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BAADER: RAF-Terrrorist als Ekel mit Popstarflair

Vor 25 Jahren endete das Leben des Top-Terroristen Andreas Baader. Regisseur Christopher Roth wagt es, diesen empfindlichen Part bundesdeutscher Geschichte frei umzusetzen.

In der dramatischen Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 endete in einer Zelle des Hochsicherheitstrakts von Stuttgart-Stammheim das Leben des Terroristen Andreas Baader. Mit ihm starben, mutmaßlich von eigener Hand, seine Lebensgefährtin Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe. Alle drei waren führende Mitglieder der so genannten Roten Armee Fraktion, deren Kürzel RAF etliche Jahre ein Synonym für den bewaffneten Kampf gegen das politische System der Bundesrepublik war.

Von einem charismatischen Kotzbrocken

Der Münchner Filmemacher Christopher Roth hat zusammen mit dem Drehbuchautor Moritz von Uslar den waghalsigen Versuch unternommen, das wilde kurze Leben der neben Ulrike Meinhof bekanntesten RAF-Figur unter dem lakonischen Titel »Baader« zum Leinwandstoff zu machen. Nach der kontrovers aufgenommenen Präsentation des fast zweistündigen Streifens auf der diesjährigen Berlinale kam er nun am 17. Oktober, exakt 25 Jahre nach dem Ende des Terroristen, in die Kinos. Frank Giering, der die Titelfigur verkörpert, spielt einen charismatischen Kotzbrocken, der stets übel gelaunt, doch von linken Frauen umschwärmt, seinem Untergang entgegentreibt.

Kein Doku-Drama

Das Ende Baaders findet im Film freilich nicht in der Stammheimer Zelle statt, sondern wird als melodramatisches Duell inszeniert. Dieses Finale zählt nicht zu den einzigen Freiheiten, die sich die Macher von »Baader« bei ihrer Version der Geschichte genommen haben. Schließlich hatten Roth und von Uslar nach eigenem Bekunden keineswegs die Absicht, eine faktengetreue Chronologie der Ereignisse abzuliefern. Vielmehr wollten sie »dahinter kommen, was die Faszination der Gruppe und auch der Polizei war«.

Ein Fahnder namens Kurt Krone

Letztere wird verkörpert von einem Fahnder namens Kurt Krone, der dem früheren Chef des Bundeskriminalamtes, Horst Herold, nachempfunden ist. Darsteller Vadim Glowna macht aus Krone alias Herold die Studie eines Terroristenjägers, der besessen ist von dem Machtapparat, dem er ebenso dient wie er ihn lenkt. Zugleich ist er aber auch fasziniert von denen, die er jagt. Der unsichtbare Zweikampf zwischen Herold und Baader hat tatsächlich stattgefunden, die persönliche Begegnung im Film jedoch ist frei erfunden. Auch bei der Gestaltung der Figur des RAF-Anführers haben sich die Filmemacher nur in groben Zügen an den realen Andreas Baader gehalten.

Frank Giering als Baader

Mit dem 31-jährigen Frank Giering ist in dessen Rolle ein Schauspieler zu sehen, der in der damaligen DDR ein Jahr nach der Verhaftung Baaders geboren wurde. Giering kann also ganz unbelastet von den damaligen Ereignissen den politischen Desperado geben, frei von der Dramatik und Hysterie jener Zeit. Eitles Popstargehabe, Chauvinismus, obszönes Vokabular, Gefühlskälte, Geltungsdrang, aber auch Tollkühnheit und Todesverachtung - all das zeigt Giering als Baader, ohne sich sonderlich zu bemühen, der historischen Figur innerlich oder äusserlich zu gleichen.

Mythos RAF

Aber Baader - wie auch die RAF - ist längst ein Mythos, zumindest für die Nachgeborenen. Weil zu diesen mit der Ausnahme Glownas auch das »Baader«-Team gehört, bietet es eine geradezu provokativ lockere, von verkrampfter Gegnerschaft wie billiger Bewunderung gleichermaßen entfernte Sicht der Ereignisse, die in den fatalen »Deutschen Herbst 1977« mündeten.

Gudrun Esslin und Ulrike Meinhof

Laura Tonke (Jahrgang 1974) als Baaders Lebens- und Todesgefährtin Gudrun Ensslin, spielt die herbe, zu allen Konsequenzen bereite Pfarrerstochter aus pietistischem Milieu auffallend weich und sanft. Dagegen kommt die aparte Birge Schade (Jahrgang 1965) als Ulrike Meinhof dem realen tragischen Vorbild auch äusserlich näher, doch bleibt sie ihm fern genug.

Ein Thema »wie die Fußballnationalmannschaft«

An dem Film »Baader« werden sich die Geister scheiden. Das ist schon deshalb gut so, weil es viel zu wenige deutsche Filme gibt, von denen sich das sagen lässt. Regisseur Roth sieht es gelassen: »Das Ganze ist - wie die Fußballnationalmannschaft - ein Thema, zu dem alle was zu sagen haben. Jeder weiß es besser. Und alle können noch viel lernen.«