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Colin Firth zu "Kingsman": Der coolste unter den coolen Briten

Ob "Bridget Jones" oder "King's Speech": Colin Firth hat mehr Stil in einem Lidschlag als andere in ihrer ganzen Karriere. Und mit 54 glänzt der Turbo-Brite mal eben in einem Actionkracher.

Von Sophie Albers "Ms. Bennet" Ben Chamo

"Mit 25 war ich zu faul für so körperliche Rollen. Ich hätte versucht, 'Kingsman' zu umgehen. Heute habe ich weniger Angst vor Schmerz", sagt Firth.

"Mit 25 war ich zu faul für so körperliche Rollen. Ich hätte versucht, 'Kingsman' zu umgehen. Heute habe ich weniger Angst vor Schmerz", sagt Firth.

Colin Firth spielt nicht nur für den Ruhm, er spielt für England, sollte man meinen. Und es ist erstaunlich, dass der kultivierte Star aus "A Single Man", "Dame, König, As, Spion" und "The King's Speech" noch nie im 007-Rennen war. Nun präsentiert der Londoner seinen ganz eigenen Agenten mit der Lizenz zum Töten. Matthew Vaughns ("Kick-Ass") "Kingsman" ist ein irrwitziges Coolness-Massaker, das Firth in feinstem Savile-Row-Zwirn und mit besten Manieren losschickt, die Welt zu retten - und einen kriminellen Vorstadtproll zum Gentleman zu erziehen. John Woo trifft "My Fair Lady". Dank Firth verzeiht man "Kingsman" sogar den einen oder anderen Drehbuch-Totalausfall.

Zum Interview trägt Firth einen schwarzen Pulli und eine ebenso schwarze, dicke Brille. Er ist unerwartet fragil und - zumindest an diesem Tag - unerwartet wütend.

Das ist eine ziemliche Popstar-Rolle.


Ich bin kein Popstar.

Sie haben aber eine beachtliche Fanbase.


Wir leben die meiste Zeit ein ziemlich ruhiges Leben.

Dabei sollte man meinen, dass das nicht geht, wenn man so berühmt ist wie Sie.


Die Welt hat sich sehr verändert, was das menschliche Miteinander betrifft und wie wir mit den Medien umgehen. Wissen Sie, den Kult um Prominente gab es schon lange, bevor ich geboren wurde. Aber damals hatte nicht jeder eine global-vernetzte Kamera in seiner Tasche. Und nicht jeder wollte unbedingt alles fotografieren. Alles! Wenn sie heute in eine schöne Stadt fahren, gucken die Leute nicht die schöne Stadt an, sondern sie machen Bilder davon und von sich selbst. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute finden es wichtiger, ihr Essen zu fotografieren, als es zu essen. Das ist neu. Und das zeigt auch dieser Film, obwohl er nicht wirklich mit Realität zu tun hat.

Ganz und gar nicht...


Aber es gibt diesen Moment, der hat mich umgehauen, weil er genau das zeigt, was wir heute täglich sehen: Leute, die alles und jeden fotografieren. Überall.

Kommen Leute häufig auf Sie zu und wollen ein Selfie?
Ja. Und mehr wollen Sie nicht. Das ist schade, denn ich finde, mit Menschen auf einem menschlichen Level zu kommunizieren, ist gesund für uns alle. Selfies haben nichts mit Kommunikation zu tun. Mit einer Kameralinse kann ich nicht kommunizieren. Ich glaube, wir verlieren etwas. Ich habe kürzlich in einer Kleinstadt gedreht, und die Menschen, die da wohnten, kamen, um uns zuzusehen. Und ich habe mich darauf gefreut, die zu treffen. Aber als ich ans Set kam, sah ich keine Menschen, sondern nur Kameralinsen. Und das waren keine Journalisten. (kurze Pause) Ich will niemanden angreifen. Ich hab auch so ein Telefon. (*PLING* Genau in diesem Augenblick kommt eine SMS) Und jetzt unterbricht es uns auch noch! Verzeihen Sie bitte. Das alles hat großartige Seiten, aber eben auch schlechte.

Da wir gerade von Gadgets sprechen: In "Kingsman" haben Sie das Vergnügen, Q und Bond gleichzeitig zu sein.


Das stimmt. Und es war ein großer Spaß. Damit bin ich großgeworden! Der zehnjährige Colin Firth war plötzlich wieder da.

Sie sind nostalgisch?


Auf jeden Fall! Der Film ist reine Fantasie - mit postmoderner Pastiche. Er feiert Dinge, mit denen ich aufgewachsen bin: Roger Moores Bond, John Steeds "Mit Schirm, Charme und Melone", ein bisschen Sherlock Holmes Und das alles nicht ironisch, sondern sehr liebevoll. Es ist ein Spiel mit Erinnerungen, dem, was wir vermissen. Aber natürlich hatten wir beim Filmen nicht halb so viel Spaß, wie es aussieht. Man steigt in diesen kleinen Metallzug, und er schießt einen aufs Land außerhalb Londons, aber das tut er natürlich nicht wirklich.

Äh, natürlich nicht.


Aber ich hätte mir gewünscht, dass es so wäre! Wäre das nicht toll?! (Lautes Lachen)

Die überspannte Gewaltdarstellung in "Kingsman" wird bereits diskutiert. Würden Sie Ihre Kinder dieses Tom-und-Jerry-hafte Schlachtfest sehen lassen?


Ja, es ist extrem. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber meine Kinder haben mir beim Training zugesehen, sie waren am Set, sie haben die Choreografie gesehen. Nicht jeden Tag, aber sie waren bei der Entstehung dabei. Deshalb ist das etwas ganz anderes. Ein anderer Aspekt Ihrer Frage ist doch: Können wir unsere Kinder davon abzuhalten, Dinge zu sehen, die viel schlimmer sind als das? Nein. Stoppst du sie zuhause, gehen sie zu einem Freund. Du begrenzt den Zugang zum Internet, dann finden sie es woanders. Das ist größer als wir.

Kinotrailer: "Kingsman: The Secret Service"

Das sorgt Sie?
Es macht mir Angst. Ich glaube, niemand von uns hat eine Ahnung, wo es hingeht. Und wieviel wir tun können. Damit bin ich wieder bei dem, was ich über zwischenmenschlichen Kontakt gesagt habe: Je länger wir alle miteinander kommunizieren in der wahren Welt da draußen, um so mehr Hoffnung habe ich. Aber wenn wir uns alle in einer virtuellen Welt verlieren, weiß man nicht mehr, wo der andere ist. Es ist nicht die Technologie allein, es ist unser Verhältnis zu ihr. Aber selbst im normalen Fernsehen, gute Güte: Das Maß an Eingeweiden, Blut und Grausamkeit ist extrem! Ja, die Gewalt in diesem Film ist intensiv, der Bodycount ist sehr hoch. Aber es ist eine Art irre Pantomime. Es gibt so wenig Blut. Das macht einen großen Unterschied.

Entschuldigung, aber Sie kriegen einen Menge ekeliges Zeug mitten ins Gesicht...


Und es ist blau und pink. Es kommt auf die Reflexe an, die man zu erzielen versucht. Die Gewalt soll unerhört und irre sein. Das wird bei vielen die Grenze reißen, andere finden es total cool. Die Leute sollten wissen, dass es nichts für Kinder ist. Es gibt viele Filme, deren Gewaltdarstellung ich nicht mag. Aber wenn es gar keine Gewaltdarstellung mehr gäbe, ich weiß nicht, was das für Shakespeare bedeuten würde. Eine Welt, in der wir nur Geschichten erzählen darüber, dass die Menschen nett zueinander sind...

Kinder finden es auch eher öde, Frieden zu spielen.


Mein Vater wollte nicht, dass ich als Kind mit Spielzeugwaffen spiele, also habe ich einen Stock genommen, der mein Gewehr sein sollte. Heute mag ich es auch nicht.

Eine letzte Frage: Wenn man Ihre Filmografie betrachtet, scheinen Sie bei der Rollenwahl komplett angstlos. Sie spielen alles.


In meinem Beruf weiß ich nie, was als nächstes kommt. Ich kann nicht planen. Ich habe keinen roten Faden, dem ich folge. Wenn ich einen Job annehme, dann ist das mein Job. Alles, was ich weiß, ist, dass ich begrenzt Zeit habe, um mich selbst völlig hineinzuwerfen, an was immer dieser Job braucht. Und nichts macht mich glücklicher. Natürlich spielt da Angst mit. Und es ist zum Teil die Angst, die mich dazu bringt, meine Schüchternheit zu überwinden. Natürlich hatte ich Angst, die Action in diesem Film nicht leisten zu können. Aber dann habe ich eben sichergestellt, dass ich jeden morgen um neun mein Ei esse. (lacht) Ich habe getan, was ich konnte. Ich feiere den Versuch, mich selbst völlig aufzugeben, um jemand anderes zu sein.

Ist das mit der Zeit schwieriger geworden?


Nein. Ich glaube, ich bin heute besser vorbereitet. Andererseits hatte ich in jungen Jahren weniger Angst. Bei meinem ersten Auftritt im Westend hatte ich kein Lampenfieber. Heute habe ich es. Aber heute weiß ich, was ich will. Mit 25 war ich zu faul für so körperliche Rollen. Ich hätte versucht, "Kingsman" zu umgehen. Heute habe ich weniger Angst vor Schmerz.