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Filmfestival Locarno: Deutscher Film mit Chancen

Im Schweizer Kanton Tessin geht das zehntägige Filmfestival von Locarno geht zu Ende. Regisseur Detlev Buck darf hoffen, mit dem begehrten Publikumspreis ausgezeichnet zu werden.

Endspurt beim Filmfestival von Locarno: Das Publikum auf der Piazza Grande wurde am Donnerstagabend außer mit bestem Freilicht-Wetter mit einer zu Herzen gehenden, deutsch- kambodschanischen Liebesgeschichte verwöhnt. Die Weltpremiere "Same Same but Different" des deutschen Regisseurs Detlev Buck wurde mit Spannung erwartet. Buck ("Männerpension", 1996) hat Benjamin Prüfers autobiografischen Roman "Wohin du auch gehst" (2007) verfilmt. In den Hauptrollen spielen der rundum sympathische, bereits in Berlin gefeierte Jungstar David Kross ("Der Vorleser") und seine aparte Partnerin Apinya Sakuljaroensuk. Die Zuschauer waren begeistert und damit ist der Streifen auf jeden Fall ein ernsthafter Kandidat für den begehrten Publikumspreis der Piazza-Filme in Locarno. Im Januar 2010 kommt er in die deutschen Kinos.

In dem Film verliebt sich der junge Rucksacktourist Ben in Kambodscha in das Bar-Mädchen Sreykeo, das mit Prostitution ihre Sippe in Phnom Penh durchbringt. Zurück in Deutschland erfährt Ben beim Chatten, dass Sreykeo HIV-positiv ist. Trotzdem kehrt er - was in seiner Heimat kopfschüttelnd quittiert wird - zurück nach Kambodscha und nimmt den Kampf gegen die Krankheit seiner Freundin auf. Er teilt ihren Alltag im Armenviertel und unterstützt alle immer wieder bereitwillig mit seinem wenigen Geld. Schließlich ist die Krankheit mit guten Medikamenten unter Kontrolle, Sreykeo ist schwanger und es wird geheiratet. Und da sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute mit ihrem Kind in Hamburg und Kambodscha.

Identifikationsmodell einer globalisierten Jugendgeneration

Die Handlung ist ebenso einnehmend wie angreifbar. Die absehbaren Einwände der "Realisten" und Zyniker gegen den Film (wie schon gegen das Buch) und seinen Helden. Naivität, Helfersyndrom, unpolitisches Gutmenschentum kommen im Film selbst aber durchaus zur Sprache. Im Übrigen antwortete Regisseur Buck vor der Presse in Locarno auf die Frage: "Sind Sie ein hoffnungsloser Romantiker?" mit: "Ja." Punkt. Detlev Bucks keineswegs sentimentaler, aber grundromantischer Film könnte sich durchaus als Identifikationsmodell einer scheinbar so coolen, pragmatischen, globalisierten Jugendgeneration erweisen.

Bereits am Nachmittag hatte der griechisch-deutsche Wettbewerbsfilm "Akadimia Platonos" (Die Akademie Platons) im großen Kinosaal Fevi für heitere Stimmung gesorgt. Es gelang das Bravourstück, das Thema Rassismus und Identität als griechische Tragikkomödie zu präsentieren. "Bellisimo!" (Wunderschön!) versicherten sich beim Ausgang drei Zuschauer gegenseitig immer wieder. In dem zweiten Spielfilm des griechischen, in Deutschland ausgebildeten und lebenden Regisseurs Filippos Tsitos verdämmert der Kioskbesitzer Stavros mit seinen drei Kumpanen und seiner alten Mutter auf ihrem Extra-Stuhl vor seinem Kiosk sitzend die Tage.

Film über griechische Leitkultur

Die schäbige Bude steht im Athener Bezirk der berühmten antiken Akademie des Platon, einst Ort höchster philosophischer Diskurse. Die Kumpane haben aus der Antike aber wohl nur gelernt, dass die Griechen eben Griechen und alle anderen Barbaren sind. Ansonsten tun sie gar nichts, außer Schimpfen auf Albaner und alle Fremden, die für die Griechen die Arbeit machen. Besonders ergrimmt sie eine Gruppe emsiger Chinesen, die das Viertel in Beschlag zu nehmen droht. Wie der Konflikt mit den Chinesen ausgetragen, Stavros plötzlich selbst ein Albaner und die Mutter zur Schlüsselfigur wird, ist von herrlicher Komik. Ein Sendetermin für "Akadimia Platonos", einer Koproduktion mit dem ZDF, steht noch nicht fest.

Als zweiter Beitrag mit deutscher Beteiligung im Hauptwettbewerb um den Goldenen Leoparden ging am Freitag die britisch-deutsch-französische Koproduktion "She, a Chinese" ins Rennen. Der langerwartete zweite Film der Regisseurin und Romanautorin Xiaolu Guo ("How Is Your Fish Today?") erzählt von der Odyssee einer jungen Chinesin, die ihre Provinz verlässt, um nach Großbritannien auszuwandern, wo sie eine Fremde bleiben wird. Ihre Botschaft formuliert die Regisseurin so: "Ich möchte einen Film machen, der der jungen Generation im modernen China eine Stimme gibt." Der Streifen wurde mit Unterstützung der Filmförderung Hamburg produziert.

Internationale Co-Produktionen</zwti> Auf die stetig wachsende Zahl und Bedeutung der Koproduktionen hatte der scheidende Festivaldirektor Frédéric Maire schon bei der Vorstellung des diesjährigen Programms für Locarno hingewiesen: "Das Spiel der Grenzen ist vorbei." Wegen der Koproduktionen werde es immer schwieriger, einen Film noch einem bestimmten Land zuzuordnen.

Der Abschlussfilm auf der Piazza Grande am Abend des 15. August ist wiederum eine rein deutsche Produktion, bewegt sich aber auf den Spuren der mongolischen Kultur unter der Führung der berühmten Sängerin Urna: "The Two Horses of Genghis Khan" (Die zwei Pferde des Dschingis Khan) der Regisseurin Byambasuren Davaa, die mit ihrer "Geschichte vom weinenden Kamel" ein großes Kinopublikum verzaubert hatte.

Ingrid Staehle/DPA / DPA