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Berlinale-Tagebuch: Von Favoriten und "Scheißfilmen"

Wer sich durch das Schneegestöber ins Kino kämpft, möchte dafür auch etwas geboten bekommen. Der palästinensische Film "Paradise Now" erfüllt höchste Erwartungen und wird bereits als Favorit auf den Goldenen Bären gehandelt.

Schal, Mütze, Handschuhe, Mantel anziehen. Akkreditierungsausweis, Hotelschlüssel, Handy einstecken. Und los. Vor der Tür Schneegestöber, Eiswind. Ein paar schnelle Schritte über den Potsdamer Platz, hin zum Cinemaxx. Warten auf Einlass. Dann, von einer nervösen Menge ins Kino gedrängt, Platz sichern. Meine Lehne, deine Lehne. Alles wieder ausziehen und unter den Sitz stopfen. Beine irgendwie unterbringen. Warten auf den Filmstart.

Wer während des Festivals jeden Tag drei-, manchmal viermal ins Kino geht, ständig die immer gleichen Rituale wiederholt, ständig im Halbdunkel kauert (gibt es eigentlich so was wie Kino-Thrombose?), ist geneigt, bei einer bestimmten Art von Filmen rasch die Geduld zu verlieren. Bloß raus hier, an die Luft. Vielleicht läuft ja in einem der Nachbarkinos was Spannenderes, Unterhaltenderes, Bewegenderes.

Das Genre des "Scheißfilms"

Der Fluchtinstinkt setzt meistens nach etwa zehn Minuten ein. Wenn einen das Gefühl übermannt, hier kommt nichts mehr, was das Ausharren lohnt. Hier pflegt ein überschätzter Regisseur seine Macken, hier sprechen zweitklassige Schauspieler drittklassige Dialoge. Das Genre des "Scheißfilms" hat das mal ein Kritiker getauft: Langsames Tempo, symbolgeladen, intellektuell prätentiös.

Drei Arthouse-Regisseure vereint

Manchmal ist man dann aber doch einfach zu faul und bleibt. Und wird eines Besseren belehrt. Aktuelles Beispiel: "Tickets", der bei der Berlinale außerhalb des Wettbewerbs läuft. Drei bekannte Arthouse-Regisseure haben dafür ein gemeinsames Drehbuch geschrieben, welches komplett an Bord eines Zuges auf dem Weg nach Rom spielt. Die erste Episode, erdacht vom über 70-jährigen Italiener Ermanno Olmi (der sich leider in den letzten Jahren als klassischer Vertreter des Scheißfilms etablierte), verfolgt einen alten Professor, der sich in eine natürlich viel jüngere PR-Blondine (Valeria Bruni-Tedeschi) verguckt und sich ein neues Leben mit ihr vorstellt. Unerträglicher Altmänner-Fantasy-Quark.

Auch die zweite Episode über einen jungen Sozialarbeiter, der eine dicke Zicke begleiten muss, erdacht von Abbas Kiarostami (grundsätzlich Scheißfilm-verdächtig, doch der Iraner hat auch Filme wie "Der Geschmack der Kirsche" oder "Der Wind wird uns tragen" gedreht, deren staubige Bilder noch lange im Gedächtnis bleiben), ist nach einer Weile nur noch nervtötend.

Ken Loach rettet den Film

Und dann kommt Ken Loach. Der Brite, fast 70 Jahre alt, gerade mit "Ae Fond Kiss" im Kino und oft prämiert, unter anderem für "Sweet Sixteen" oder "Raining Stones". Loach nimmt sich drei schottische Fußballfans zur Brust, die eine albanische Flüchtlingsfamilie des Ticket-Klauens verdächtigen. Und plötzlich wirkt "Tickets", als hätte man im Zug alle Türen und Fenster auf einmal geöffnet und ein deftiger, "Fuck"-gesättigter Humor weht durch die Waggons, ohne das ernste Thema zu vernachlässigen. Schade, dass Loach nicht den ganzen Film unter seine Fittiche genommen hat.

Dass es nur einen und nicht drei Regisseure braucht, um einen guten Film zu einem ernsten Thema zu drehen, hatte davor schon der Palästinenser Hany Abu-Assad mit "Paradise Now" bewiesen. Er beginnt seine Geschichte zweier junger Automechaniker, die sich in Nablus langweilen, wie einen kalifornischen "Slacker"-Streifen. Abhängen, Mädchen anbaggern, Wasserpfeife rauchen. Doch als die Jugendfreunde eines Abends nach Hause kommen, erfahren sie von einem bärtigen Aktivisten, dass sie als Selbstmord-Attentäter auserkoren wurden. Eine Ehre, die man besser nicht ablehnt. Schnörkellos und frei von Effekthascherei ist "Paradise Now", bedrohlich bis zur allerletzten Szene. Nach der ersten Hälfte des Festivals für viele der erste Anwärter auf einen Goldenen Bären. Und dafür stapft man gerne mal durchs Schneegestöber.

Matthias Schmidt