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40 Jahre Bond: Der Spion, den man liebte

Ein Playboy als Weltenretter, ein Mann, der Männer-Träume lebt. Der stern beobachtete einen Helden bei der Arbeit, der seit 40 Jahren die Lizenz zum Töten hat - und guten Sex.

Von Jochen Siemens und Greg Williams (Fotos)

Es kann schon komisch aussehen, wenn James Bond arbeitet. Am 16. Mai war so ein Tag in den Pinewood Studios bei London. Hinten in der großen Halle laufen Zehntausende Liter Wasser durch eine riesige bizarre Wachshöhle, die später wie ein Eisdom aussehen wird, und über eine schneckenförmige Rampe rollt Bonds neuer dunkler Aston Martin. Rollt - später im Kino werden sie den Film schneller abspielen, und der Wagen wird rasen.

Nebenan in der Werkstatt schrauben zwei Mechaniker an vier grünen Jaguars herum. Die Originalmotoren sind gegen kleinere Maschinen ausgetauscht worden, damit eine Batterie Miniraketen mit unter die Haube passt. Zwei Wochen lang basteln sie an einem Wagen, und dann »ist er im Film zwei Minuten zu sehen und explodiert, krawumm«, sagt einer der Jungs von Jaguar, zuckt die Achseln und trinkt Tee aus dem Plastikbecher. Als er das seiner Frau erzählte, hat die auch nur den Kopf geschüttelt.

Pinewood bei London ist Bond-Land. Es sind noch wenige Wochen, bis der 20. 007-Film »Stirb an einem anderen Tag« fertig sein muss. Es wird gesägt, geschweißt, gehämmert, Raketenkopfhüllen werden durch die kleinen Straßen gezogen, jemand schleppt 20 oder mehr Maschinengewehre aus dem Fundus, und vorne in Halle 2C steht das Cockpit eines Bell-Hubschraubers auf einer hydraulischen Hebebühne, dahinter eine blaue Wand, davor ein großer Ventilator und eine Rauchpumpe. Bond ist Illusion, Film ist Illusion, doppelte Illusion.

Heute ist es weniger hektisch als sonst, weil der Chef Geburtstag hat. Vielleicht nicht der richtige Chef, eher der leitende Angestellte: Pierce Brosnan kam heute ein bisschen später aus der Maske, denn seine Frau und sein kleiner Sohn sind da. Die schauen nun in 2C zu, wie aus dem jetzt 49-jährigen Vater James Bond wird.

Und dann sieht es eben komisch aus, wenn sich Brosnan und seine Schauspielerkollegin Halle Berry in das Hubschrauber-Cockpit setzen, das dann wie einer dieser Jahrmarktsmagenumdreher ein paar Mal hin und her schüttelt, dazu Rauch und Wind. Brosnan reißt den Steuerknüppel hoch, doch die Kabine bleibt auf Abwärtskurs, der Held verzieht das Gesicht, und man ahnt, dass sie einen Beinahe-Absturz spielen.

»Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?«, ruft Bond in den Ventilatorwind hinein, und Halle Berry als Agentin Jinx ruft »Ja, ich hatte nie Sex im Freien!« zurück. Dann müssen beide lachen, und unten in der Halle schreit der kleine Brosnan-Sohn. Die Szene wird im Film vielleicht zwanzig Sekunden dauern, hier drehen sie seit zwei Tagen daran.

Das war schon immer so. Bond zu drehen ist aufwendig und teuer. Die Welt des 007 - bestehend aus Aston Martins, Dom Pérignon, 53er-Jahrgangs-Champagner (»acht Grad kalt«), Minihubschraubern, vergoldeten Frauen und »Zahlen Sie zehn Milliarden Dollar, oder die Welt wird vernichtet«-Drohungen, aus lupenreinen First-Class-Verbrechern, gejagt von englischen Gentlemen - diese Noblesse soll jederzeit auch in der Produktion zu sehen sein.

Bis heute explodieren die Feuerbälle nicht am Computer-Bildschirm, sondern wirklich. Keine digital geschaffenen Statisten fliegen über die Leinwand, sondern echte Stunt-Männer. Und wenn sich der Stadtrat von St. Petersburg wie damals bei »Goldeneye« weigert, James Bond mit einem Panzer die Altstadt demolieren zu lassen, wird die Altstadt eben hier auf der Studiowiese aufgebaut. Und kaputtgefahren.

Pinewood ist die Bond-Wiege. Genau 40 Jahre ist es her, dass zwei Filmproduzenten aus einem der Bürofenster dem Mann hinterherschauten, der sich bei ihnen für die Rolle des 007 beworben hatte. Albert Broccoli und Harry Saltzman waren damals noch geknickt, weil ihnen gerade der TV-Schauspieler Roger Moore abgesagt hatte; er hatte einen Vertrag für die Fernsehserie »Simon Templar« unterschrieben. Und sie waren wütend auf den Hollywood-Star Cary Grant, der statt der angebotenen 6000 Pfund ein Vielfaches forderte. Die Dreharbeiten zum ersten Bond-Film sollten ein paar Tage später beginnen, und nun hatten Broccoli und Saltzman nur diesen Schotten.

Irgendwie hatte der sie aber beeindruckt, »besonders seine Entschlossenheit und die Art, wie er mit der Hand aufs Knie schlug«, wie Saltzman es einmal beschrieb. Sie schauten ihm also nach, wie er leicht gekrümmt - das kam vom Kohlenschleppen in seiner Jugend - davonging, und plötzlich sagte Saltzman: »Er ist es. Das ist Bond!« Broccoli nickte nur. Einen Tag später hatte Sean Connery seinen Vertrag, und hinten in der großen Halle baute der Filmarchitekt Ken Adams schon an der unterirdischen Atomzentrale des bösen Dr. No.

Es war die zweite Geburt des Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten. Schon seit 1953 hatte Bond in 17 Romanen des Engländers Ian Fleming die Welt gerettet und hohe Auflagen gemacht. Damals war man im Filmgeschäft allerdings noch unerfahren mit Serienhelden - und schreckte außerdem davor zurück, einen sexistischen Agentensnob auf die Leinwand zu bringen. Fleming, selbst ehemaliger Commander im britischen Marinegeheimdienst, hatte seinen 007 nach der Geheimkennung »00« der Marine benannt; den Namen hatte er von einem Buchcover des Ornithologen James Bond (»Birds of the West Indies«) abgeschrieben.

Wie sehr sich Flemings Sehnsucht nach einem Leben als Playboy und Spion 1962 auf die Kinozuschauer übertrug, beschrieb die italienische Filmhistorikerin Giovanna Grassi einmal so: »Die enorme Popularität Bonds fiel auch mit dem Ende des Neorealismus zusammen. Ganze Generationen entdeckten die Zerstreuung durchs kommerzielle Kino wieder, das sich auf heimliche, kollektive Träume und Überzeugungen stützte.«

Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen, aber in einer Zeit des immer noch kriegswunden Europas und des weltweiten Kalten Krieges symbolisierte keine andere Figur so sehr den Wunsch nach sexueller Freiheit und klaren Feindbildern wie Bond. Und wie tröstlich erst sein Vertrauen in die Technik: Bond hatte supermagnetische Armbanduhren, kleine »Nelly«-Hubschrauber und Röntgenbrillen, mit denen man versteckte Waffen und Dessous sehen konnte.

Es war Connerys Verdienst, dass man das Ganze nicht so ernst nahm. »Mehr Humor« hatte er für die Rolle gefordert und dann zum Markenzeichen erhoben. Die hochgezogenen Augenbrauen, der Hutwurf im Büro, die Flirtübungen mit Miss Moneypenny und Sätze wie »Ein hübsches Nichts, das Sie da beinahe anhaben« (»Diamantenfieber«) machten seinen Sexismus salonfähig.

Die Bond-Serie begründete das Genre des Actionfilms. Legendär wie 007 selbst waren seine Gegenspieler, Weltverbrecher von Format, von Schauspielgrößen wie Gert Fröbe, Curd Jürgens oder Christopher Lee gegeben. Deren Assistenten waren meist kuriose Killer wie der berühmte »Beißer« Richard Kiel. Zum Inventar gehörten »M«, Bonds Boss, der erst in jüngster Zeit von einer Frau gespielt wird, und der Erfinder »Q«, tüftelnder Lieferant von Agentenspielzeug.

Doch so sehr sich Bond mit Connery und später mit Roger Moore, Timothy Dalton und seit sieben Jahren mit Pierce Brosnan als Marke etablierte und etliche Milliarden Dollar einspielte, so sehr wurde das Abenteuer in 40 Jahren zum PR-Spektakel. Ford liefert jetzt mit Aston Martin und Jaguar die Autos, Finlandia den Wodka, Brioni Bonds Anzüge, Versace ein Kleid, Omega die Uhren, und egal ob Handy, Fernseher oder Kugelschreiber - jeder Gegenstand in den neueren Bond-Filmen hat Eintritt bezahlt.

Lee Tamahori, der Regisseur von »Stirb an einem anderen Tag«, wunderte sich bei Drehbeginn: »Ich bekam eine Art Einkaufsliste, was alles im Film zu sein hat.« Kommentar von Deutschlands bestem Bond-Kenner Siegfried Tesche zu den 007-Plots: »Man dreht weiter, weil die Industrie ein Vehikel braucht, um ihre Produkte zu zeigen.«

Immerhin, einen Gefallen tun die Macher ihrem Helden nach 20 Filmen, 40 Jahren und unzähligen Frauen: »Bond wird endlich den besten Sex seines Lebens haben«, sagt Lee Tamahori. Und hat schon in Kauf genommen, dass die Szene, »in der sie sich lieben«, für die USA herausgeschnitten werden musste.

Über eine andere, sekundenkurze Szene werden nur Kenner schmunzeln. Es ist ein Jubiläumsgruß an den Erfinder. Pierce Brosnan alias Bond durchsucht ein Zimmer, dreht ein Buch um, zieht die Augenbraue hoch, sagt: »Hmm, gutes Buch« und eilt weiter. Es ist der Führer über die Vögel der Karibik von James Bond.