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Tag 6: Es darf gelacht werden

Was für schwere Schicksale haben wir in den Wettbewerbsfilmen schon hinter uns gebracht. Doch am sechsten Tag wird endlich auch mal lauthals gelacht im Berlinale-Palast.

Was für schwere Schicksale haben wir in den Wettbewerbsfilmen schon hinter uns gebracht. Die fiebrigen Augen eines kleinen, vietnamesischen Flüchtlingsjungen, der die illegale Schifffahrt nach Amerika nicht überleben wird. Das herzzerreißende Schluchzen einer südafrikanischen Mutter, die erfährt, was ihrem verlorenen Sohn im Apartheidsstaat widerfahren ist. Die blutigen Hände einer Straßennutte, die sich nicht länger misshandeln lassen will. Die eingefallenen Wangen einer Frau, die von ihrem Liebhaber in die Magersucht getrieben wird. Selbst Annette K. Olesen, die Dänin die vor zwei Jahren mit "Kleine Missgeschicke" für gute Laune sorgte, schickt diesmal eine Gefängnispastorin, eine Theologieabsolventin und ein ungeborenes Kind mit Chromosomendefekt an den Start. "Ich wollte mal ein Feel-Bad-Movie" drehen, sagt sie.

Es darf gelacht werden

Doch am sechsten Tag wird endlich auch mal lauthals gelacht im Berlinale-Palast. Dabei vereint "Before Sunset" für anspruchsvolle Cineasten gleich drei Todsünden. Er kommt aus den USA, es spielen Stars mit, es ist ein Sequel, also eine Fortsetzung. Doch der Independent-Regisseur Richard Linklater, dessen Musik-Komödie "School of Rock" gerade in den Kinos läuft, hat erneut ein kleines Wunder vollbracht.

"Before Sunset"

Zehn Jahre nach dem Publikumserfolg von "Before Sunrise", einer zarten Liebesgeschichte in Wien, die das Achtfache ihres 2,5 Millionen Dollar-Budgets einspielte, bringt er die damaligen Hauptfiguren wieder zusammen. Der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) ist nun ein erfolgreicher Schriftsteller, verheiratet, eine Tochter. Die Französin Celine (Julie Delpy), tätig für eine Umweltorganisation und ebenfalls in festen Händen, besucht seine Pariser Lesung, um alte Erinnerungen aufzufrischen.

Man geht spazieren, ins Café, fährt auf einem Touristenboot auf der Seine und redet und redet und redet. Über den schlechten Zustand der Welt, über Mönche, die Reisenden einen blasen wollen, über Kinder, die auf Tischen tanzen. Das alles fühlt sich so verdammt echt an, als würde man zwei gute Freunden beobachten. Hawke bei der Pressekonferenz: "Es geht um Erfahrungen, die viele schon mal gemacht haben.

Anderer Blick auf die Realität

Im ersten Teil trifft jemand im Zug einen Fremden und fühlt sich ihm verbunden. Im zweiten Teil trifft man auf eine alte Liebe und beginnt das Leben zu überdenken." Linklater hat mit "Before Sunset" eine Art Negativ zu "Lost in Translation" abgeliefert. Hier sind die Protagonisten beide Mitte 30, nur der Mann ist fremd in der großen Stadt und es wird wirklich pausenlos parliert. Trotzdem verzaubert sein Film auf ähnliche Weise, lässt lachen und weinen. Und wer aus dem Kino tritt, wirft zumindest für kurze Zeit einen anderen Blick auf die Realität.

Die Realität in Frage stellen lässt auch "Feux Rouges" (Schlusslichter) des Franzosen Cédric Kahn. Sein elegant inszenierter Krimi basiert auf einem Roman von Georges Simenon und tummelt sich hauptsächlich auf den Fernstraßen der Grande Nation. Ein entfremdetes Ehepaar will seine Kinder aus dem Ferienlager abholen. Nach heftigem Streit verschwindet sie spurlos, während er sich in diversen Bars betrinkt und alleine weiterfährt. Bis er einen entflohenen Verbrecher kennen lernt.

Wirklichkeit unterwandern

Die Realität, die Wirklichkeit vor unseren Augen unterwandert Kahn mit optischen Tricks und Traumsequenzen. Können wir dem Ehemann überhaupt trauen, dessen melancholisches Gesicht an Billy Bob Thornton erinnert? Natürlich muss solch ein versierter Genrefilm nicht unbedingt im Wettbewerb eines internationalen Festivals laufen, aber die krisengeschädigten Berufskritiker nahmen es dankbar an.

Schließlich holte der junge Koreaner Kim Ki-duk schnell wieder auf den harten Boden der schweren Schicksale zurück. Schulmädchen-Prostitution in Seoul ist sein Thema. Doch wer Ki-duks letzte Filme "Die Insel" und "Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling" kennt, weiß, dass seine ruhige Handschrift, seine metaphernreiche Filmsprache, in der Wasser, Natur und Religion zentrale Rollen innehaben, poetische Bilder erschafft, die noch lange im Bewußtsein schwimmen. Da nimmt man ein wenig Leid gerne in Kauf.

Matthias Schmidt