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Afghanistanfilm "Zwischen Welten": Im Kino mit Ursula von der Leyen

Viele Uniformierte liefen über den roten Teppich. Und eine zierliche, blonde Frau: Ursula von der Leyen. Auch sie wollte "Zwischen Welten" sehen. Der Film sei beeindruckend und bedrückend, fand sie.

Von Lutz Kinkel

Wohl kein anderes politisches Thema wird in Deutschland so widerwillig zur Kenntnis genommen wie der Afghanistan-Krieg. Die große Mehrheit der Bürger hält den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch für einen Fehlschlag. Bloß weg, bloß raus - das ist das vorherrschende Gefühl. Zehn Jahre waren die westlichen Alliierte vor Ort, Milliarden Steuergelder sind geflossen, allein 55 Bundeswehrsoldaten sind im Einsatz gestorben. Was hat es genutzt? Die Bereitschaft, darüber auch nur nachzudenken, ist gering. Weil keine zufriedenstellenden Antworten zu erwarten sind.

Feo Aladags "Zwischen Welten", der an diesem Donnerstag im Kino anläuft, liefert die Antworten auch nicht. "Macht es einen Unterschied, dass wir hier sind?" fragt sich Truppenführer Jesper (Ronald Zehrfeld) in einer stillen Minute. Gerne würde er sich einreden, dass er und seine Soldaten dem geschundenen Land Sicherheit, Demokratie und Wohlstand brächten. Dass der Tod seines Bruders, der von einer Autobombe in Afghanistan zerfetzt wurde, einen Sinn hätte. Aber der ist - wenn überhaupt - nur in der Schlusssequenz angedeutet. Aladag, die gleichzeitig Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin ist, überzieht eine Filmfigur, die Schwester des afghanischen Übersetzers Tarik, mit einem Hoffnungsschimmer. Sie studiert Ingenieurwesen, sie will eines Tages Brücken bauen. Das Symbol ist überdeutlich, um es freundlich zu formulieren.

Team 50:50 besetzt

Aladag hat für ihren Film keine klassische Story entwickelt. Sie spannt nur einen Rahmen, den Jespers An- und Abreise markiert. Dazwischen liefert sie eine dramatisierte Schilderung des Soldatenalltags, den sie zuvor auf ausgedehnten Recherchereisen erkundet hat. Alles ist drin: der Clash of Cultures; der Irrsinn, ständig von einem unsichtbaren Feind attackiert zu werden; die Hitze, die Aggression, die Angst; die Einbindung der deutschen Soldaten in Befehle, die Eigensicherung priorisieren und mutiges Handeln verhindern. Das ist, wie es Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach der Vorführung sagte, "ebenso beeindruckend wie bedrückend". Und es verlangt vom Zuschauer, sich auf die komplizierte Situation der Soldaten vor Ort einzulassen. Ihnen Empathie entgegen zu bringen, gerade weil es keine Helden sind.

Das ist es, was den Film auch für das Verteidigungsministerium interessant macht. Er wirbt um Verständnis für die Bundeswehr. Diesen Ansatz muss Aladag vorab sehr, sehr überzeugend vorgetragen haben. Nach übereinstimmenden Angaben verzichtete das Ministerium darauf, das fertige Drehbuch abzunehmen. Es habe keinerlei inhaltliche Eingriffe gegeben, beteuert Aladag. Zugleich brachte sie das Kunststück fertig, sich den vollen Support der Bundeswehr zu sichern. Der Dreh fand "on location" in Afghanistan statt, die Lager sind echt, die Dingos, die Gewehre, die Dörfer, einfach alles. Sie habe es sich nicht vorstellen können, den Dreh ins gefahrlose Marokko zu verlegen, sagt Aladag. Sie habe sich "einlassen" wollen. Ihr Team besetzte sie 50:50 mit Deutschen und Afghanen.

Ein neues Nachdenken

Für die Bundeswehr war es das bislang größte Filmprojekt, versichert ein Sprecher aus dem Pressestab. Weitere Anfragen lägen vor. Darin manifestiert sich ein wechselseitiges Interesse: die Rolle der deutschen Soldaten gesellschaftlich zu reflektieren. Reine Heldenepen wie "Top Gun" sind in Deutschland eher nicht zu erwarten, dafür das Beleuchten eines bislang völlig vernachlässigten Sujets. Jahrzehnte lang war die Bundeswehr strikt auf Landesverteidigung verpflichtet, militärische Konflikte des Westens unterstützten die deutschen Regierungen mit dem Scheckbuch, die Soldaten blieben zuhause. Nun sollen sie kämpfen, wenn es irgendwo brennt. Das verlangt, in der Tat, mindestens ein neues Nachdenken. Aladags Film ist ein Baustein dessen.

Ursula von der Leyen sagte vor der aktuellen Pressevorführung - der Film lief bereits auf der Berlinale und zog gemischte Kritiken auf sich -, sie habe nur sehr selten Zeit, ins Kino zu gehen. Danach sprach sie viel von den Chancen Afghanistans, von Hilfe zur Selbsthilfe, von dem Folgeeinsatz nach dem offiziellen Abzug der Bundeswehr. Sie kann den Afghanistan-Einsatz nicht als Erfolgsstory verkaufen, betont aber die Hoffnung stiftenden Aspekte, darunter die Beschulung und Ausbildung junger afghanischer Frauen. Alle wissen zugleich, dass dies nicht reicht. Das Land versinkt wieder in Instabilität, Drogen und Korruption. Aladags Film enthält sich eines politischen Statements zur Sinnhaftigkeit des Einsatzes. Sie wolle Fragen stellen, sagt sie. Das ist ihr gelungen.