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Berlinale-Chef Dieter Kosslick: "Ich habe keine Angst"

Seit 14 Jahren ist Dieter Kosslick Mister Berlinale. Im Gespräch mit dem stern geht es um Drohungen aus dem Iran, Fans am Morgen und Alkoholverbote.

Von Sophie Albers Ben Chamo

"Weltpolitisch ist das ein Fliegenschiss, was wir hier machen. Aber offensichtlich ist ein Fliegenschiss störend für viele Leute", sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

"Weltpolitisch ist das ein Fliegenschiss, was wir hier machen. Aber offensichtlich ist ein Fliegenschiss störend für viele Leute", sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

Die Berlinale ist fast vorbei. War es ein ruhiges Festival? Ein lustiges? Ein chaotisches? Wie fühlt es sich für Sie an?
Chaotisch ist es, weil wir nicht genügend Kinokarten haben. Das führt zu einem Chaos größeren Ausmaßes. Auch zu einem Chaos größeren Ausmaßes führt, dass wir Robert Pattinson hier haben und "Fifty Shades of Grey". Da sind die Leute aus dem Häuschen.

Die Sicherheitsvorkehrungen für die "Fifty Shades of Grey"-Premiere am Bahnhof Zoo waren ziemlich heftig.


Wir haben das gesamte Areal abgesperrt. Lustig ist das Festival auf jeden Fall auch. Die Leute sind gut drauf. Ruhig ist es definitiv nicht. Wir hatten mitunter sage und schreibe sieben rote Teppiche am Tag.

Und wir geht es Ihnen so?
Ich bin müde. Ich mache auch gleich eine Pause. Ich muss ja immer so früh aufstehen.

Wann denn?


Zwischen fünf und sechs. Und dann bin ich nachts um eins erst zu Hause.

Jafar Panahis Film "Taxi" ist auf unglaublichem Wege von Teheran nach Berlin gekommen, Sie wurden deshalb bedroht. Haben Sie in Ihrer Zeit als Berlinale-Chef eigentlich jemals Angst gehabt, einen Film zu zeigen?


(Überlegt ein bisschen) Nein. Ich hatte keine und habe auch jetzt keine Angst. Ob nun Nordkorea, Iran oder die Russen. Diese Reaktionen zeigen die Kraft der Kultur. Ich meine, weltpolitisch ist das ein Fliegenschiss, was wir hier machen. Aber offensichtlich ist ein Fliegenschiss störend für viele Leute.

Ist das nicht auch befriedigend?


Ja, denn es heißt, dass nicht alles sinnlos ist, was wir machen. Das Festival ist ja nicht nur Entertainment, auch wenn es gerade so aussieht, als sei der Partyrausch ausgebrochen. Als wäre zehn Tage lang Silvester. Aber es geht darum, dass es auch Sinn macht. Und den hat es schon gemacht, als es für "Esmas Geheimnis - Grbavica" den Goldenen Bären gab, und die vergewaltigten Frauen des Jugoslawienkrieges wenigstens als Kriegsopfer anerkannt worden sind. Und Jafar Panahi ist auch so ein Fall, wo ich sagen muss: Ja, Freunde, wenn so ein kleiner Film so eine große Wirkung hat, dann ist es gut, wenn wir ihn hier zeigen!

Sie sind bekannt für Ihre gute Laune. Was machen Sie, wenn sie morgens aufwachen und schlechte Laune haben?


Ich hab eigentlich generell keine schlechte Laune. Ich mache jeden Morgen eine halbe Stunde Yoga, spätestens dann wäre die weg. Am Schluss mache ich den Baum - auf einem Fuß stehen und Arme hoch. Wenn das ohne Wackeln geht, ist alles gut. Wenn ich wackle, weiß ich, dass ich nicht ausbalanciert bin.

Und dann?


Dann brauche ich noch mal eine Stunde, laufe rum, unterhalte mich mit Fans.

Sie unterhalten sich frühmorgens mit Fans?


Die liegen ja um sechs schon da vor dem Tickethäuschen. Wir sprechen dann ein bisschen. Das ist eine ganz andere Welt. Wenn ich mit den Fans geredet habe, bin ich meistens wieder okay.

Gab es dieses Jahr schon den Super-Gau oder eine Verwechslung auf dem roten Teppich?


Dass ist mir früher mal passiert, dass ich Kevin Spacey mit George Clooney verwechselt habe. Inzwischen kann ich sie auseinanderhalten. Super-Gaus sind heute eher technisch. Denn diese moderne Technik - und wir sind wirklich das modernste, digitalisierte Festival der Welt - hat auch einen großen Nachteil: Wenn da was abstürzt, kann man es nicht mal eben reparieren. Wir finden die Daten dann einfach nicht mehr. Die sind irgendwo in der Cloud, oder in Moabit, wo das Rechenzentrum steht. Ich geh ab und zu ins Filmlager, da sieht es aus wie bei "Star Trek".

Konnten Sie wenigsten mit Helen Mirren einen trinken gehen?

Sie war sehr guter Dinge. Ich habe nichts getrunken. Tue ich nie. Man läuft durch einen Weinberg hier, und es ist schwierig, keine Trauben zu essen. Aber es ist gefährlich. Dann zieht es einen irgendwo hin, man ist nicht konzentriert, aber ich muss immer konzentriert sein.