Big Brother Spiele ohne Grenzen


Seit dem 31. März lässt sich in Deutschlands bekanntestem Container wieder eine handverlesene Schar von Exhibitionisten und Abenteurer beim seelischen Striptease zusehen.

"Big Brother" ist eine moderne Freakshow, die mit den Mitteln des Fernsehens aufgeführt wird. Die Zuschauer bekommen jeden Tag aufs Neue eine Hand voll normaler und extremer Charaktere präsentiert und dürfen dann monatelang dabei zusehen, wie die "Bewohner" aneinander und an den allgegenwärtigen Kameras scheitern. Denn in der Regel läuft das Leben im gläsernen Gefängnis nach ganz eigenen Regeln ab. Die Männer markieren ihr neues Revier mit markigen Sprüchen und mit Imponiergehabe, während die Frauen Intrigen spinnen und kurzzeitige Bündnisse eingehen. Zwischendurch wird kreuz und quer gelästert, was das Zeug hält.

Die ersten drei Staffeln der Container-Show haben dem Zuschauer bereits Eindrücke von bleibendem Wert beschert: Sladdy, wie er sich mit der Nagelschere die Brusthaare schneidet. Die hysterische Ebru, die heulend vor der Tür zusammenbricht. Das Küken Alida, das eher aus Versehen zeigt, welche Schätze sie unter ihrer Bluse versteckt. Der Rocker Harry, der auf seiner Gitarre alte Lieder klampft und alle Bewohner an seiner immensen Lebensweisheit teilhaben lässt. Und natürlich der Nominator Christian, der mit spitzem Mundwerk seine Mitbewohner analysiert und seinem Kumpel Karim dazu rät, sich doch endlich die blonde Daniela "über den Kolben zu ziehen".

Lange, viel zu lange setzte der berühmte Container in Köln-Hürth ungenutzt Staub und Spinnweben an. Zu miserabel waren die Quoten der eilig anberaumten dritten Staffel, zu schmerzlich das Sterben eines ganzen Fernseh-Genres im Blitzgewitter immer neu aufgelegter Reality-Shows – eine schlechter als die andere.

Mehr Action und Satisfaction

Doch die Mutter aller Containershows war nicht tot, sondern schlummerte nur unauffällig vor sich her. Die Profis von Endemol tüftelten derweil am Konzept, verwarfen viele Ideen und schworen schließlich vor Beginn der vierten Staffel dem allgemeinen Abhängen auf der Big-Brother-Couch ab. Mehr Action und Satisfaction anstelle sinnentleerter Diskussionen im Wohnzimmer geben in der vierten Staffel den Trend vor: Das neue Konzept lässt sich am Stichwort "Wettkampf" festmachen.

Am 31. März sind die ersten Bewohner ins neu gebaute Big Brother Haus eingezogen. Ein gut gewählter Zeitpunkt: Die ganzen Reality-Klone auf den Konkurrenzsendern haben ihren Sendeplatz verloren und beim Publikum ein echtes Vakuum hinterlassen. Zahllose Teens und Twens gieren inzwischen wieder nach dem wahren Leben und reservieren sich gerne aufs Neue den täglichen Time-Slot nach 19 Uhr: Ich hab einen Termin mit dem Großen Bruder. Die soliden und noch immer steigenden Einschaltquoten sprechen für sich: Zahllose Fans hängen wieder an der Droge Fernsehen und ziehen sich jede Folge rein. Der Rest bleibt nur "aus Versehen" hängen und weiß trotzdem Bescheid.

Niemand hätte vorhersagen können, dass "Big Brother 4" so gut anläuft. Angesichts der Quoten hat man bei RTL 2 auch ziemlich schnell reagiert und noch rasch eine Zusatzsendung am ansonsten Big-Brother-freien Sonntag eingeschoben. Auch die Nominierungsshow am Montag mit der ebenso sympathischen wie professionellen RTL2-Allzweckswaffe Aleksandra Bechtel wurde um eine Stunde gelängt. Die Weichen für den Erfolg wurden aber schon vorher gestellt. Das Motto heißt ab sofort "Wettkampf". Zwei Teams treten gegeneinander an, um sich das Vorrecht auf mehr Luxus zu erkämpfen.

Denn die neu gebaute und perfekt verkabelte Wohnhütte wurde für "Big Brother: The Battle" in zwei getrennte und unterschiedlich große Bereiche aufgeteilt. In der Gewinnerzone warten weiche Betten, eine geräumige Küche sowie ein Garten mit sprudelndem Jakuzzi und Pool auf die glücklichen Bewohner. Der Verliererbereich reduziert sich auf ein winziges Schlafzimmer mit Strohballen als Bett, auf ein hölzernes Plumpsklo und einen matschigen Flecken Erde, der sich Garten schimpft. Gekocht wird im Armenviertel mit einem Holz-befeuerten Ofen. Die Dusche steht im Freien und ist nicht zwingend an ein Heißwasserleitungssystem angeschlossen.

Die neuen Bewohner wurden gleich nach ihrem Einzug ins Haus dem roten oder dem blauen Team zugeschlagen. Ob sie nachts auf Stroh oder auf Leinen schlafen, entscheidet sich fast täglich neu - bei den Battles, die manchmal sogar mehrmals an einem Tag ausgefochten werden.

Gegen die natürliche Trägheit der menschlichen Versuchskaninchen hilft die Sirene, die eine neue Battle völlig überraschend und gerne auch zu den nächtlichen Stunden ausruft. Binnen drei Minuten müssen sich die Teams in diesem Fall an der Schleuse zum Battlefield versammeln, ansonsten ist der Kampf bereits zugunsten des gegnerischen Teams entschieden.

Gladiatorenkämpfe für den Zuschauer: Wer bei diesen Battles verliert und der Loser ist, verschafft seinem Team einen sofortigen Wechsel in den armen Bereich des Hauses. Hier dürfen die Bewohner nicht mehr die Kleidung wechseln, nicht rauchen und auch keinen Rasierer benutzen. Klar, dass die Battles da für Spannungen auch innerhalb der Teams sorgen. Die Psychologen, die sich "The Battle" ausgedacht haben, werden sich vom Erfolg bestätigt die Hände reiben.

Bunte Kandidatenmischung

Zig tausend Leute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich als Teilnehmer für die vierte Staffel beworben. Die Psychologen von Endemol haben ganze Arbeit geleistet und für den neuen TV-Käfig gezielt ein Sammelsurium extremer Typen zusammengestellt, das unter der Dauerbelastung zwangsläufig Neurosen ausbilden muss. Das haben die Zuschauer bereits in den ersten beiden Wochen des neuen Container-Spaßes gemerkt.

Der Schweizer Michel etwa beschimpfte seine Teammitglieder, brach nach jeder verlorenen Wette stimmungsmäßig völlig ein und stieg bereits nach ein paar Tagen freiwillig aus dem TV-Gefängnis aus. Zu sehr würde ihn der "Spaß" an seine schlimme Jugendzeit im Heim erinnern. Warmduscher Marc hatte keine solch gute Begründung. Trotzdem verließ er das Haus von alleine. Er habe sich im Vorfeld nicht vorstellen können, dass es so hart sein würde. Vor allem bei einer Box-Battle bekam er von seinem Gegner Jan so heftig eins auf die Nase, dass es für die Zuschauer eine echte Gaudi war.

Seitdem praktiziert Big Brother ein ganz besonderes Modell: Die Zuschauer rufen an und geben kund, wen sie nicht leiden können. Am Montagabend verkündet Aleksandra Bechtel dann dem Loser der Nation, dass niemand ihn mag – und drückt dem deprimierten Verlierer zum Trost auch noch ein kümmerliches 08/15-Handy als Trostgewinn in die Hand. Zuerst erwischte es die "Künstlerin" Gabriella, die im Container durch ihre permanent miserable Laune auffiel. Sie frage sich angesichts ihres Raufwurfs entsetzt: "Was habe ich denn falsch gemacht?" Millionen Zuschauer wissen es genau. Sie würden sich mit dieser grantigen Frau nicht einmal im Restaurant an einen Tisch setzen.

Zickigkeiten kommen beim Zuschauer nicht gut an. Die schöne Carla überlebte aus diesem Grund auch nur eine Woche im Container. Dann konnten die Zuschauer ihre arrogante Visage nicht mehr ertragen und streckten den Daumen gemeinschaftlich nach unten. Auch die sehr appetitlich anzusehende Larissa folgte ihrer Freundin nur eine Woche später: Ihre Jaulereien und ihr übertriebener Schminkwahn waren ebenfalls nicht zu ertragen. Jetzt hat es Anfang Mai den ersten Selfmade-Star aus der vierten Staffel erwischt. "Mr. Proper" Ulf ist draußen. Der glatzköpfige Türsteher darf nun nicht länger seiner meist nackig durch den Container stiefelnden Nadja hinterhergeifern, sondern muss zusehen, ob er "draußen" etwas aus seinem kernigen Image machen kann.

Im Container verkündet Ulfs Auszug das Ende der Spaßgesellschaft. Die vorher so homogenen Teams fallen auseinander, es kommt zunehmend zu einem Macht- und Kompetenzgerangel. Der smarte Teamchef Jan verbringt anscheinend zu viel Zeit mit der quatschlustigen Khadra und der Bohnenstange Petra, anstatt sich als Chef der Blauen um den Sieg bei den Battles zu kümmern. Der gefährlich aussehende Kai und der intrigante "Pumuckl" Holger sägen angesichts ständiger Niederlagen bereits an Jans Stuhl. Da hilft auch der letzte Neuzugang im Container nicht weiter: Auch die junge Lucie scheint ein weiterer Vertreter der weiblichen Beauty-Generation zu sein, die lieber heult, als hart mit anzufassen.

Im roten Team ist mehr Feuer zu finden. Die mit harter Hand regierende Nadine hat ihre Jungs noch unter Kontrolle. Muskelmann Botho gleicht den Verlust von Ulf wieder aus. Clemens und vor allem die süße und sehr natürliche Hella können kämpfen wie die Irren. Derweil lenkt die Stripperin Nadja die Männer des gegnerischen Teams mit ihren ständig herausgestreckten Rundungen ab. Und Neuzugang Gabriel macht vom Aussehen her dem serbischen Womanizer Sava Konkurrenz.

Spaß mit den Battles

Für die Zuschauer ist es natürlich ein Heidenspaß, die Persönlichkeiten der Bewohner zu analysieren und interne Wetten abzuschließen. Wird Petra noch vor Ende der Woche unterernährt zusammenbrechen? Schafft es Sava überhaupt einmal, einen klaren Gedanken zu fassen? Wann verlässt die heulende Lucie freiwillig das Haus? Wann hält Khadra endlich einmal ihre laute Klappe? Wann gönnt sich Sunnyboy Jan einmal eine richtig schlechte Laune?

Die tägliche Zusammenfassung von Big Brother dauert etwa eine halbe Stunde. Die gleiche Zeit benötigen die weiblichen Zuschauer anschließend, um gemeinsam neue Stimmungen, Beziehungsgeflechte und schleichende Intrigen der Bewohner zu analysieren.

Für die männlichen Fans der Container-Show gibt es die Battles als Erweiterung der Sportschau. Die Battles, das sind hart ausgefochtene Wettbewerbe, die mal mit den Muskeln und mal mit dem Kopf gelöst werden. Jeden Tag gibt es neue Battles, die den Zuschauer mitfiebern lassen. Wer schafft es etwa, ein Blatt Papier so zu zerschneiden, dass man hindurchgehen kann? Eine Flasche Bier mit einem selbst gebastelten Papieröffner aufzumachen? Den höheren Turm aus Zuckerstückchen zu errichten?

Auch draußen auf dem Battlefield geht es hoch her – beim Seilziehen, Sandsäcke füllen, Schlammrobben oder Holzböcke zersägen. Die Battles sind schwierig zu meistern, aber einfach zu verstehen. So kann der Zuschauer leicht Partei ergreifen und seinem Lieblingsteam die Daumen drücken. Wichtig ist anschließend vor allem die Debatte darüber, wer jetzt schon wieder schuldig am Untergang seines Teams ist. Meist verbocken Petra und Khadra die einzelnen Battles. Aber auch der hünenhafte Kai ist nicht besonders überzeugend bei seinen Einsätzen: Kraft alleine reicht eben nicht aus. Zu dumm, dass die Zuschauer Ulf rausgewählt haben. Niemand konnte sich so über gewonnene Battles freuen und über verlorene weinen wie der laut "Bild"-Zeitung "größte TV-Proll aller Zeiten".

Kein Sex, sagt Mutti

Im Vorfeld von Big Brother 4 überschlugen sich die Zeitungen mit ihren Meldungen: Auf den Zuschauer würde eine extrem aufgesexte Version des bewährten Fernsehspektakels warten. Die Teilnehmer hätte man extra nach ihrem Hang zum Exhibitionismus ausgewählt, um auf diese Weise noch mehr Sex als üblich in den Container zu bringen. Sogar von geheimen Sexverträgen sei die Rede gewesen.

Nach fünf Wochen Container steht fest: So wenig Sex gab es bei RTL 2 noch nie. Einzig und allein die Stripperin Nadja gönnt dem Zuschauer einen hohen Puls, wenn sie nackig im Zuber sitzt oder ansonsten im Stringtanga und im knappen Bikinioberteil durch das anscheinend viel zu intensiv beheizte Haus läuft. Der nötige Konterpart zur zeigefreudigen Rothaarigen mit dem riesigen Tattoo auf dem Rücken war Ulf, der ihr gerne seine dicke Tigerpython gezeigt hätte und laut eigenem Bekunden beim Knuddeln mit seiner Nadja so einige Löcher in den trennenden Zaun zwischen Team Rot und Team Blau gebohrt hat. Doch der ist ja leider nicht mehr.

Was bleibt, sind pubertäre Spaßbäder im Whirlpool. Hier darf Sava schon einmal nackt ums Becken rennen, während Nadine und Hella aus Strafe einen Zungenkuss tauschen. Ansonsten bekommt der Zuschauer in Sachen Erotik nicht einmal mehr Hausmannskost geboten. Petra, Nadine, Hella und Lucie werden unter der Dusche nicht auch nur in Ansätzen observiert, wie das bei früheren Staffeln einmal der Fall war – kein blanker Busen ist da zu entdecken, sieht man von der permanent entblößten und damit schon wieder langweilig gewordenen Nadja einmal ab. Sex im Container – vergiss es. Da hätte "uns Ulf" schon im Container bleiben müssen. Der hätte es nie geschafft, seine Tigerpython so lange unter Kontrolle zu halten.

Carsten Scheibe (www.typemania.de)


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