Tag 4 Die Deutschen melden sich zu Wort


Am vierten Tag des internationalen Festivals melden sich endlich die Deutschen zu Wort. Aber nicht, wie man denken könnte, mit überzeugenden Filmen im Wettbewerb

Am vierten Tag des internationalen Festivals melden sich endlich die Deutschen zu Wort. Aber nicht, wie man denken könnte, mit überzeugenden Filmen im Wettbewerb. "Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar läuft erst am Mittwoch, "Gegen die Wand" von Fatih Akin am Donnerstag. Und in den Nebenreihen konnte bisher einzig "Muxmäuschenstill" begeistern.

Nein, die Deutschen haben vor fünf Monaten eine Filmakademie gegründet, in der ziemlich alle Mitglied sind, die in der Branche was zu melden haben. Regisseure, Schauspieler, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, die Leute vom Schnitt und Ton, Szenen-, Masken- und Kostümbildner. In Zukunft sollen die Filmakademiker die deutschen Filmpreise vergeben und Fördergelder ausschütten. Im Rahmen der Berlinale traf man sich nun in der Akademie der Künste (man beachte die nahe liegende Schlussfolgerung: Film gleich Kunst) und statt einer einschläfernden, auf der Stelle tretenden Podiumsdiskussion, verlasen einige große Beweger ihre Gedanken zu einem sehr deutschen Thema: Was ich am deutschen Film hasse. Eigentlich hätte man gleich "Willkommen zur Selbstzerfleischung" auf die Einladungen drucken können.

Tom Tykwer löst Jubelstürme aus

Doch bereits der erste Beitrag von Tom Tykwer ("Lola rennt"), leise und unglaublich schnell gesprochen, entwickelte eine derartige sprachliche Rasanz und Wucht, dass die Anwesenden sich in einen Actionfilm aus Hollywood wähnten. Tykwer variierte Standardabsagen und Beileidsbekundungen, schnitt Floskeln mit einer rhetorischen Kettensäge in kleine Stückchen und setzte sie neu zusammen. "Denk doch mal an die Prime-Time, wirklich tolles Projekt, aber das können wir leider nicht machen, aber wirklich tolles Projekt, was gut ist setzt sich durch..." Der Eintopf aus "Fördertopf, Personalgeschacher und Ablenkungsmanövern" mache einen zunehmend "Balla Balla im Kopf". Tykwer endete mit einer Liebeserklärung an "das Schimmern von Marie Bäumer, das Lächeln von Hannelore Elsner, das Strahlen von Franka Potente, das Grinsen von Moritz Bleibtreu, das Geiern von Jürgen Vogel", und und und... Jubelsturm im Saal.

"Wir sind ganz schöne Spießer"

Danach träumte Jürgen "der Geier" Vogel von roten Cabrios, Paaren um die 30 mit Problemen. Die in Lofts leben und die Kinderfrage stellen. Aber halt: Das sind wir nicht. So locker und leicht. Das sind die Franzosen. Vogel: "Wir sollten zu dem stehen, was wir sind. Ganz schöne Spießer, Biedermeier, paragraphenverliebt. Darüber darf man auch lachen und Filme drehen." Später kamen noch Michael Verhoeven, Dominik Graf, Corinna Harfouch, Florian Gallenberger, Oskar Roehler und Bernd Eichinger zu Wort, der zweite Höhepunkt des äußerst kurzweiligen Nachmittags kam jedoch von Anarcho-Regisseur Rosa von Praunheim.

Rosa von Praunheims Tirade

Er setzte sich eine seltsame Kuheuter-Blümchen-Mütze auf, und los ging seine fantastische Tirade: Schafft die Filmschulen ab, die produzieren nur Arbeitslose und verarschen die Studenten. Die zwei wichtigsten Aspekte der künftigen Ausbildung: "Wie man mit einer Pump-Gun schießt und wie man Frauen misshandelt." Führt die Prügelstrafe ein für schlechte Filmemacher, denn "wenn der Arsch nicht brennt, kann das Herz nicht hüpfen". Von Praunheims Schlussappell: "Schlachten wir die Besten und essen sie auf: Das Gehirn von Wim Wenders, das Herz von Tom Tykwer, der Schwanz von Andreas Dresen, Christian Petzlds Augen, Romuald Karmakars Arsch." Spätestens nach dieser Rede war allen klar: Der deutsche Film ist auf dem Weg nach oben.

Was zumindest deutsches Geld, deutsche Finanzierungskünste, deutsche Koproduzenten bereits leisten können, war dann wenig später doch noch im Berlinale-Palast zu bestaunen, wo die Wettbewerbsfilme zum ersten Mal auf ein großes Publikum treffen. "Monster" nennt sich die Biographie der US-Serienkillerin und lesbischen Ikone Aileen Wuornos. Machen wir es kurz: Der Film ist sensationell, nicht nur weil die hübsche, langbeinige Blondine Charlize Theron dafür mit Zahnprothese, Übergewicht und Spezial Make-up eine beinahe unglaubliche Metamorphose durchlaufen hat.

Die junge Regisseurin Patty Jenkins erzählt die tragische Lebensgeschichte ohne Kompromisse, ohne einen Funken Hoffnung und dennoch so packend und unpathetisch, dass man am Ende sogar Respekt vor dem angeblichen Monster bekommt. Eine dreckige, realistischere Variante von "Thelma und Louise" ist ihr Debütfilm voller Bierdosen und schäbiger Motels. Er endet nicht im frei gewählten Heldentod, sondern in der Todeszelle. Was für ein Monster: Der erste Favorit für einen Goldenen Bären!

Matthias Schmidt

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