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Dogville: Die Rache der jungen Dame

Lars von Trier hat wieder zugeschlagen und sich endgültig den Weg nach Hollywood verbaut: "Dogville" ist eine boshaft-brillante Abrechnung mit der US-Gesellschaft und der amerikanischen Art, großes Illusionskino zu produzieren.

Dänemarks Filmgenie Lars von Trier hat wieder zugeschlagen und sich dieses Mal wohl endgültig den Weg nach Hollywood verbaut: Denn sein neues Werk "Dogville" ist sowohl eine boshaft-brillante Abrechnung mit der US-Gesellschaft wie auch mit der amerikanischen Art, Illusionskino für die westliche Welt zu produzieren. Der am 23. Oktober auf die deutschen Leinwände kommende Streifen ist formal wie inhaltlich eine radikale Attacke, der sich Kinogänger gewiss nicht massenhaft aussetzen werden.

Denn der Däne liefert den Betrachter ebenso wie die Hauptfigur der Handlung, die von Nicole Kidman fabulös gespielte Grace, einem Wechselbad von Zumutungen aus, für das auch noch Eintrittsgeld erhoben wird. Doch wer das zu bezahlen bereit ist, den erwartet ein Kinoerlebnis, das noch lange nachschwingt. Erzählt wird die Geschichte jener schönen Grace, die auf der Flucht vor Gangstern in das Dorf Dogville mitten in den Rocky Mountains kommt und dort auch aufgenommen wird. Grace muss bald lernen, welchen Preis diese Hilfsbereitschaft der Leute von Dogville hat und wie dieser Preis für sie immer höher wird - bis zur tiefsten Demütigung einer Frau.

Altmodisch-ironische Erzählweise

Bereits die ersten Kamera-Einstellungen des altmodisch-ironisch in zehn Kapiteln erzählten Films lassen erkennen, wie experimentell die Spielfläche des Dramas beschaffen ist: Auf dem Boden einer großen Halle, in der sich einmal eine Fabrik oder ein Lager befunden haben mag, sind die Grundrisse von Straßen und Häusern eingezeichnet, da und dort steht spärlich Mobiliar, Menschen sitzen oder stehen herum, Mauern, Türen und Fenster muss sich der Betrachter denken, persönliche Beziehungen sind mit Kreidepfeilen angedeutet. Denn von Trier übt sich in "Dogville" darin, was der Filmtheoretiker Georg Seeßlen als "das Sichtbarmachen durch das 'Verschwinden-Lassen'" charakterisiert.

Drama menschlicher Schwäche und Verkommenheit

Mag das anfangs durchaus so verstörend wirken wie der Umstand, keiner einzigen wirklich sympathischen Figur in der Handlung zu begegnen, so wächst die Faszination an dem ungewöhnlichen Geschehen in der kulisselosen Kulisse mit jeder Minute. Dann ist alles keine Versuchsanordnung mehr in der gewollten Kargheit eines Lehrstücks von Bertolt Brecht, sondern das spannende Drama menschlicher Schwäche und Verkommenheit, das in einer blutigen Tragödie mit ganz überraschender Pointe endet. Für dieses Geniestück hat der Däne eine Großaufgebot amerikanischer und skandinavischer Schauspieler der ersten Garnitur auf den Kampfplatz in der nüchternen Halle geschickt.

Herausragende Leistung von Nicole Kidman

Dominierende Figur dabei ist die in Hollywood arbeitende Australierin Nicole Kidman, die mit dieser Leistung endgültig zur führenden Filmschauspielerin unserer Zeit wird. Das verdankt sie nun ausgerechnet einem Werk, zu dem sie sich nicht mehr so recht bekennen mag, nachdem gegen "Dogville" der Vorwurf von Antiamerikanismus laut geworden ist. In der Tat konfrontiert von Trier das Publikum im Abspann mit realen Bildern des armen und unterdrückten Amerikas, eine agitatorische Geste, die nicht allen gefallen wird, aber das Gezeigte eindeutig interpretiert.

Es stimmt schon, was der Kritiker Andreas Kilb jüngst geschrieben hat: "Hätte Trier versucht, den Film zu drehen, mit dem Nicole Kidman zufrieden gewesen wäre, dann wäre 'Dogville' gescheitert. Der Film gelang, indem er seinen Star zerstörte." Und, so sei angefügt, Kidmans Potenzial in einer Weise forderte, wie es Hollywood nie eingefallen wäre. Die alte Lauren Bacall, der gealterte James Caan, Jeremy Davies, Paul Bettany, dazu Stellan Skarsgard, Harriet Andersson und viele andere sind in diesem ungewöhnlichen Meisterwerk dabei, weil es sie gereizt hat, gemeinsam mit dem Regisseur ganz andere Wege zu gehen. Wen das auch als Zuschauer reizt, der darf "Dogville" keinesfalls verpassen.