Berlinale-Tagebuch Es kommt meist anders, als man denkt


Mit Jurys ist es, um leicht abgewandelt mit Forrest Gump zu sprechen, wie mit einer Schachtel Pralinen - du kannst nie voraussagen, wen sie wählen: in diesem Jahr einen Kandidaten aus dem gesicherten Mittelfeld.

Dass Jasmila Zbanics Spielfilmdebüt "Grbavica" den Goldenen Bären gewonnen hat, ist in etwa so normal, als wäre Hannover 96 gerade Deutscher Meister geworden. Entsprechend konsterniert war denn auch die 31-jährige Regisseurin aus Bosnien, die mit eckiger Brille, langem roten Rüschenkleid, schüchternem Lächeln und sanfter Stimme den Charme einer warmherzigen Referendarin verströmte. Festival-Chef Dieter Kosslick wird die Entscheidung gefreut haben, ging sie doch konform mit den politischen Ambitionen seiner Veranstaltung: Das sensible Mutter-Tochter-Drama setzt sich mit den systematischen Vergewaltigungen von Frauen durch bosnische Soldaten während der Belagerung Sarajewos 1992 - 1995 auseinander. Schmunzelige Petitesse: Zbanic trug am gestrigen Abend goldene Schuhe...

Dass Michael Winterbottom mit leeren Händen den Berlinale Palast verlässt, konnte sich die Wahlkommission gerade im Hinblick auf die aktuellen Signale der Uno und sogar der britischen Regierung, deren Chef Tony Blair in Berlin weilt, nicht leisten. So durften der Engländer und sein Ko-Regisseur Mat Whitecross den Regie-Bären für "The Road to Guantànamo" entgegennehmen. Sehr viel Interpretations-Potenzial besitzt indes die ex-aequo-Entscheidung beim Grand Prix der Jury. Dass vor dem Hintergrund des Karikaturenstreits ausgerechnet der dänische Beitrag "En Soap" und der Iraner "Offside" den Silbernen Bären bekamen, kann man als Zufall werten, ist aber sicherlich keiner.

Bleibtreu: "Es wird von Jahr zu Jahr geiler!"

Der große Gewinner des Abends war das deutsche Kino, das alle drei Darsteller-Awards abräumte. Eine Bestätigung dessen, was Kosslick vor einigen Tagen im Branchenblatt "Variety" kundtat: "Die Berlinale hat geholfen, die depressive Stimmung in der Branche zu ändern." Ins selbe Horn bliesen auch Jürgen Vogel, als Schauspieler, Ko-Autor und Ko-Produzent von Matthias Glasners Vergewaltiger-Psychogramm "Der freie Wille" mit dem Preis für eine besondere künstlerische Leistung geehrt, und Moritz Bleibtreu, der ein wenig überraschend ("ich bin echt voll geblendet"), aber durchaus nicht unverdient den Darstellerpreis für "Elementarteilchen" bekam. "Aus Deutschland kommt seit einiger Zeit unglaublich viel Kraft, Konsequenz und Mut", so Vogel. Kollege Bleibtreu liefere einige Minuten später die bauchgesteuerte Kurzvision: "Es wird von Jahr zu Jahr geiler!"

In diesem Zusammenhang ist es umso schleierhafter, dass das Auswahl-Komitee nicht Florian Henckel von Donnersmarcks grandiosen "Das Leben der anderen" in den Wettbewerb gehievt hat, der um Längen stärker ist, als etwa Roehlers Houellebecq-Adaption. Wer wissen will, was gemeint ist: Im März startet das Stasi-Drama mit Sebastian Koch, Martina Gedeck und Ulrich Mühe in den deutschen Kinos.

Für ein Déjà-vu-Erlebnis sorgte das Votum für die Beste Darstellerin. Wie im letzten Jahr stand auf der Bühne erneut eine junge, unbekannte Theaterschauspielerin. Julia "Sophie Scholl" Jentschs Nachfolgerin ist 27, kommt aus Thüringen, heißt Sandra Hüller und lieferte in Hans-Christian Schmids "Requiem" ein sensationelle Vorstellung als Epilepsie-krankes Mädchen, das bei einem Exorzismus-Versuch stirbt.

Berlinale endet mit den Highlights

Die 56. Berlinale endet heute mit dem Publikumstag, an dem nochmal die Highlights des Programms wiederholt werden. Es war sicherlich kein herausragendes, aber ein wirklich schönes Festival. Keine Pleiten, kein Pech und keine Pannen. Ein Wohlfühl-Festival wie ein amüsanter und geistreicher Abend mit Freunden mit ausreichend Stoff zum Diskutieren und vielen unterhaltsamen Momenten. Das rund 300 Produktionen umfassende Programm bot zwar kein herausragendes Meisterwerk, war aber deutlich besser bestückt als im letzten Jahr. Gleichzeitig machte der European Film Market einen gewaltigen Sprung nach vorn - die Geschäfte der 254 Anbieter liefen sehr gut, die Branche war sich einig, das der Berlinale-Basar neben dem American Film Market und der Konkurrenz-Veranstaltung in Cannes definitiv zu den Big Playern zählt. Und nicht zu vergessen: die Besucher-Flaute in den deutschen Kinos ging an der Berlinale spurlos vorüber. Noch nie lösten so viele Menschen Festival-Tickets wie in diesem Jahr.

Dieter Kosslick fasste im Zusammenhang mit Winterbottoms "The Road to Guantànamo" das Wesen der Berlinale kürzlich so zusammen: "Nirgendwo anders kannst du drei einst gefolterte Männer auf den Roten Teppich bringen und sagen: Let's have fun." Der Mann mit dem Hut, dem Schal und dem Schalk hat seinen Vertrag erneuert und wird auch die nächsten fünf Jahre der Herr der Bären sein. Wenn man sich anschaut, was er die vergangenen fünf Jahre vollbracht hat, ist das durchaus eine gute Nachricht. Freuen wir uns also auf die 57. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2007. Und wir? Sehen uns wieder im Mai an der Croisette. A bientot.

Bernd Teichmann

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