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Berlinale-Premiere: "Elementarteilchen": Das deutsche All-Star-Team

Dank seiner gesellschaftskritischen Handlung und einer glänzenden Besetzungsliste erntete Oskar Roehlers Film "Elementarteilchen" zwar viel Beachtung, aber geteilte Bewertungen. Das deutsche All-Star-Team stand Rede und Antwort.

Von Kathrin Buchner

"Wenn genmanipuliertes Popcorn beim Kauen im Kino nicht so ein komisches Geräusch machen würde, wäre ich dafür", beantwortete Schauspieler Christian Ulmen schlagfertig eine der ersten Reporterfragen auf der Pressekonferenz zu "Elementarteilchen", einem der deutschen Wettbewerbsfilme auf der Berlinale. Ulmen spielt den introvertierten Molekularbiologen Michael, der im Labor über asexuelle Vermehrung forscht und im wirklichen Leben erst im fortgeschrittenen Alter erste sexuelle Erfahrung und große Liebe findet - bei seiner Kindergartenfreundin Annabelle (Franka Potente). Ebenso wie sein Halbbruder Bruno (Moritz Bleibtreu) wurde er als Kind von seiner Hippie-Mutter (Nina Hoss) bei den Großeltern abgesetzt. Bruno ist zwar verheiratet, aber frustriert von seiner Ehe, hadert mit Erektionsproblemen und steigt seinen Schülerinnen nach. Er findet seine große Liebe beim Urlaub in einem Nudistencamp: Christiane (Martina Gedeck).

Während die Abgründe der Hauptfiguren im Buch fatalistisch und drastisch beschrieben werden, bekommt der Film einen deutlich komödiantischeren Anstrich und ein versöhnlicheres Ende. Warum er die Brüder so glimpflich davon kommen lasse und die Radikalität zurück genommen habe? Ja, es sei richtig, dass es im Film humoriger zuginge, räumte Produzent Bernd Eichinger offen ein. "Man muss das Buch erst verändern, um dann das Gesamtbild wieder so herzustellen, so dass es nahe am Buch ist". Und das Aufklatschen eines toten Körpers am Boden käme im Film schließlich sehr viel drastischer rüber als im Buch.

Kein Feedback vom Autor Houellebecq

Gerade die pessimistische Grundhaltung des Buches habe ihm so imponiert und einen Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft in die Hand gegeben, sagte Regisseur Oskar Roehler. "Ich finde es interessant zu zeigen, was Leute tun, wenn sie tief in der Klemme stecken. Seinem Kind Schlaftabletten zu verpassen, wenn es schreit, beispielsweise". Feedback von Autor Michel Houellebecq sei nicht gekommen. "Er hat den Film auch nicht gesehen. Im Moment ist er nicht erreichbar, auch nicht für den Verlag, aber das ist ganz normal und kein Grund zur Besorgnis", sagt Oskar Roehler und sorgt für dezentes Schmunzeln. Gesellschaftskritik sei eben nicht verfilmbar, sondern nur Melodramen, ergänzt Eichinger. "Ich könnte mir vorstellen, dass das sogar Herr Houellebecq das einsieht." Und schließlich sei das Konzept aufgegangen, sie haben sogar Schauspieler für Rollen bekommen, die eigentlich zu klein für deren Potential seien.

Die Besetzungsliste liest sich tatsächlich wie das "Who is Who" des deutschen Films: Neben den auf der Pressekonferenz vertretenen Hauptdarstellern, Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Franka Potente, Christian Ulmen und Nina Hoss sind in Nebenrollen auch noch Uwe Ochsenknecht, Corinna Harfouch und Herbert Knaup zu sehen. Produzent Bernd Eichinger hat also sämtliche Kontakte spielen lassen, um das als schwer verfilmbar geltende Werk, das ihn "vier Jahre seines Lebens beschäftigt hat" mit Wunschregisseur Oskar Roehler zu drehen.

Weniger Pornographie im Film als im Buch

Als erste der auf dem Auditorium versammelten Schauspieler ergreift Martina Gedeck das Wort, die bei der Pressekonferenz am meisten Applaus kassiert für ihre Rolle der freizügigen, aber vom Leben desillusionierten Christiane. "Ich war sofort begeistert von der Rolle. Christiane baut keine Fassaden auf, sie hat keine sentimentalen Erwartungen. Sie ist ein guter Loser und sie kämpft. Wie sie und Bruno zusammen finden, ist ein großes Manifest für die Liebe."

Franka Potente, im Film die verhuschte Annabelle und große Liebe von Michael, hat sich besonders gefreut, "Lola rennt"-Kollegen Moritz Bleibtreu wieder zu sehen. "Man meint immer, alle Schauspieler würden sich kennen", sagte sie. Dem sei aber nicht so, sie habe vorher niemanden gekannt. Es seien aber alles "brillante Kollegen", die sie sehr mögen. Moritz Bleibtreu bekannte, er gehöre nicht zur den Schauspielern, "die sich gerne die ganze Zeit nackt am Set rumtummeln. Aber Oskar Roehler und ich stimmten uns früh ab, dass der Film nicht so pornografisch werden soll wie das Buch. Da war ich dann beruhigt." Für seine Bemerkung, er sei ja eigentlich ziemlich hemmungslos, erntet nur noch ein müdes Lächeln der Kollegen.

Terminator als Rollenvorbild

Am Ende ist es wieder Christian Ulmen, der die Lacher auf seiner Seite hat. Er habe sich zur Vorbereitung auf die Rolle alle Terminator-Filme angesehen. "Denn eines haben der Terminator und Michael gemeinsam: Sie zeigen keine Gefühlsregungen." Angesichts der vielen prominenten Kollegen sei er vor Drehbeginn schon etwas eingeschüchtert gewesen "Zum Glück war die Figur, die ich spielte, unsicher. Ich konnte mein Gefühl nahtlos in den Film mitnehmen."

Und während die Pressevertreter noch heftig diskutierten, ob der Film dem Maßstab des Romans genügt und den Qualitätsansprüchen der Jury an die Wettbewerbsfilme, verkündete Produzent Bernd Eichinger im Festivalmagazin der Berlinale "Berlin Daily" sein nächstes Projekt: Er wolle den Roman "Der Baader-Meinhof-Komplex" von Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust verfilmen.