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Berlinale-Tagebuch: Tag 2: Punkrock und Bollywood

Der zweite Tag der Berlinale hatte es in sich: chinesisches Drama, ein Meisterwerk in Öl, die "Godmother of Punk", ein Charmebolzen aus Bollywood, und dann auch noch großes Kino fast ohne Geld. Nur die Stadt blieb cool.

Von Sophie Albers

Man wird das Gefühl nicht los, dass es Berlin eigentlich komplett egal ist, was in seinem Bauch gerade so passiert. Ob nun Filmstars auf dem roten Teppich winken oder Atomkraftgegner die Friedrichstraße blockieren, den einen Kiez kratzt nicht, was den anderen juckt, er kriegt es meist nicht einmal mit. So wird der morgendliche Weg zum Potsdamer Platz zum Eintritt in eine Blase, zum reality check. Was interessiert es den türkischen Gemüsehändler, ob um neun Uhr morgens ein chinesisches Drama im Wettbewerb des Filmfestivals läuft, oder den Busfahrer, wer Daniel-Day Lewis ist? Hauptsache die Tomaten sind rechtzeitig geschichtet, und die Tür klemmt nicht schon wieder. Immerhin, wenn man schon mal im Bus sitzt, erkennt man den einen oder anderen verstrahlten Filmfestblick.

Doch dann im Kino ist man angekommen: Restbenommen von der kurzen Nachtruhe lässt man sich in die weichen, roten Sessel plumpsen und starrt auf den rotsamtenen Vorhang, noch begeistert vom verschlafenen Glück des Anfangs. Wie ein Puls öffnen und schließen sich die Türen, strömen die Zuschauer in den Tempel des Kinos, den Berlinale-Palast. Das Licht geht aus, der Vorhang öffnet sich...

"In Love we trust" heißt Wang Xiao Shuais Drama über eine Frau, die alles tut, um ihr Leukämie-krankes Kind zu retten, sogar ein Kind zeugen mit ihrem Ex-Mann, um einen geeigneten Knochenmarkspender zu gebären. Dass sie für das kranke Kind alle Menschen um sich herum ins Unglück stürzt, verliert sie dabei völlig aus dem Blick. Dem chinesischen Regisseur ist das Kunststück gelungen, einer schweren Geschichte immer wieder mit Leichtigkeit zu begegnen. Und das hat bereits am zweiten Berlinale-Tag für Geraune über Chancen auf einen Bären gesorgt. Aber nun mal langsam.

Kreischen für Bollywood

Denn Freitag war auch der Tag von Paul Thomas Anderson und sein Monumentalwerk "There will be Blood". Für acht Oscars nominiert ist das Epos über den Aufstieg und Fall eines Ölbarons Anfang des 20. Jahrhunderts. Filmstar Daniel-Day Lewis ist wie immer nicht zu stoppen.

Ein Star anderer Güte sorgte wiederum für eine der lustigsten Pressekonferenzen dieser Veranstaltung. Der indische Leinwandheld Shah Rukh Khan präsentierte seine Bollywood-Hommage und Persiflage "Om Shanti Om" und brachte die Fans mehr zum Kreischen als die gesamte Besetzung der Rolling Stones. "1,3 Milliarden Menschen kennen Shah Rukh Khan - rund 90 Prozent davon haben sich bei uns gemeldet", scherzte Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

Kahn gab sich auf der Pressekonferenz allerdings vor allem "demütig". In Hollywood habe er keine Chancen, so der Strahlemann. Er habe zu wenig Talent, könne weder Kung Fu noch Salsa tanzen und sei wohl auch zu braun. Wen stört's.

Patti Smiths "Objekte des Lebens"

Während am Potsdamer Platz die Kinos brummten, übte sich am Hackeschen Markt eine Musiklegende in Interdisziplinarität. Die punkrockende Poetin und Malerin Patti Smith ist eigentlich in der Stadt, um ihren Film "Dream of Life" zu präsentieren. Doch zeigte sie zu diesem Anlass in der Galerie Artmbassy Fotos von "Objekten des Lebens" [siehe stern.de- Interview]. Mit schwarzen Cowboystiefeln, Jeans und löchrigem Mantel hielt sie Einzug, entschuldigte sich, dass sie wegen Kopfschmerzen eine Sonnenbrille tragen müsse und erzählte, wie es war, mit dem Freund und Regisseur Steven Sebring zwölf Jahre lang einen Film zu drehen. Am Ende gab es noch einen Live-Gedichtvortrag, vielleicht als Einstimmung auf das Konzert am Abend in der Passionskirche.

Doch zurück zum Kino: Am Nachmittag eröffnete die Berlinale-Perspektive mit der Regie-Kollaboration "Berlin - 1. Mai", und da US-Regisseur Anderson schon mal da ist: Da ist etwas so Wunderbares gelungen wie dessen "Magnolia". Nur dass es im Verhältnis zu dem grandiosen Episodenfilm aus dem Jahre 1999 fast nichts gekostet hat. Nicht einmal von der Filmförderung wurde das Werk von Sven Taddicken, Carsten Ludwig, Jan-Christoph Glaser und Jakob Ziemnicki unterstützt. "Es war anstrengend, wir sind froh, den Film zu zeigen. Berlinale, wir sind da!", rief ein sichtlich überwältigter Produzent zu Beginn der Vorführung aus.

Was geht's Berlin an

Brillante Darsteller erzählen vier Geschichten über einen 1. Mai in Berlin Kreuzberg: ein von seiner Frau betrogener Polizist, zwei Jungs aus der Provinz, die etwas erleben wollen, ein hängengebliebener Alt-68er und ein kleiner türkischer Junge, der einen "Bullen umlegen" will. Kunstvoll verschlungen sind die Schicksale an diesem einen Tag und erzählen Großes.

Das ist ein Augenblick, in dem das Kino lehrt, dass es eben die Menschen sind, die den Dingen Bedeutung verleihen, und deshalb ist es auch völlig in Ordnung, dass es Berlin am Hinterteil vorbei geht, wenn Hollywoodprominenz aufmarschiert. Übrigens hat Kosslick gerade verkündet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Julia Roberts kommt, bei 50 Prozent liege. Aber dafür kommen am Freitagabend Seal und die Fantastischen Vier zur VW-People's Night in der Akademie der Künste. Aber nein, Heidi Klum kommt nicht mit. Der "Schatz" muss arbeiten.