HOME

Stern Logo Berlinale

Berlinale: Viel Kochen, viel Sex und ein bisschen Guantanamo

In wenigen Tagen wird sich Berlin wieder in die Welt-Hauptstadt des Films verwandeln. Berlinale-Chef Dieter Kosslick verriet - leicht zum gepflegten Altherren-Witz neigend - schon mal ein paar Highlights.

Von Florian Güßgen

Es ist noch ein paar Tage hin bis zur Eröffnung, aber schon an diesem Montag war der Andrang der Journalisten gewaltig. Der große Saal des Bundespresseamts, wo es sonst im spannendsten Fall um Gammelfleisch geht, war gerappelt voll - so, als gäbe es etwas umsonst. Dieter Kosslick, Chef der Berlinale, hatte gerufen - und alle waren gekommen. Schließlich beginnt das zehntägige Filmfestival am 9. Februar - und Kosslick stellte das Programm vor.

Das ganz große Highlight fehlt

Um es kurz zu machen: Charmant, mit einem leichten Hang zum Altherrenwitz, pries der Festival-Chef das Programm, das deutscher ist als in den vergangenen Jahren, dem aber das ganze große Highlight, der ganz große Star, zu fehlen scheint. Es geht, wie immer, viel um Sex, dazu, das ist neu, viel um Essen, ein bisschen um Guantanamo, um Michel Houllebecqs "Elementarteilchen" und ein wenig um Franka Potente.

Jury, Roter Teppich und Promi-Faktor

Aber vielleicht ist es vorweg ohnehin wichtig, das Prinzip "Berlinale" an sich zu erläutern. Für Menschen, die nicht das ganze Jahr mit irgendwelchen Werbe-Geschenken von irgendwelchen Kino-Festivals herumlaufen, ist das System auf den ersten Blick nicht zwingend bekannt: Bei der Berlinale gibt es verschiedene Sparten, in denen Filme gezeigt werden - dazu gehören etwa die Sparten "Forum", "Panorama", "Perspektive Deutsches Kino" oder das "Kinderfilmfest." Nicht in jeder Kategorie geht es darum, einen Preis zu gewinnen. Eigentlich geht es nur in der wichtigsten Kategorie, dem "Wettbewerb", um Preise - nämlich den Goldenen Bären für den besten Film, und Silberne Bären für die beste Regie, die beste Darsteller und so weiter. Der "Wettbewerb", in dem dieses Jahr 26 Filme gezeigt werden (nur 19 kommen in die Wertung), sorgt für Aufmerksamkeit, für Stars am Roten Teppich, für die Abschluss-Gala - und er ist es auch, auf den sich die mehr oder minder prominente Jury konzentriert.

Großkoalitionäre Besetzung der Jury

Betrachtet man allein die Jury, so fällt die diesjährige Berlinale - die 56. - in Sachen Promi-Dichte gegenüber dem Vorjahr merklich ab. Saßen 2005 noch Roland Emmerich, Franka Potente, Star-Schneider Nino Cerruti und die unvergesslich offenherzig bekleidete Chinesin Bai Ling (die sich im Lauf des Jahres auch noch im "Playboy" zeigte) in dem Gremium, so ist die aktuelle Besetzung eher großkoalitionär-nüchtern. Charlotte Rampling, die britische Schauspielerin ("The Verdict", "Swimming Pool"), ist die Chefin des achtköpfigen Teams, dem auch noch der New Yorker Objektkünstler Matthew Barney, der indische Regisseur Yash Chopra, die niederländische Regisseurin Marleen Gorris, der polnische Kameramann Janusz Kaminski, die koreanische Schauspielerin Lee Young-ae, deren deutscher Kollege Armin Mueller-Stahl ("Utz", "Shine", "Jakob der Lügner") sowie der amerikanische Produzent Fred Roos angehören.

"Da geht es sehr viel um Sex"

Die Zahl der Super-Promis ist also begrenzt, dafür gibt es viele einheimische Filme. Allein vier deutsche Produktionen gehen in den Wettbewerb, darunter die filmische Umsetzung des Romans "Elementarteilchen" des französischen Swinger-Club-Fanatikers und Skandal-Autors Michel Houellebecq durch Regisseur Oskar Roehler ("Suck my Dick", "Der alte Affe Angst", "Agnes und seine Brüder"). Eine ganze Riege deutscher Stars spielt da mit - Moritz Bleibtreu etwa, oder Christian Ulmen, Franka Potente oder Nina Hoss, und auch das Erwachsenen-Duo Uwe Ochsenknecht und Corinna Harfouch. "Da geht es sehr viel um Sex," erläuterte Kosslick lakonisch.

Kulinarisches Kino und Konfuzius

Mit Sex hatte es Kosslick ohnehin an diesem Tag. Konfuzius habe gesagt, dozierte der lässige Direktor mit seinem Oberlippenbart und der fast schon sozialpädagogisch anmutenden Brille, es gebe nur drei wichtige Dinge im Leben. "Sex, Essen und Kino". Eine kurze Abwägung der Bedürfnisse Sexualtrieb und Nahrungsaufnahme nutzte er, um auf den diesjährigen Berlinale-Schwerpunkt Kino und Küche hinzuweisen. So setzt der "Talente Campus", so eine Art Berlinale-Jugendlager mit Werkstatt-Charakter, einen Akzent mit dem Projekt "Hunger, Food, and Taste"“, das die Gemeinsamkeiten zwischen Filmerei und Kocherei beleuchten soll - durchaus auch im Sinne einer politpädagogischen Mission. "Es geht im Essgeschäft mehr denn je um Verantwortung“, erklärte Kosslick. "Wenn sie jetzt wieder lesen, dass eine ehemalige Giraffe, die schon seit 200 Jahren tot war, in Bayern in der Kantine verspeist worden ist, dann muss ich sagen, diesen Leuten gehört wirklich der Schein weggenommen. Wir müssen uns überlegen, was wir zu uns nehmen - und das betrifft natürlich vor allem jene Leute, die nicht so viel Geld haben." Komplettiert wird der Lebensmittel-Schwerpunkt übrigens von einer Film-Reihe, die - oh, Du wunderbares Klischee - von der französischen Botschaft gesponsert wird, Titel: "Cuisines et Cinéma" - kulinarisches Kino.

Guantanamo und George Clooney

Für alle soll also etwas dabei sein auf dieser Berlinale. Dass das Festival dabei auch einem politischen Anspruch genügen will, war Kosslick am Montag auch wichtig. Er weise besonders auf den Wettbewerbs-Film "The Road to Guantanamo" der Regisseure Michael Winterbottom und Mat Whitecross hin, sagte der Direktor, der die Berlinale in diesem Jahr zum fünften Mal leitet. Für diesen Film hätte er eigentlich sogar einen besonderen Wunsch. "Ich würde eigentlich ganz gerne die 450 Häftlinge, die entgegen jeglichem Menschenrecht auf Guantanamo einsitzen und gefoltert werden, auf dem roten Teppich begrüßen", sagte Kosslick und schlug so den Bogen vom Sex über das wunderbar wichtige Essen bis hin zur politischen Realität der Gegenwart.

Was ihn denn persönlich besonders stolz mache in diesem Jahr, an dieser Berlinale, wurde Kosslick kurz darauf gefragt. "Dass wir uns mögen", sagte der Direktor in Bezug auf seine Mitstreiter. Ob es denn nicht noch etwas anderes gebe, wurde nachgehakt. Doch, sagte Kosslick. Vor kurzem hätte er seinen guten Freund George Clooney getroffen. Er habe ihn mit den Worten begrüßt. "Du siehst gut aus." Darauf habe dieser erwidert: "Du auch." Darüber werde noch zu reden sein auf dieser Berlinale, versicherte Kosslick.