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Berlinale: Zwei Frauen, zwei Zeiten

Mit 21 Jahren wurde Sophie Scholl wegen ihres Widerstandes gegen die NS-Herrschaft hingerichtet. 62 Jahre später erweckt Schauspielerin Julia Jentsch die junge Heldin zu neuem Leben.

Die Studentin Sophie Scholl ist am 22. Februar 1943 in München hingerichtet worden. Die Schauspielerin Julia Jentsch ist am 19. Februar 2005 für ihre Verkörperung der Widerstandskämpferin in dem Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" mit dem Silbernen Bären der 55. Internationalen Filmfestspiele von Berlin ausgezeichnet worden. Als Sophie Scholl den letzten Gang zum Fallbeil des Nazi-Justizterrors antreten musste, war sie 21 Jahre alt. Julia Jentsch wurde am Tag ihres ersten großen Triumphes 27 Jahre alt. Zwei Frauen, zwei Zeiten.

Künftig wird man sich an das Martyrium der Sophie Scholl nicht mehr erinnern können ohne die Bilder der ergreifenden, ja leuchtenden Intensität, mit der Jentsch eine mädchenhafte junge Frau spielt, die in der extremsten existenziellen Prüfung ihrem Gewissen den Vorrang gab vorm Überleben. Es ist die besondere Qualität des am 24. Februar in die Kinos kommenden Films, diese Sophie Scholl ebenso als lebenslustige, begabte Studentin wie auch als in ihrem Volk verwurzelte, ihrem christlichen Glauben vertrauende Frau vorstellbar zu machen.

Der NS-Herrschaft mit großem Mut die Stirn geboten

Ermöglicht wurde diese neue Sicht auf Sophie Scholl durch die Entdeckung der Verhörprotokolle, die bis zum Zusammenbruch der DDR im Zentralen SED-Parteiarchiv gelagert waren. Offenbar hatten die SED-Machthaber keinerlei Interesse daran, die "bürgerliche" Scholl als Persönlichkeit zu zeigen, die der NS-Herrschaft mit großem Mut die Stirn bot. Der Film setzt nun einer fast übermenschlich mutigen und klugen Frau ein Denkmal, die wie eine Ikone für den bedingungslosen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime steht. Drehbuch-Autor Fred Breinersdorfer stützt seine Dialoge dabei zu fast 90 Prozent auf die 60-seitigen Verhörprotokolle. Diese belegen eindrucksvoll, dass es weder dem Gestapo-Verhörspezialisten, Robert Mohr (Alexander Held), noch dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler (André Hennicke), im Februar 1943 gelungen war, Scholls Widerstand zu brechen. Gerade das Psychoduell zwischen Scholl und Gestapo-Mann Mohr gerhört in seiner Intensität und atemberaubenden Dichte zum Faszinierendsten, was der deutsche Film in den letzten Jahren zu bieten hatte. Ergreifend emotional sind die Schluss-Szenen nach der Aburteilung Sophie Scholls bis zur Hinrichtung am Nachmittag des 22. Februar 1943 unterm Fallbeil im Gefängnis Stadelheim.

Die Heldin des bürgerlichen Widerstands gegen Hitler

Im Gegensatz zu früheren Filmen um die Widerstandsgruppe der Weißen Rose, der Sophie Scholl und ihr ebenfalls hingerichteter Bruder Hans angehörten, konzentriert sich die jetzige Kinoversion fast ausschließlich auf die Studentin. "Sophie Scholl - Die letzten Tage" zeigt unter Berufung auf die Verhörprotokolle, dass der von Sophies Idealismus sichtlich beeindruckte Gestapo-Beamte Mohr der Studentin eine Möglichkeit gewiesen hatte, ihr eigenes Leben zu retten. Doch diesen Weg wollte die Tochter eines württembergischen Bürgermeisters, der seine Kinder zu Toleranz und Eigenständigkeit erzogen hatte, nicht gehen. Schon seit Jahrzehnten gilt sie, ebenso wie ihr Bruder Hans und die anderen ermordeten Mitglieder der studentischen Gruppe Weiße Rose, als Heldin des bürgerlichen Widerstands gegen Hitler.

Der Film lebt von seiner historischen Authentizität und der atemberaubenden Echtheit der Dialoge. Scholls Verhalten war überlebensgroß, und deshalb kommen Regisseur Marc Rothemund und Scholl-Darstellerin Julia Jentsch auch nicht daran vorbei, sie in ihrem Film genauso porträtieren. Deshalb bleibt der Film im Prinzip auch politisch, auch wenn es Rothemund, wie er sagt, in erster Linie um die menschliche Geschichte ging.

Märtyrerin wider Willen

Julia Jentsch findet in jeder Szene des Films stets den richtigen Ton, agiert ohne große Gesten und erschüttert gerade deshalb in dem kurzen Ausbruch tiefer Verzweiflung nach der Verurteilung so sehr. Denn zweifellos ist Sophie Scholl wider Willen zur Märtyrerin geworden. Mit ihren 21 Jahren hätte sie so gerne noch gelebt und könnte ja noch heute leben. Doch in der Stunde tiefster Dunkelheit in Deutschland hat sie sich mit ihren Weggenossen der Weißen Rose entschlossen, das Gewissen einer Nation in einer Situation zu sein, als der Anspruch auf Gewissen mit Todesgefahr verbunden war.

Es wäre eine unzumutbare Verharmlosung und Herabwürdigung des Opfergangs von Sophie Scholl, wenn der Film als hehres Beispiel für Zivilcourage banalisiert und damit seine eigentliche Botschaft entschärft würde, die da ist: Es gab einmal eine junge deutsche Frau, die in der Schlüsselszene ihrer Vernehmung wie des Films ohne falsches Pathos sagte: "Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte." Der Henker hat später bekannt, niemand sei so tapfer und aufrecht in den Tod gegangen wie Sophie Scholl und ihr Bruder Hans. Der Film lässt daran nicht zweifeln.

Wolfgang Hübner/AP / AP