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Film1: Der Stein der Weisen: Im Bann von Harry Potter

Der Welt beliebteste Zauberlehrling hat nun auch die Kinos erobert. Mit viel Liebe zum Detail wurden 300 Millionen Mark im Film untergebracht.

Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Doch diese Zeiten sind lang schon vorbei, sehr lang sogar. Acht Jahre, um genau zu sein. Da nämlich schrieb Joanne K. Rowling diesen Satz über den Stolz der Familie Dursley - und damit den ersten Satz ihrer Erzählung von Harry Potter, dem einsamsten Kind der Welt, dem Jungen mit der Narbe auf der Stirn.

Heute, acht Jahre später, sitzen die Dursleys in ihrem Wohnzimmer und werden ganz unnormal aus dem Dunklen angestarrt von Kindern und Erwachsenen, die emsig Popcorn knabbern und vor lauter Aufregung fast ihre Cola-Becher zerdrücken. Denn das ist Kino. Das sind die ersten Minuten von "Harry Potter und der Stein der Weisen". Wie lange haben sich Kinder und Eltern danach gesehnt. Endlos. Oder mindestens so lange, als wären Weihnachten, Sommerferien und Geburtstage acht Jahre ausgefallen. Nicht auszuhalten, die Spannung: Wie Hogwarts wohl aussieht, die Zauberschule? Der unheimliche Professor Snape und Fluffy, der dreiköpfige Hund? Die müssen unbedingt ein wenig Angst machen, aber nicht zu viel. Überhaupt: "Quidditch", der schnelle Sport hoch oben in der Luft, die magischen Besen - ob "die" das richtig hinbekommen haben?

Sie haben. Spätestens, wenn Harry Potter auf der Leinwand mit seinem Gepäckwagen und seiner Eule Hedwig durch die Bahnhofsmauer rast, ist der Zauber des Buchs auch im Kino zu spüren. Der Wagen verschwindet, dann Harry - und plötzlich ist es da, das Gleis 9 3/4 und der dampfende Hogwarts-Express, der aussieht wie die Gondelbahn im Phantasialand - nur größer, echter, magischer. Dann geht es endlich los nach Hogwarts, dem verwunschenen Schloss, auf dem Harry zaubern lernt. Das ist vor allem für Kinder die Zeit der großen Augen: eine zweieinhalb Stunden lange fantastische Reise mit wunderbaren Bildern, schnellen Schnitten und exzellenten Schauspielern.

Es ist ein Traumstoff, aus dem das Filmstudio Warner Bros. für geschätzte 300 Millionen Mark einen Film gemacht hat. "Harry Potter", das ist ein Weltereignis, eine Art "Titanic" für Kinder: Alle wissen, wie der Film ausgeht - dass das Schiff sinkt, dass Harry überlebt. Große Gefühle, Tränen, Kinozauber. Das einzig wirklich Schlimme: In Deutschland müssen Kinder noch bis zum 22. November warten, bis sie sehen dürfen, ob Regisseur Chris Columbus den Stein der Weisen gefunden hat oder doch nur einen Schokofrosch. Um null Uhr und eine Minute startet der Film in den Städten, die meisten Vorstellungen sind ausverkauft.

Der Film ist auch deswegen gelungen, weil Warner nicht viel ändern durfte an der Geschichte. Das hat sich Joanne K. Rowling ausgebeten, als sie Warner vor drei Jahren für 2,8 Millionen Mark die Filmrechte für die ersten zwei Bücher verkaufte. Sie hat es sogar geschafft, dass Steven Spielberg abgelehnt hat, den Film zu machen. Weil sie englische Schauspieler forderte, keine amerikanischen wie der Mann aus Hollywood, der Harry Potter mit dem talentierten, aber hier gänzlich deplatzierten Haley Joel Osment ("A.I.") besetzen wollte. Außerdem bestand sie darauf, dass in England gedreht wird - in Schlössern aus dem zwölften Jahrhundert, im Bahnhof King's Cross, im Londoner Zoo und in der australischen Botschaft in London, die in die Zauberbank "Gringotts" verwandelt wurde. Chris Columbus, auserwählt vor Kollegen wie Wolfgang Petersen, Terry Gilliam und Alan Parker, hatte der Autorin artig versprochen, sich strikt an das Buch zu halten, und, was dem Studio wichtiger war, mit "Kevin allein zu Haus" bewiesen, dass er auch große Kassen füllen kann.

"Harry Potter ist der Höhepunkt meiner Karriere", sagt Columbus. Wer aber sollte eben diesen Wunderknaben spielen, der da vorn auf der Leinwand gerade vom sprechenden Hut nach "Gryffindor" eingeteilt wird, eines der Häuser von Hogwarts? Harry lächelt unsicher, seine Knie zittern, "wir haben Potter, wir haben Potter!", rufen seine Mitschüler. Aber sieht so auch ein Potter aus, den das Publikum lieben wird? Die Suche nach dem Hauptdarsteller war der heikelste Teil. Immerhin war ja bereits geschehen, was Joanne K. Rowling auf den ersten Seiten ihres Buches schreibt: dass Harry eine Legende werden würde - "jedes Kind auf der Welt wird seinen Namen kennen". Nur haben diese Kinder einen eigenen Harry im Kopf, und kein Harry gleicht dem anderen. Also begann die Suche nach einem, der alle Geschmacksrichtungen bedienen könnte. 40.000 Kinder sprachen vor, und kurz vor Drehbeginn wurde in Daniel Radcliffe ein Kind gefunden, von dem Rowling sagt: "Als ich ihn sah, dachte ich, ich hätte einen verlorenen Sohn wiedergefunden."

"Ich habe vor Freude tierisch geheult", sagt der gefundene Sohn, "nachts bin ich aufgewacht, habe meine Eltern geweckt und wollte es noch einmal hören: Stimmt das wirklich? Oder träume ich?" Der bisher unbekannte Junge soll nun Millionen Zuschauer zum Träumen bringen. Und das zusammen mit einem Staraufgebot: Robbie Coltrane ("Für alle Fälle Fitz") spielt den sanften Riesen Hagrid, Alan Rickman ("Sinn und Sinnlichkeit") ist der unheimliche Professor Snape, die zweimalige Oscar-Preisträgerin Maggie Smith ("Zimmer mit Aussicht") gibt Professorin McGonagall, der Monty-Python-Star John Cleese spielt den Fast Kopflosen Nick, und der gütige Schulleiter Albus Dumbledore wird von Richard Harris ("Gladiator") dargestellt, dessen Enkelin ihn zu der Rolle gedrängt hat: "Opa, wenn du Dumbledore nicht spielst, rede ich kein Wort mehr mit dir."

Dazu kommen Stars, die man nicht sieht. Insgesamt war das Team von Schnitt bis Drehbuch in früherern Jahren schon 56-mal für den Oscar nominiert worden - Spitzenreiter ist der Komponist John Williams mit 39 Nominierungen und fünf gewonnenen Preisen. Ausgezeichnet wurde auch Trick-Meister Rob Legato (für die Effekte in "Titanic"). Gerade er hat dazu beigetragen, dass der Film das Publikum in seinen Bann schlägt: wenn Schwärme fliegender Schlüssel um Harry Potter jagen, ein Schachbrett zum Schlachtfeld wird und dreikinderhohe Pferde gegen steinerne Bauern kämpfen. Und wenn "Quidditch" gespielt wird natürlich: Dann dreht sich hoch oben in der Luft ein rotgelbgrünes Karussell aus Kindern, Besen und einem bezaubernden Goldenen Schnatz um die Zuschauer. Und wenn Harrys verhexter Besen seinen Reiter abschütteln will und er sich nur noch mit einer Hand am "Nimbus 2000" festkrallt wie James Bond an einem Helikopter, dann ist das Actionkino perfekt. "Sechs Monate haben wir allein an "Quidditch" gedreht", sagt Regisseur Columbus.

Er hat begriffen, dass er sein kleines Publikum mit großen Bildern fesseln muss. Er zeigt die Winkelgasse, wie man sie sich nicht hübscher hätte ausmalen können, mit Eulen, Fledermäusen und mittelalterlich anmutenden Gestalten, die unterirdische Zaubererbank "Gringotts" voller Spinnweben und Kobolde und Schloss Hogwarts als riesiges Gemäuer mit kerzenerleuchteten Sälen und lebenden Gemälden. Er erzählt das Buch nach und springt oft in Windeseile von Szene zu Szene. Das macht den Film schnell, könnte ihn aber schwierig machen für jene, die das Buch nicht gelesen haben.

Doch das sind ja die wenigsten. Die Geschichte um den modernen Zauberlehrling und seinen Kampf gegen Lord Voldemort, den man nur raunend "Du-weißt-schon-wer" nennt, ist bereits jetzt ein Klassiker. Fast zwölf Millionen Bücher hat der Carlsen Verlag hierzulande verkauft - würde man die hintereinander legen, könnte man damit ganz Deutschland mehr als zweimal umrunden. Weltweit stehen 116 Millionen Bände in den Regalen, eine Buchreihe, die ein halbes Mal die Erde umspannen würde. J. K. Rowlings Erzählung ist in 200 Ländern und 47 Sprachen erschienen, von Albanisch bis Zulu. "Sofies Welt" ist klein dagegen. "Die unendliche Geschichte"? Vorbei damit.

Was bringt Harry Potter in Kindern zum Klingen, wie kommt es, dass auch Erwachsene begeistert ein Kinderbuch lesen? Für Wissenschaftler wie Jörg Knobloch, der bereits mehrere Bücher zum Phänomen veröffentlicht hat und an der Universität München lehrt, "hat der Erfolg wenig damit zu tun, dass Frau Rowling so toll schreibt oder sich eine so originelle Geschichte ausgedacht hat". Vielmehr findet sich in den Büchern viel Bekanntes - wie der Zauberspiegel aus "Alice im Wunderland" oder der mystische Vogel Phönix. Und: "Es gibt in Hogwarts bislang keine missbrauchten Mädchen, schwulen Lehrer oder Asylbewerber" - Themen, die eigentlich zur modernen Kinderliteratur gehören. Harry Potter selbst ist zu Beginn seiner Abenteuer das Opfer, und zwar eines, mit dem sich viele identifizieren können: ein einsames Kind, das schlecht behandelt wird und dann entdeckt, dass es zu Größerem geboren ist. Um sich da hineinzufühlen, muss man nicht kurz vor der Pubertät stehen - das klappt auch an vielen Arbeitsplätzen ganz gut. Kinder und Eltern fasziniert auch die Welt von Hogwarts, die keine Computer kennt, die aber beherrschbar scheint, weil sie durch klare Magie und nicht durch rätselhafte Technik angetrieben wird. Dort bringen Eulen die Post, während es in unserem Leben nicht mal einen Zauberspruch gibt, der den Videorekorder programmiert. In den Abenteuern von Harry Potter stecken so viele Anspielungen, dass jeder etwas hinein- und wieder herauslesen kann. Und Erwachsene können sich schon freuen, das Buch gelesen zu haben, weil sie dann keine "Muggels" mehr sind wie die Dursleys und so - vielleicht seit langem - mit ihren Kindern ein gemeinsames Gesprächsthema haben.

Andere flüchten in das Potter-Universum wie Gabi Hoppe, 42, aus Lehrte, die bei einer Rückversicherung arbeitet. "Bei uns laufen die ganzen Katastrophen dieser Welt auf", sagt sie, "da ist es schön, in etwas Zauberhaftes einzutauchen." Magie statt Milzbrand, Zauberläden statt bin Laden. Gabi Hoppe plant zur Zeit eine "Harry-Potter-Woche", in der Kinder und Erwachsene leben können "wie auf Hogwarts" - auf einem Schloss in der Nähe der Loreley. Wer unter 15 ist, wird als Schüler aufgenommen, die Älteren sind die Lehrer. Seit das im Internet steht hat sie viele E-Mails wie diese bekommen: "In Hogwarts zu sein wäre einer meiner größten Träume!", schrieb ihr eine Zwölfjährige, ein 13-jähriger Junge meinte: "Mach das, wenn Ferien sind! Dann würde ich mitmachen!"

In den Ferien zur Schule? Und das gern? Auch das ist Teil des Mysteriums: Kinder büffeln begeistert Potter-Kunde und fragen sich nach winzigsten Details ab, als hätten sie die gut 422.000 Buchstaben des ersten Bandes auswendig gelernt. 100.000 Mitglieder hat der größte Harry-Potter-Fanclub im Internet, Saskia Preißner hat ihn mitgegründet. Die 15-jährige Berlinerin ist mit ihrer Schwester Teil des Booms geworden, zwei Bücher haben die beiden bereits veröffentlicht, der erste Teil startete mit einer Erstauflage von 100.000 Exemplaren. Saskia weiß, was Potteraner wollen. Sogar eine Umfrage zum Film hat sie gemacht unter den Fans, das Resultat: "Diesen Typen, der Harry spielt, findet fast jeder Scheiße." Ein hartes Urteil. Von 100.000 Fans. Aber warum diese Ablehnung? "Harry Potter hat verstrubbelte Haare und keine Topffrisur. Außerdem sieht der so arrogant aus. Unser Harry Potter ist das nicht." Kleine Experten: Was nicht im Buche steht, gibt es nicht. Harry mit Topffrisur ist wie ein Skatspiel ohne Buben, nicht komplett, falsch.

Vielleicht haben die Fans Recht: Wenn der Film einen Schwachpunkt hat, ist das Daniel Radcliffe. Er bleibt blass, als würde er den ganzen Film im Schrank unter der Treppe wohnen. Daniel kann große Augen machen, aber verzaubern kann er nicht.

Das ist ein Problem für den Medienkonzern AOL Time Warner, der "Harry Potter" verwertet. Immerhin hat er Daniel Radcliffe zum Abziehbild gemacht für Figuren, T-Shirts und Tassen - für all die Merchandising-Produkte also, die die Muggel-Welt überschwemmen. Was passiert, wenn die kritische Masse den Plastik-Potter nicht kauft? Immerhin schätzt die Branche, dass die Produkte rund um Harry mindestens zwei Milliarden Mark bringen werden: Lego stellt Hogwarts samt Spielfiguren in die Regale, die Spielzeugfirma Hasbro bringt einen "Nimbus 2000"-Besen, Mattel hat für 100 Millionen Mark das Recht erworben, diverses Spielzeug zu fertigen, und Electronic Arts wirft das Videospiel dazu auf den Markt. Coca Cola hat geschätzte 300 Millionen Mark ausgegeben, den höchsten Betrag, den der Konzern jemals für eine Promotion auf den Tisch gelegt hat - ohne dass dafür auch nur eine Cola-Dose im Film auftaucht. Joanne K. Rowling, bereits zweitreichste Frau Großbritanniens, soll dabei 31 Millionen Mark verdient haben.

Der größte Fisch im deutschen Teich ist die "Achterbahn AG", die den Fans mit mehr als 500 Artikeln den "Zugang zu einer eigenen, geheimnisvollen Welt öffnen" und dabei ihren Umsatz in diesem Jahr verdoppeln will. Achterbahn war bislang durch die Comicfigur "Werner" bekannt, die Potter-Lizenz ist für die AG ein "Meilenstein", wie Vorstandsreferent Lutz Bienek sagt. Er rechnet mit einem "Vermarktungszeitraum" des Zauberlehrlings von zehn Jahren: "Dagegen waren die Pokemon ein Strohfeuer."

So ist es also passiert: Harry Potter ist unter die Muggels gefallen - und die machen keine Bohrmaschinen wie Mr. Dursley, die haben Spielzeugfabriken und Rechtsanwälte. Der Held ist ein Produkt geworden, seine Nummer im deutschen Markenregister lautet 30012566. Wohin Harry geht, stolpert er über Warenzeichen: in HogwartsTM auf seinem Nimbus 2000TM, wenn er mit HermineTM spricht oder mit Lord VoldemortTM kämpft. Ob er da heil rauskommt? Weitermachen muss er wohl. Der zweite Film wird bereits gedreht, obwohl der 12-jährige Star in den Stimmbruch gekommen ist und inzwischen eher wie ein Halbstarker klingt als nach Wunder-Kind. Auch andere Mächte sind missgünstig gestimmt: Die englische Presse tobt gerade, weil Radcliffe eine Brille trägt, obwohl er sie gar nicht braucht.

Liegt ein Fluch auf Harry Potter? Der käme diesmal nicht von "Du-weißt-schon-wem", sondern von britischen Hexen. Die ereifern sich, dass er beim "Quidditch" falschrum auf dem Besen fliegt - und wünschen ihm Misserfolg an den Kinokassen. Aber keine Angst, Harry. So stark kann kein Zauber sein.

Sven Stillich, Bianca Lang

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