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Autorenstreik in Hollywood: Schluss mit lustig

Ohne Worte: Die TV- und Filmautoren streiken, das US-Publikum guckt in die Röhre. In Hollywood geht nichts mehr. Bei dem Arbeitskampf streiten die Parteien um viel Geld - derweil es den Stars vor den anstehenden Partys graust.

Von Christine Kruttschnitt

Bekanntlich gibt es in Hollywood nur zwei Jahreszeiten: Sommer und Preis-Zeit. Letztere ist jetzt angebrochen - die roten Teppiche werden gesaugt, Filmstatuetten in Förmchen gegossen, Hüften entschlackt, Stirnen geglättet. Es ist die Zeit, in der Julia Roberts endgültig wieder in eine Designer-Robe passen sollte und Multimillionäre wie Tom Hanks via spritzigem Bühnenauftritt der Welt klarmachen können, wieso sie jedes einzelne Milliönchen Gage wert sind, vielen Dank. Charmier-Zeit. Glamour- Zeit. Streik-Zeit.

Protestplakate am roten Teppich

Tom Hanks legt sein 51-jähriges Bubengesicht in Querfalten und seufzt. Er befindet sich in einem Luxushotel in Los Angeles, um auf einer internationalen Pressekonferenz über seinen neuen Film "Charlie Wilson's War" zu reden. Aber selbst Tschechien und Germany fragen erst mal nach dem Streik. "Ich hoffe, dass die beiden Parteien sich einigen", sagt der Schauspieler, der als Hollywoods nettester Mensch gilt und dem beim Gedanken entsprechend schlecht wird, er sei bald Streikbrecher, weil er bei irgendeiner der nun dräuenden Preisverleihungen aufläuft. Denn wenn im Januar die Golden Globes und im Februar die Oscars verteilt werden und dieser die Filmstadt seit nunmehr sechs Wochen nervende Arbeitskampf immer noch anhält, dann stehen Streikende mit Plakaten an den frisch gesaugten Teppichen. Und dann muss sich ein jeder Star, der darüberstolziert und einen Funken Anstand hat, fühlen wie ein Schwein.

Hollywoods Film- und Fernsehautoren, vereint in der "Writers Guild of America" (WGA), haben Anfang November die Griffel fallen lassen. Ihr zentrales Anliegen: Sie fordern von ihren Geldgebern - Entertainment-Konzernen wie Disney und Warner Brothers - feste Anteile an der Auswertung ihrer Arbeit in den sogenannten neuen Medien, also zum Beispiel für "downloads" und "streams" im Internet. Bisher ist es so: Wenn der zu Disney gehörende Fernsehsender ABC eine Folge seiner Ärzteserie "Grey’s Anatomy" ins Netz stellt, werden die Schreiber dafür nicht mehr extra bezahlt, auch wenn der Sender durch Internetwerbung Gewinne macht. Gestritten wird nun um die Frage, wie und wie hoch die Arbeit der Autoren vergütet werden soll: ob anteilig am Studiogewinn oder pauschal.

Zankapfel Internet

Die Gewerkschaft "Alliance of Motion Picture and Television Producers" (AMPTP), die in den Gehaltsverhandlungen eben jene Konzerne repräsentiert, wehrt sich gegen Prozentansprüche der Schreiber, weil das Internet schließlich eine große Unbekannte sei. Wer könne heute schon sagen, mit welchen neuen Medien, mit welchen Formaten sich wirklich Geld verdienen lässt? Zwar verbringen die Leute jetzt schon mehr Zeit vor ihren PCs als vor der alten Glotze. Doch ist noch kein Filmemacher oder Produzent reich geworden mit dem Füttern des Internets. Wollen die Leute tatsächlich Filme oder Fernsehserien auf ihren Handys und Video-iPods anschauen? Lassen sich Downloads dereinst vermarkten wie DVDs? So viele offene Fragen. Wie also, argumentieren die Studios, könne man einen Kuchen verteilen, von dem man gar nicht weiß, ob es ihn gibt?

Zweimal saßen die Herrschaften von der WGA und der AMPTP schon zusammen, jedes Treffen endete im Knatsch. Die Gewerkschaft der Schauspieler zeigt sich derweil solidarisch mit den Schreibern. Nicht nur haben Stars von Sean Penn über Woody Allen bis Eva Longoria witzige Internetspots gedreht, in denen sie ihr Schicksal ohne Texter darstellen: nämlich "speechless", ohne Worte (www.unitedhollywood.com). Auch stehen berühmte Akteure wie Ben Stiller oder Sandra Oh ("Grey's Anatomy") hin und wieder mit ihren unberühmten Dichtern in Grüppchen vor Studiotoren und halten brüderlich Plakate hoch.

Manche haben gar die Streikenden finanziell unterstützt, wie George Clooney zum Beispiel. Schwer vorstellbar, dass er am 13. Januar seinen Smoking herausholt und an den protestierenden Schreibern vorbei ins Hilton-Hotel stratzt, wo die Golden Globes verliehen werden (er ist nominiert für seine Rolle als Anwalt "Michael Clayton"). Das Problem, sagen die Veranstalter dieses zweitwichtigsten Filmpreises der Stadt, seien nicht die fehlenden Gagschreiber für die Liveshow. Nur zwei oder drei würden beschäftigt, die Veranstaltung lebt nicht - wie die Oscar-Gala - vom fein säuberlich choreografierten Geplänkel ihrer Moderatoren. Das Problem sei der Hautgout, den so ein Streikbruch mit sich bringe. Schon beantragen Show-Veranstalter Sondergenehmigungen bei der WGA: ob für diese eine Nacht bitte schön die Streikenden zu Hause bleiben und die Stars und Sternchen ohne schlechtes Gewissen strahlen lassen könnten.

"Desperate Housewives" auf Eis gelegt

Auch wenn die Welt die Abwesenheit von Britney Spears Schlüpfern bislang mit größerem Interesse verfolgte als die einiger Texter, so sind die Auswirkungen des Streiks doch überall spürbar. Der deutschen Hausfrau Lieblingsserie "Desperate Housewives" ist wie "24" und Dutzende andere auf Eis gelegt, erste Kinoproduktionen wie Tom Hanks' "Angels and Demons" und Oliver Stones "Pinkville" wurden gestoppt. Vom Start des Ausstands an verschwanden Amerikas Late-Night-Talker wie Jay Leno und David Letterman von der Bildfläche; ihre Witzemacher weinen sich derzeit die Augen blutig über die vielen verpassten Gagchancen aus dem amerikanischen Wahlkampf. Eisern strahlen die Sender jede Nacht Wiederholungen aus. Schon gehen die Quoten nach unten, TVStationen fangen an, ihren Werbekunden Sendezeit zu schenken, NBC zahlt sogar Geld zurück.

In der Branche wird geschätzt, dass rund 60 TV-Großproduktionen stillstehen - und ein Ende vor der Weihnachtspause ist nicht in Sicht. Filmfinanziers haben einen täglichen Verlust von rund 20 Millionen Dollar für die Produktionsstätte Los Angeles errechnet - nicht eingeschlossen der pekuniäre Einbruch für Hotels, Restaurants, Floristen und Chauffeure. Jerry Bruckheimer, Produzent der Erfolgsserie "CSI" - deren Dreharbeiten ebenfalls abgebrochen wurden -, beklagt, dass "die Leute ihre Häuser verlieren". Die Leute, das sind natürlich nicht Tom Hanks oder Jerry Bruckheimer: Das sind die "below the line workers", Arbeiter unterm Strich. Beleuchter, Make-up-Künstler, Köche. Rund 10.000 Arbeitsplätze, verkünden die Fachblätter, seien schon verloren bei Serien, die in Los Angeles produziert werden.

1988 gab es schon einmal einen Streik der Autorengilde. Er dauerte 22 Wochen. Die Oscar-Veranstalter baten damals flehentlich um einen Waffenstillstand für ihren großen Abend, aber die Gewerkschaft lehnte ab. Genüsslich erinnert man sich in der WGA an die unbeholfenen Auftritte einiger Akteure. Und so wappnen sich die unterm Strich dagegen, dass sie ihre Häuser verlieren. Und die drüber: ihr Gesicht.