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Cannes-Tagebuch: Publicity-Stunts für die Aufmerksamkeit

Wie bringt man Journalisten, Fotografen, Filmhändler und Schaulustige dazu, einen kleinen Teil ihrer kostbaren Zeit zu opfern? Man zündet eine mediale Bombe.

Das höchste Gut während eines bis zum Rand voll gepackten Festivals ist Aufmerksamkeit. Wie bringt man die Journalisten, Fotografen, die Filmhändler und Schaulustigen dazu, einen kleinen Teil ihrer kostbaren Zeit zu opfern, um sich diesen oder jenen Film anzusehen, diesen oder jenen mehr oder weniger bekannten Schauspieler zu treffen. Zu schreiben, zu investieren. Was noch schwerer wird, wenn das beworbene Produkt nicht in einer der offiziellen Festivalreihen läuft.

Einer der beliebtesten Marketing-Aktionen in solchen Fällen ist eine klassische Pressekonferenz. Man setze die Stars auf eine Bühne und lasse sie für ein paar Minuten mit Fragen bewerfen, die sie dann je nach Tagesform abwürgen, umgehen, banal, wenn man viel Glück hat, aber auch inspiriert beantworten.

In Cannes gab es bisher beispielsweise eine Pressekonferenz für den neuen Terry Gilliam-Film "The Brothers Grimm", die Monica Bellucci mit ihrer Grazie zierte. Sharon Stone warf sich ins Getümmel für die lang aufgeschobene Fortsetzung von "Basic Instinct" (Es soll Leute geben, die darauf wirklich verzweifelt gewartet haben). Und Paris Hilton, sozusagen die Luxusausgabe der Gattung Party-Luder, stellte erste Ausschnitte aus der Komödie "Pledge This" vor und wurde tatsächlich hofiert wie ein Weltstar. Das war selbst dem sonst eher zurückhaltenden englischen Branchenblatt "Screen International" drei Fotos auf der Klatschseite wert, auf denen Paris überall gleich dämlich aus dem dünnen Kleidchen guckte.

Eine mediale Bombe - zumindest für eine halbe Stunde

Man kann auch eine extravagante Party werfen, so geschehen bei der extrem unterhaltsamen Hongkong-Actionkomödie "Kung-Fu Hustle". Zusammen mit dem Musiksender MTV wurde in einem orientalischen Palais gerockt, bis die Sonne aufging. Wobei die kleineren Keilereien um einen Bussitzplatz zurück in das Zentrum von Cannes fast spannender waren als die Feier selbst.

Da Pressekonferenzen und Partys allein noch nicht wirklich aufregend sind, inszeniert man gerne noch einen so genannten Publicity-Stunt. Eine mediale Bombe, um, zumindest für eine halbe Stunde, im Zentrum des Interesses zu stehen. So wurde für den Knetgummi-Animationsfilm "Wallace & Gromit - The Curse of the Wererabbit" ein zehn Meter hohes aufblasbares Abbild des hündischen Titelhelden an den Strand gestellt, und die Fotografen freuten sich. Und für einen französischen Düsenjäger-Actionstreifen, wohl eine Art gallische Antwort auf "Top Gun", kreischte eine Staffel Kunstflieger über den Himmel und malte die Trikolore über die Croisette. Leider nicht genehmigt wurde ein Stunt mit der Schauspielerin Kiera Chaplin, die nackt auf einem Pferd durch die Menge reiten wollte, um dezent auf einen "Lady Godiva"-Film hinzuweisen.

Ein paar Stunden auf der Queen Mary 2 nimmt man gerne in Kauf

Den schönsten, größten und natürlich auch teuersten Werbegag leisteten sich jedoch die Amerikaner. George Lucas, der die Stadt mit der Weltpremiere seines allerletzten "Star Wars"-Spektakels in Atem hielt (Natalie Portman hat inzwischen übrigens eine etwas andere Frisur als in ihrer Rolle als Königin Amadila), bekam vom Festival einen Preis für sein Lebenswerk. Und statt wieder mal einen beliebigen (und beliebig teueren) Hotelsaal zu buchen, legte der Superluxus-Dampfer "Queen Mary 2" einen Zwischenstopp in der Bucht von Cannes ein. Die Preisverleihung selbst lief dann zwar so dilettantisch ab, dass selbst die Deutschen peinlich berührt waren. Aber für ein paar Stunden auf den Decks der QM2 nimmt man das doch gerne in Kauf.

Ach ja, Filme gab es auch noch zu bewundern. David Cronenberg spaltete die Kritiker mit seinem Wettbewerbsbeitrag "A History of Violence". In der Hauptrolle ein fantastischer Viggo Mortensen. Johnny To spaltete die Kritiker mit seinem Triaden-Film "Election", der wohl besser in einer der Nebenreihen aufgehoben gewesen wäre. Und der mexikanische Beitrag "Battle in the Sky" spaltete die Kritiker wegen einer zwar grandiosen Bildsprache, aber teils platter Symbolismen. Es wird auf jeden Fall dieses Jahr im Wettbewerb viel gevögelt und geblutet. Und wenn ein Film mit Oralverkehr in Grossaufnahme beginnt und endet, gucken wir gleich sehr viel aufmerksamer.

Matthias Schmidt