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Cannes-Tagebuch: Freudenschmaus für die Fotografen-Meute

Fangen wir doch mal mit einer Binse an: Kino heißt, mit schönen Frauen schöne Dinge machen. Truffaut hat das angeblich mal über die Magie seiner Profession gesagt. Und nach knapp 24 Stunden in Cannes weiß ich mal wieder, warum der Mann so recht hatte.

Von Matthias Schmidt

Da ist zum einen Abel Ferrara. Bei Filmfreunden bisher eher wegen seiner kompromisslosen, von einer düsteren Ausweglosigkeit gesättigten Werke wie "Bad Lieutenant" oder "The Funeral" geschätzt. In "Go Go Tales", der hier außer Konkurrenz läuft, wagt er mit und um seinen Hauptmimen Willem Dafoe fast schon groteske Slapstick-Szenen und seifenoper-tauglichen Dialogwitz. Vor allem aber lässt er die Puppen tanzen. Schöne, schlanke, halbnackte Puppen, deren wohlgeformte Hinterteile und Brustknospen gerne großformatig ins Bild rücken.

Okay, die Geschichte spielt fast ausschließlich in einem Strip-Schuppen und verfolgt die verzweifelten und sehr unterhaltsamen Rettungsversuche des hoch verschuldeten Besitzers (Dafoe) und seiner engsten Mitarbeiter (darunter Bob Hoskins und Matthew Modine). Dennoch lässt sich Ferrara viel, sehr viel Zeit seine Tänzerinnen, darunter Asia Argento, bei ihrem verführerischen Job zu beobachten.

Zwinkern als Kommunikation

Oder Julian Schnabel. Der New Yorker Maler gilt mit "The Diving Bell And The Butterfly" als einer der heimlichen Favoriten für die Goldene Palme. Schnabel nimmt sich in seinem dritten Spielfilm der echten Biografie des Franzosen Jean-Dominique Bauby an. Der erfolgreiche, charismatische Chefredakteur der Mode-Zeitschrift "Elle" erlitt mit 43 einen folgenschweren Herzinfarkt und war danach am ganzen Körper gelähmt. Einzige Möglichkeit sich zu verständigen: Das Zwinkern eines Auges (das zweite musste wegen einer Muskelschwäche zugenäht werden).

Trotzdem schaffte es Bauby mit Hilfe einer Sprachtherapeutin und einer speziellen Buchstaben-Tabelle ein komplettes Buch über seine Emotionen und Gedanken nach dem Unfall zu "erzwinkern". Ein todernstes Thema, ein zutiefst bewegender Film, der nie gesehene Bilder aus der Perspektive eines Schwerkranken auf die Leinwand zaubert. Und dennoch waren die Besucher der Pressekonferenz vor allem von der weiblichen Darsteller-Riege angetan. Gleich vier sehr französische, sehr aparte Mademoiselles, allen voran Emmanuelle Seigner und Anne Consigny, waren in Schnabels Schlepptau erschienen und glänzten auch ohne viele Worte.

Tarantino bringt vier "chicks" mit

Ebenfalls vier sehr aparte "chicks" (Original-Zitat) hatte Quentin Tarantino mitgebracht. Die auch nicht wirklich oft zu Wort kamen, obwohl gerade Rosario Dawson und Rose McGowan immer wieder mal versuchten, ihren wie üblich aufgekratzten und redseligen Regisseur zu unterbrechen. "Death Proof" heißt sein neues Werk, das erstaunlicherweise ebenfalls im Wettbewerb konkurriert. Erstaunlicherweise, weil dieser kleine, obszöne, blutige Film eher eine Hommage an das von Tarantino so verehrte Trash- und Slasher-Kino ist und mit einem Nichts von Handlung auskommt. Böser, auf Autos spezialisierter Stuntman (Kurt Russell, ebenfalls fast stumm bei der Pressekonferenz) macht Jagd auf zwei Frauengruppen.

Natürlich macht es zeitweise immer wieder Spaß, in Tarantinos Parallelwelt einzutauchen, seine Leidenschaft fürs Kino zu spüren, produziere es auch den größten Schrott. Doch außer einigen femininen Schauwerten und viel Girl-Power bleiben am Ende selbst seine sonst so legendären Dialoge seltsam schlapp. Aber hey: acht Frauen auf der Leinwand, vier auf dem roten Teppich. Ein Freudenschmaus für die hungrige Fotografen-Meute.

Wie sehr eine einzige schöne Frau auf dem roten Teppich eine halbe Stadt, ein Festival und einen ganzen Filmpalast in Wallung bringen kann, bewies dann noch Angelina Jolie. Ziemlich dünn, ziemlich unentspannt, aber an der Seite eines brav seitengescheitelten Brad Pitt (der angeblich, kreisch, auch sehr, BRAD! BRAD! berühmt sein soll, Sign Here! Please Foto! Brad! Brad! Mr. Pitt!) schritt sie zur Premiere des neuen Michael-Winterbottom-Films "A Mighty Heart". Darin spielt Jolie, größtenteils sehr souverän, die schwangere Ehefrau eines in Pakistan erst entführten, später enthaupteten US-Journalisten. Ohne große Gefühlseruptionen, aber mit umso mehr Beharrlichkeit zwischen allen Fronten um das Leben ihres Mannes kämpfend.

Auch wenn man das bittere Ende bereits kennt, der Film beruht schließlich auf dem wahrhaftigen Fall von Daniel Pearl: Eine gelungene Rückkehr von Jolie in ihr eigentliches Metier. Jenseits aller Adoptionen, Berliner Wohnungssuchen, Neutätowierungen und Menschheitsrettungsversuche. Schön, dass sie mal wieder nur als Schauspielerin schöne Dinge macht.