderen aus Gründen des Gesundheitsschutzes deshalb noch länger nicht.

Für Deutschland hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorsorglich schon mal allen Erwartungen auf eine vollständige Rückkehr in die Normalität nach Ostern eine Absage erteilt. "Es wird nicht sofort wieder alles so sein wie vorher." Er halte deshalb auch den Begriff Exit nicht für passend, weil er suggeriere, dass bald alles wieder sei wie vor der Corona-Krise.

Wird es aber nicht. Die Auferstehung wird sich noch eine ganze Weile hinziehen. Nach Ostern ist nicht nach der Corona-Krise.

fs

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