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Dietls "Zettl" startet im Kino: Falsche Stadt, dumme Story

Bestechung und Affären: In Dietls "Zettl" geht es um das, was den Berliner Politbetrieb derzeit umtreibt. An sich der richtige Film zur richtigen Zeit - wenn er nur nicht so schlecht wäre.

Von Anja Lösel, Berlin

Es hätte so schön werden können. Ein Haufen grandioser Schauspieler, ein toller Regisseur und dann auch noch ein Thema, das durch die Affäre Wulff unerwartete Brisanz bekommen hat. Leider ist "Zettl" nur ein müder Klamauk geworden, trotz , Götz George, Bully Herbig und Konsorten. Und doch trifft er einen Nerv.

Regisseur Helmut Dietl, Experte für saukomische Münchner Gesellschaftssatiren wie "Monaco Franze", "Rossini" und "Kir Royal", hat sich diesmal auf fremdes Terrain gewagt - und verrannt. Berlin ist ganz offenbar nicht sein Ding, die Münchner Bussi-Bussi-Gessellschaft kennt er, die Berliner hat er nie ganz begriffen.

Tiefgefrorener Kanzler

Es genügt eben nicht, die besten Schauspieler Deutschlands zusammen zu klauben und sie ein wenig herumdialekteln zu lassen. Klar ist es ganz lustig, wenn Harald Schmidt als schwäbelnder Ministerpräsident an der Heimorgel sitzt und "Was Gott tut, das ist wohlgetan" singt. Wenn Hans Zischler als böser Vizekanzler mephistophelisch fränkelt und Ulrich Tukur den schwizerdytschen Verleger gibt. Aber schnell haben wir's verstanden: In Berlin ist jeder ein Zugereister. So witzig ist das auch wieder nicht.

Bully Herbig spielt die Hauptrolle: einen Münchner Chauffeur, der Chefredakteur eines Lifestyle-Magazins wird. Es gibt ein paar nette Gags, die nicht verraten werden sollen, aber dass Bully-Zettl "unschlagbar charakterlos" sein soll, nimmt ihm keiner ab, so lieb schwiegersohnhaft wie er immer lächelt. Meistens haspelt er sich in Manitu-Manier durch die Berliner Polit- und Promiszene, reißt schale Witze und quält sich durch eine blöde Story. Die Berliner Bürgermeisterin ist in Wirklichkeit ein Mann, lässt sich umoperieren und täuscht eine Fehlgeburt vor, damit man sie endlich als ganze Frau akzeptiert. Die arme Dagmar Manzel! Man hätte ihr eine bessere Rolle gewünscht. Auch Götz George hat einen undankbaren Part als sterbenskranker, später toter und tiefgefrorener Kanzler.

Nichts los ohne Schimmerlos

Vielleicht ist alles so schal, weil Franz Xaver Kroetz fehlt, der Reporter Baby Schimmerlos aus "Kir Royal". Er hätte dem Film einen Hauch von Tragik und Melancholie geben können. Leider wollte er nicht mitmachen, weshalb Baby gleich am Anfang sterben muss. Mit seiner Harley kracht er gegen das Brandenburger Tor.

Zettls Berlin ist eine Megacity mit Hochhäusern direkt neben dem Kanzleramt und einem Fernsehturm, der von Wolkenkratzern überragt wird. Die Spree sieht aus wie der East River, man feiert auf Baustellen mit Technomusik, die Damen stöckeln alkoholisiert über den Beton und greifen sich im schicken Club mal eben einen süßen türkischen Kellner ab. Es strotzt nur so vor Klischees. Und alle sind karrieregeil, korrupt und sexbesessen.

Nein, so ist Berlin nicht. Und doch ... Tatsächlich gibt es ein seltsames Detail, das Kino-Berlin mit Real-Berlin verbindet. Filmkaufmann David Groenewold, der "Zettl" mit produzierte, ist ein Wulff-Freund. Er soll dem angeschlagenen Bundespräsidenten vor sechs Jahren ein Buch mitfinanziert haben, das Christian Wulff als "aufsteigenden Stern der deutschen Politik" beschreibt. Ist alles nicht so richtig bewiesen, aber man wird ja mal nachdenken dürfen über solche Zufälle. Vielleicht hat Helmut Dietl etwas geahnt, als er neulich in einem Interview sagte: "Die Wirklichkeit ist viel düsterer als der Film. Wenn ich alles erzählt hätte, was ich wirklich weiß, das würde kein Mensch glauben."

Am Ende wird Bully "Zettl" Herbig übrigens ... nein, nicht Sprecher des Bundespräsidenten, aber immerhin der der Regierung. Der Grund: Keiner lügt so schön wie er.

"Zettl" startet am Donnerstag in den Kinos.