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"Metropolis" auf der Berlinale: Die Rückkehr des Stummfilmklassikers

Teile des Film galten seit Jahrzehnten als verschollen. Dann tauchte überraschend eine Langversion in Buenos Aires auf. Auf der Berlinale wird "Metropolis" mehr als 80 Jahre nach der Premiere wieder in fast voller Länge zu sehen sein. Die abenteuerliche Geschichte des deutschen Stummfilmklassikers.

Von Karen Naundorf

Es ist das Ende einer langen Reise, die mit einer Premiere in Berlin begann, nach Buenos Aires führte, und nun als erneute Weltsensation auf der Berlinale endet: "Metropolis", der teuerste deutsche Stummfilm, ist zurück auf der Leinwand.

1927 war "Metropolis" nach der Premiere im Ufa-Palast durchgefallen: Zu verworren sei die Geschichte, hieß es in der Kritik. Über 150 Minuten, das könne man niemandem zumuten. In den USA wurde der Film um etwa eine halbe Stunde gekürzt, das heraus geschnittene Material weggeworfen. Doch der Film faszinierte trotzdem: durch Spezialeffekte, etwa als ein Roboter zu Leben erweckt wird und durch den Entwurf einer Stadt der Zukunft. Ridley Scott zitiert den Film in "Blade Runner", Madonna bezieht sich darauf in einem Video. Vielleicht trug auch die Unvollständigkeit zum Mythos "Metropolis" bei. "Über ein Viertel des Films muss als verloren gelten", kündigte eine Texttafel die bisher vollständigste Version an. Und dabei wäre es vermutlich geblieben, wären da nicht zwei Filmprofis aus Argentinien.

Weltkulturerbe durch Zufall wiederentdeckt

Als Paula Félix-Didier im Januar 2008 die Leitung des Filmmuseums Museo del Cine in Buenos Aires übernimmt, klingt die Aufgabe alles andere als glamourös: Seit vier Jahren ist das Museum "vorübergehend" geschlossen und irgendwo zwischen Lagerhallen und Fabriken im Stadtteil Barracas untergebracht. Alte Projektoren, Filmkulissen, Kostüme und Fotos warten darauf, irgendwann einmal wieder der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. Doch die Sammlung des Filmmuseums birgt einen Schatz: Szenen von Metropolis, die Forscher und Restauratoren jahrzehntelang vergeblich in den Archiven der Welt gesucht hatten. Nur im kleinen Museo del Cine in Buenos Aires hatte niemand nach den Rollen gefragt.

Dass eine Langversion des Films, der als erster überhaupt von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde, in Buenos Aires lag, ist kein Zufall: Schon in den 20er Jahren gab es 300 Kinos in der Stadt. Der Filmverleiher Adolfo Z. Wilson hatte "Metropolis" in Berlin in der Originalversion von Fritz Lang gesehen. Während der Film in den USA gekürzt wurde, entschied Wilson, dem filmbegeisterten Publikum in Buenos Aires den ganzen Film zu zeigen. Ein Sammler hebt eine Kopie auf, verkauft seine Filme später an den Nationalen Kunstfonds, dieser gibt die Dosen an das Museo del Cine weiter.

Und so kommt es, dass während auf der ganzen Welt nach "Metropolis" gesucht wird, der Film in der gesuchten Version in Argentinien liegt. Ordentlich archiviert. Nur niemand weiß, dass die Version im Filmmuseum etwas besonderes ist. Bis der argentinische Filmhistoriker Fernando Peña den entscheidenden Hinweis bekommt: "Ein Filmvorführer erzählte mir, dass der Film in schlechtem Zustand war", sagt Peña. "Er beschwerte sich, dass er mit dem Finger auf den Streifen drücken musste, damit er nicht aus dem Projektor sprang. Mehr als zwei Stunden."

Mehr als zwei Stunden? Peña ist klar: Das kann nicht die gekürzte Fassung sein. Mehrfach versucht er, den Film im Museo del Cine zu begutachten, scheitertert aber an der Bürokratie. Bis Félix-Didier ihn ins Archiv einlädt.

"Wir restaurieren!"

Vor zwei Jahren sehen Experten dann die Bilder, von denen alle dachten, dass es sie nicht mehr gibt. Die Murnau-Stiftung, die die Rechte an "Metropolis" hält, beschließt sofort: "Wir restaurieren!" Das Ziel: eine neue Premiere des alten Films, mit großem Orchester, bei der Berlinale 2010. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Die Restauratoren analysieren Bild für Bild, sie wollen so nah wie möglich an die Uraufführungsversion von 1927 heran kommen. Es ist ein Puzzlespiel, dessen fertiges Bild niemand kennt, Zeitzeugen der Uraufführung gibt es nicht mehr. Die einzige Orientierung: Das Drehbuch und die Partitur der Filmmusik.

Die Bilder aus Argentinien sind verkratzt. "Als hätten zehn Katzen sich mit den Krallen daran ausgetobt", sagt Félix-Didier. Das Problem für die Restauratoren: Die Projektorschrammen, Staub und Ölflecken sind Teil des Bildes. Das 35mm-Original des Films wurde in den 70er Jahren vernichtet, Metropolis auf 16mm-Film umkopiert, alle Fehler bei der Kopierung mit abfotografiert. "Hätte doch nur mal einer mit dem Lappen drüber gewischt", sagt die Museumsdirektorin und sieht aus, als leide sie mit dem Film. Mehr als eine halbe Million Euro kostete die Restaurierung, trotzdem sind die Bilder aus Argentinien noch immer zu erkennen: Ein Teil der Kratzer ist geblieben. Ein Denkmal für das Museo del Cine? Félix-Didier lächelt, legt die Brille auf den Tisch. Sie sitzt in ihrem kargen Büro, in dem es im Sommer zu heiß ist und im Winter zu kalt.

Wer die Räume des Museums betritt sieht, dass sich dort seit dem wertvollen Fund nichts verändert hat. Es gibt weder eine Heizung, noch eine neue Klimaanlage im Archiv. Noch immer riecht es leicht modrig. Félix-Didier ist trotzdem glücklich: "Es ist das Schönste überhaupt für einen Archivar, der Filmgeschichte ein fehlendes Stück zurück zu geben."

Zwei Filmprofis aus Argentinien ist es zu verdanken, dass Fritz Langs Meisterwerk heute in fast voller Länge zeitgleich ab 20.15 Uhr auf der Berlinale, am Brandenburger Tor, in der Alten Oper in Frankfurt und live auf Arte zu sehen ist.