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Cannes-Tagebuch: Stars auf Autopilot

Pressekonferenzen haben ungefähr den Wert einer Meditation von Paris Hilton über den Morgenstuhl ihres Yorkshire Terriers. Wer clevere Antworten auf clevere Fragen erwartet, sollte sich besser an den Strand legen.

Phantastische Phänomene aus Cannes, Folge 72: Pressekonferenzen. Schauen wir uns jetzt mal ganz tief in die Augen und geben es zu - eigentlich sind die völlig überflüssig. Journalistisch gesehen jedenfalls. Inhaltlich nämlich haben diese Veranstaltungen ungefähr den gleichen Wertigkeitsgrad wie eine Meditation von Paris Hilton über den Morgenstuhl ihres Yorkshire Terriers. Wer clevere Antworten auf clevere Fragen erwartet, sollte sich besser an den Strand legen. Nicht schlecht wäre es im Grunde, wenn das Festival vom kommenden Jahr an den schreibenden und sendenden Kollegen gleich zu Beginn einen kleinen Antworten-Katalog in die Pressemappe legen würde. Denn offenbar schalten alle Schauspieler, Regisseure und Produzenten auf Autopilot, sobald sie da oben auf der Empore hinter den Mikro Platz genommen haben, um dann die immer gleichen Stanzen zu repetieren:

Die Top-Ten der immer gleichen Stanzen


1. "Es ist wirklich sehr aufregend und eine große Ehre, hier in Cannes zu sein."
2."Es ist wirklich schön, wieder hier zu sein."
3."Dieses Projekt war wirklich für alle eine große Herausforderung."
4."Ich wollte schon lange mal mit (hier Namen einsetzen) zusammenarbeiten."
5."Es war ein langer, anstrengender Weg bis zu diesem Moment."
6. "Ich bin wirklich stolz auf den Film und alle, die daran mitgearbeitet haben."
7. "Wir waren wie eine große Familie am Set und hatten viel Spaß."
8. "(Hier Namen einsetzen) haben einen unglaublich guten Job gemacht."
9. "Das Schöne am Kino ist, dass es unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenbringt."
10. "Ich habe die Frage nicht verstanden."

Wer das Ganze hingegen als Aktionskunst zwischen Slam Poetry, Spontan-Comedy und Starsgucken goutiert, wird im Idealfall eine drollige Dreiviertelstunde erleben. Mit Glück passiert auch was ganz Peinliches, worauf jeder Besucher (inklusive des Autoren dieser Zeilen) insgeheim wartet, so in etwa wie beim Eiskunstlauf, wenn die Routine durch einen Sturz beim Doppel-Axel durchbrochen wird.

Fast immer für Kurzweil sorgen jene Kollegen, die unter eingeschränkter Selbstwahrnehmung leiden. Wie etwa der Chilene, der bei der PK (so nennt es der Profi) zu Jim Jarmushs "Broken Flowers" Bill Murray und alle Anwesenden eine Minute lang erzählen musste, welchen Einfluss "Ghostbusters" auf seine Kindheit hatte. Gleichermaßen schmerzfrei: Die TV-Frau unbekannter Herkunft, die Jarmush fragte, ob er ihr für ihren Bericht noch ein paar Ausschnitte aus seinem Film geben könnte. Hübsch auch der Mazedonier in gelber Ballonseidenhose, der während der "Sin City"-PK nur mal ein paar Küsse von seinen Landsleuten an Jessica Alba und den konsequent schweigenden Mickey Rourke übermitteln wollte.

Warten auf Stone mit Gratis-Champagner

Bislang unerreicht allerdings war die PR-Veranstaltung im Nikki’s Club des Carlton Hotels zum lange geplanten, nicht unbedingt freudig erwarteten "Basic Instinct"-Sequel. Da Sharon Stone, die sich aus unerklärlichen Gründen noch immer für eine Diva hält, eine Stunde auf sich warten ließ, durften sich die Journalisten mit Gratis-Champagner locker trinken. Einer ganz besonders: "Verraten Sie uns, ob Sie sich nach zehn Jahren immer noch sexy fühlen?" "Nein, aber danke für die Frage".

Vielmehr wie nach einem kapitalen Drogenrausch, damit ein kleiner Schlenker zum Wettbewerb, fühlte man sich nach der Vorführung von "Sin City", den Frank Miller nach seiner gleichnamigen Graphic Novel mit Robert Rodriguez inszenierte. Handwerklich und ästhetisch ohne Zweifel die brillanteste, innovativste Comic-Adaption, die bisher im Kino zu sehen war, taucht der Film hinab in die düsteren Schluchten von Basin City, einer schwarzweißen, verregneten Hölle, bevölkert von kannibalistischen Psychopathen, korrupten Polizisten, pädophilen Politikersöhnen, schießwütigen Latex-Nutten und hartgesottenen Kerlen, die auch die dichtesten Bleikugel-Hagelstürme überleben.

Akutes Schädel-Vakuum

Applaus aus dem Publikum war Ende kaum zu hören, was entweder an dem Wahnsinnslärm lag, den diese Sinnes-Orgie entfaltete, oder aber am Schockzustand über die unfassbare Gewalttätigkeit des mit Alba, Rourke, Bruce Willis, Benicio Del Toro, Clive Owen und Michael Madsen famos besetzten Werkes Die eigene Phantasie hatte jedenfalls 123 Minuten keine Chance, was ein akutes Schädel-Vakuum zur Folge hatte. Menschen ohne Comic-Affinität könnten das Ganze auch albern nennen.

Wie ein Picknick auf der grünen Wiese wirkte da im Gegensatz die subtil widerspenstige Sinnkrisen-Komödie "Peindre Ou Faire L'amour" der Gebrüder Arnaud und Jean-Marie Larrieu. Daniel Auteuil und die hinreißende Sabine Azema spielen darin ein Ehepaar, das plötzlich wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird, nachdem ihre einzige Tochter nach Italien gegangen ist. Nachdem sie sich ein Haus auf dem Land gekauft haben, zieht eine frische Brise in ihrem Leben auf, was vor allem mit der Beziehung zu ihren Nachbarn, dem blinden Bürgermeister und seiner jungen Frau zu hat, und die sich bald über das Freundschaftliche hinaus entwickelt... Ach ja, und Mickey Rourke hat dann zu guter Letzt doch noch die Lippen auseinander bekommen. Frage: "Welche war die größte Sünde in ihrem Leben?" Antwort: "I call you back."

Bernd Teichmann