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Daniel Brühl im Interview: "Ab und zu muss man mal aggressiv werden"

Kein deutscher Schauspieler dreht gerade mehr internationale Produktionen als Daniel Brühl: Eben noch "Colonia" mit Emma Watson, dann Marvels "Captain America". Aber jetzt erstmal die Kehlmann-Verfilmung "Ich&Kaminski". Brühl sieht das alles gelassen. Ein Treffen in Berlin.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Daniel Brühl - zwischen Berlin, Barcelona und Hollywood

Daniel Brühl - der deutsche Filmstar zwischen Berlin, Barcelona und Hollywood

Es gebe drei Filmstars in Deutschland, hat Til Schweiger kürzlich erklärt: Elyas M'Barek, Matthias Schweighöfer und ihn selbst. Dabei hat er allerdings den derzeit erfolgreichsten unter den deutschen Schauspielern vergessen: Daniel Brühl. Aber vielleicht ist der 37-jährige Kölner auch zu leise, um von Schweiger wahrgenommen zu werden.

Daniel Brühl als Ego-Kotzbrocken der Kunstszene in "Ich und Kaminski"


Daniel Brühl hat in den vergangenen 20 Jahren stetig mehr erarbeitet: von "Verbotene Liebe" zum "Weißen Rauschen" zu "Good Bye, Lenin" zu "Die fetten Jahre sind vorbei" zu "Salvador" zu "Ein Freund von mir" zu "Inglourious Basterds"  zu "Inside Wikileaks" zu "Rush" zu "Captain America - Cicil War"Emma Watson hat soeben erklärt, sie habe ihre Rolle in "Colonia" nur angenommen, weil sie mit Brühl spielen wollte. Und nun, in der Daniel-Kehlmann-Verfilmung "Ich&Kaminski" erledigt der Vollblut-Schauspieler auch im deutschsprachigen Film endgültig alle alten "Netter Junge"-Zuschreibungen, die er hier selbst als schießwütiger Nazi in "Inglourious Basterds" nicht losgeworden war. Mit dem Widerling Sebastian Zöllner ist dem Sohn einer Spanierin und eines Deutschen eine unerwartete Häutung gelungen. In einem großartigen Film.     

Wegen der "netten" Rollen hat Ihre Mutter Sie früher "mosca azul", Schmeißfliege, genannt. Jetzt aber nicht mehr, oder?
(Lacht) Nein, das hat sie ablegt.

Was sagt Ihre Mutter eigentlich zu Ihrer beeindruckenden Karriere?

Die freut sich sehr. Ich komme gerade zurück aus Spanien. Ich war bei ihr auf dem Land, und mein Bruder war da. Sie sagt, dass sie das so nicht habe kommen sehen, dass es so turbulent wird und mit so viel Arbeit im Ausland. Trotzdem ist so ein Gespräch dann nach fünf Minuten wieder vorbei und wir reden über die ganz normalen Dinge. Das genieße ich sehr. Familie ist großartig: Egal, was ist, dort finde ich Ruhe und Entspanntheit.

Also ist Ihr Alltag sehr anstrengend geworden?

Bei den engen, den wahren Freundschaften ist es so wie in der Familie, aber im Bekanntenkreis verschiebt sich schon einiges. Das hat wohl auch mit dem Alter zu tun. Leute orientieren sich um oder der eine oder andere ist unzufrieden, weil man jetzt ein stattliches Alter hat...


Stattliches Alter? Sie sind 37.

Eben und nicht mehr 25. Man zieht eine Zwischenbilanz.

Die bei Ihnen aber positiv ausfällt...

Ich bin zufrieden. Ich bin ein Glückspilz. Aber dann merkst du eben bei Leuten, dass sie dich doch nicht so mögen, wie sie immer getan haben (lacht) Das gibt es in jedem Bereich, bei Journalisten sicher aus, aber bei uns Schauspielern ist das möglicherweise extremer, weil es noch mehr um Eitelkeiten geht. Hier und da werden Leute bitter. Aber ich habe da ein ganz gutes Näschen für und halte mich dann fern. Deshalb hat mir diese Figur in Kehlmanns Roman auch so gut gefallen: Solche Kerle trifft man ab und zu auch in Berlin. Die halten sich ganz schnell für größer, als sie eigentlich sind. Totale Selbstüberschätzung und enormes Selbstbewusstsein. Und ich frage mich immer, wo die das hernehmen.

Ihr Charakter Sebastian Zöllner bringt sich fast um vor Ehrgeiz. Wie weit würden Sie für eine Rolle gehen?

Ich würde sagen sehr weit, aber das hängt natürlich von vielen Faktoren ab: Kann ich mich dem Regisseur voll und ganz anvertrauen oder habe ich da Zweifel? Ist das Buch, nicht nur die Rolle, so gut, dass ich das alles in Kauf nehme? Bin ich privat in der Situation, dass ich mich abmelden und ganz hineinstürzen kann? Kann ich meinem Umfeld das zumuten? Aber erstmal würde ich sagen ja.

Gibt es ein konkretes Beispiel?

Ganz am Anfang, beim "Weißen Rauschen" wusste ich, dass ich mich dem eigenen Wahnsinn ein bisschen hingeben muss. Um mir selbst diese Rolle zu glauben. Das waren sehr spezielle zwei, drei Monate. Aber ich war sehr jung und ungebunden. Wenn man älter wird, ist die Überwindung größer.

Warum betonen Sie das Alter so?

Na, weil es so ist! Ich merke, dass mir andere Sachen wichtiger werden. Der Beruf ist wichtig und macht mir totale Freude, aber ich nehme mir für die Zukunft vor, weniger zu drehen und noch genauer hinzuschauen, was ich mache. Vor ein paar Jahren habe ich Projekte gleich machen wollen, obwohl ich durchaus Zweifel hatte. Mittlerweile bin ich weniger risikofreudig. Das birgt wiederum die Gefahr, dass mir die ganz interessanten Projekte durch die Lappen gehen.

Zöllner (Daniel Brühl) und "sein" Kaminski in "Ich&Kaminski"

Zöllner (Daniel Brühl) und "sein" Kaminski in "Ich&Kaminski"


Haben Sie auch Angst um Ihren Ruf? Gibt es neue Eitelkeiten?

Ich glaube, ich war früher eitler. Ich habe gelernt, dass Eitelkeit einem fast immer im Weg steht, was als Schauspieler nicht gut ist. Je mehr man sich davon befreit, um so besser fürs Spiel. So ganz kann man sie ja nie ablegen. Aber ich entspanne mich immer mehr.

Wie gehen Sie mit Vorurteilen um? Wenn Sie sie hören oder Ihnen begegnen. Der Deutsche, Hollywood, die Amerikaner?

Vorurteile sind einfach doof, weil man damit in den seltensten Fällen richtig liegt. Ich erlebe immer wieder sehr angenehme Überraschungen. Aber um sich das Leben einfacher zu machen, brauchen Menschen eben Vorurteile. Sonst ist alles zu komplex. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, hundertprozentig weise und verständnisvoll durchs Leben zu schreiten. Deshalb ertappe auch ich mich dabei, Sachen zu versimplifizieren. Aber es ist immer wieder ein schönes Gefühl, vom Gegenteil überzeugt zu werden.

Und wenn es Ihnen begegnet? Wie einst das Etikett "netter Junge"?

Ehrlich gesagt hat mir das nie so richtig was ausgemacht. Nicht wirklich. Vielleicht hat mich das einen Moment lang mal aufgeregt, aber über irgendwas muss man sich ja aufregen (lacht) Wäre ja sonst langweilig das Leben. Ab und zu muss man mal aggressiv werden. Aber in der gesamten Zeit sind mir so viele schöne Dinge und Glück widerfahren, dass es unverschämt und zum Kotzen wäre, wenn ich mich jetzt beschweren würde.


Was ist die größte Überraschung am Ruhm?

Das ging bei mir sehr langsam, in Etappen. Ich hatte genug Zeit, mich zu orientieren und mich daran zu gewöhnen. Ein heftiger Umschwung kam tatsächlich nach "Good Bye, Lenin". Da war ich noch sehr jung, und es hat mich echt überrascht, wie schnell es gehen kann. Aber heute hat das so ein gesundes Maß. Mein Privatleben ist nicht allzu sehr eingeschränkt. Gut, manchmal sind Menschen distanzlos und nehmen sich das Recht heraus, einen wie im Zoo zum Allgemeingut zu erklären. Oder dass ich immer latent unter Beobachtung stehe. Das verändert mein eigenes Verhalten, weil ich ständig alert sein muss. Wird da jetzt ein Foto im falschen Kontext gemacht? Wir zwei hinter dem Baum, ohne das Blatt Papier, unterhalten uns... Aber ich will mich nicht beschweren, die Vorteile überwiegen. Und ich mache den Beruf ja, um Leute zu erreichen.

Wenn Sie dem jungen Daniel Brühl einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?

Ich würde sagen: Lass' es auf dich zukommen. Ich hätte keinen besonders schlauen Rat. Im Rückblick bereue ich herzlich wenig. Ich würde vielleicht sagen, dass er sich nicht so einen Kopf machen soll. Denn am Ende des Tages kann man eh nicht viel beeinflussen. Ich habe nämlich schon immer gern in der Vergangenheit herumgerührt. Dann verliere ich mich in bescheuerten Gedankenloops. Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gekriegt, hat mein Kumpel in Köln früher immer gesagt. (lacht) Das bringt einfach nichts. Am Anfang war ich so überfordert und so ängstlich, dass es ganz schnell wieder vorbei sein könnte. Ich hätte die Momente mehr genießen sollen. Nicht immer zwei Schritte weiterdenken. Die Dinge so nehmen, wie sie sind. Leid empfinden, wenn man es empfindet, anstatt es zu verdrängen.

Und heute?

Ich weiß jetzt: Die Zeiten, in denen es nicht so gut läuft, in denen ich mich nicht so toll gefühlt habe, gehören einfach dazu. Die waren auch wichtig, damit es irgendwann wieder gut läuft. Ich finde manche Filme nicht so berauschend, die ich gemacht habe. Und einige, die ich nicht machen wollte, sind Erfolge geworden. Aber ich bin froh über meine Haltung, weil ich mir damit einen ganz guten Ruf erarbeitet habe. Ich würde nicht viel ändern wollen.

Sie sind mit sich im Reinen?

Ich komm ja auch aus dem Rheinland. (lacht laut) Super Witz, was. Daran muss ich noch arbeiten!