Dokfilmfestival Leipzig zeigt verbotene Filme


Ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte: Das Dokfilmfestival in Leipzig kommt bei seinem 50. Jubiläum nicht daran vorbei, die Geschichte von Kontrolle und Zensur zu erzählen. Im Programm "Spurensuche" sind Werke zu sehen, die in der DDR nie gezeigt werden durften.
Von Maximilian Grosser

1980 bekam Günter Lippmann den Auftrag für eine Dokumentarfilm über Recycling in der DDR. Dieser sollte die erfolgreiche Arbeit in einer sozialistischen Gesellschaft widerspiegeln. Doch der Film "Goldgruben" zeigte die Kehrseite einer wohl gemeinten Ideologie. Das Recycling von Stahlwerkschlacke führte zu schweren Umweltschäden. Aus einem vermeintlich langweiligen Thema wurde trotz Zensur ein brisanter Stoff mit Erfolg.

Günter Lippmann stand Anfang der 80er Jahre auf einer internen schwarzen Liste der Defa. Nachdem er sich an den Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns beteiligte, ließ man ihn keine großen Themen mehr angehen. Aber sein Auftragswerk "Goldgruben" zeigte ihm, dass Umweltthemen in der DDR konfliktreiches Material lieferten. Lippmann drehte weitere Filme. Seine Dokumentation "Kostbares Naß" gilt sogar als meist gesehener Dokumentarfilm der DDR, der die Wasserverschmutzung an Elbe und Saale thematisierte. Der Film lief vor dem normalen Kinoprogramm. Lippmanns Streifen bescherte der Produktion "Lady Chatterly und ihre Liebhaber" mehr Publikum, da der kritische Vorfilm auf starkes Interesse bei den Besuchern stieß.

"Wer hat dich du schöner Wald... so verkommen lassen"

Anfang 1983 griff Lippmann ein weiteres Tabuthema auf. Bei Besuchen im Erzgebirge sah er düstere Flächen abgestorbener Wälder. Die Luftverschmutzung aus der nordböhmischen Industrie im heutigen Tschechien hatte ganze Berghänge kahl geschoren. Allerdings wurde damals das Thema totgeschwiegen. Lippmann durfte nicht drehen. Erst 1987 waren Forstarbeiter bereit, ihr parteiverordnetes Schweigen über die zerstörten Wälder im Erzgebirge zu brechen. Günter Lippmann konnte seinen Film "Wer hat dich du schöner Wald..." machen.

Lippmann begann jene Einwohner zu begleiten, die unermüdlich beim Aufforsten halfen. "Die wollten den Wald wieder sehen, den sie aus ihren Kindheitserinnerungen kannten." Er sprach mit Forstmitarbeitern und einem Wissenschaftler. Später musste er erfahren, dass sie durch ihre Mitarbeit am Film, Probleme am Arbeitsplatz bekamen. Das Waldsterben war nicht mehr zu übersehen, aber es durfte nicht darüber geredet werden.

Allgegenwärtige Zensur

Auch Lippmann bekam Probleme. Sein Film wurde im Schneideraum verstümmelt. Bis 1989 wurden die Aufnahmen in acht verschiedenen Schnittfassungen verarbeitet und zensiert - die Bilder hätten zu viele tote Bäume und zu wenig Optimismus gezeigt, hieß es zur Begründung. Viele Dokumentarfilmer bekamen die Zensur zu spüren und richteten sich darauf ein - soweit es ging. Um brisantes Material an der Kontrolle vorbei zu bringen, produzierten die Filmemacher so genannte "Tontauben": sie drehten Szenen, von denen sie wussten, dass sie durch die Zensur entfernt würden. Damit versuchten die Filmemacher die Bilder zu retten, die ihnen wichtig erschienen. Den Dokumentarfilmern war bewusst, was angenommen oder abgelehnt würde. Aber an Lippmanns Film "Wer hat dich du schöner Wald..." fanden die Zensoren nichts Annehmbares. Selbst die 'zahmste' achte Schnittfassung war nicht zu retten. Der Film landete in der Schublade.

Frei im Kopf

Erst die politischen Veränderungen in der DDR brachten auch für Lippmanns Dokumentation die Wende. "Ohne den Herbst '89 hätte es diesen Film nicht gegeben", erinnert sich Günter Lippmann. Damals erlangte auch die Defa jene neue Freiheit, die mit einem Mal die DDR-Medien beflügelte. Plötzlich gab es kritischen Journalismus und die Defa gab ihr Budget ohne Bedingungen frei. "Macht doch, was ihr wollt" hieß es von oben. Lippmann war froh, durchgehalten zu haben und hatte nun die Gelegenheit, seinen 'Waldfilm' doch noch zu machen. Aber er wollte nicht mehr nur seine ursprüngliche Filmidee umsetzen, sondern hatte jetzt auch den Drang, die Geschichte der Zensierung seines Films zu erzählen. "Für mich war das ein Befreiungsschlag."

1990 lief der Film schließlich im Programm des Dokfilmfestivals in Leipzig. Dort beeindruckten und beängstigten die Luftaufnahmen der kahlen Waldflächen aus dem Erzgebirge das Kinopublikum. Für Günter Lippmann war es eine Genugtuung, seinen Film nun auf der großen Leinwand zu sehen.

"Spurensuche" - Leipzig 2007

In diesem Jahr ist Lippmanns Film "Wer hat dich du schöner... oder wie ein Film verhindert wurde" auf dem Leipziger Dokfilmfestival im Programm "Spurensuche" zu sehen. Damit wollen die Organisatoren der zwiespältigen Geschichte des Festivals gerecht werden. Einerseits war es ein wichtiges internationales Forum für Filmemacher in der DDR. Andererseits versuchte der SED-Machtapparat in Leipzig vermeintliche Weltoffenheit zu demonstrieren. Im Hintergrund wurden Gäste und Dokumentarfilme von der Staatssicherheit kontrolliert. Das diesjährige Programm "Spurensuche" bringt Filme aus fünf Jahrzehnten in einer Retrospektive auf die Leinwand und wird wieder zehntausende Besucher in Leipziger Kinos locken.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker