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Maria Kwiatkowsky: Schauspielerin bis zur Verausgabung

Sie galt als deutsches Nachwuchstalent, wurde auf der Bühne ebenso gefeiert wie für ihre Film- und TV-Rollen. Am 4. Juli ist Maria Kwiatkowsky mit nur 26 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Von Jens Wiesner

Inmitten ihrer Abiturprüfungen erhält die 19-jährige Berlinerin Maria Kwiatkowsky 2004 ihre erste Filmrolle in Ayse Polats Drama "En Garde". Ihr intensives Spiel als Mädchen mit hypersensiblem Gehör begeistert die Kritiker: Auf dem Internationalen Filmfestival in Locarno wird Kwiatkowsky zur besten Darstellerin gekürt.

Es folgen weitere Engagements; der Berlinerin, die bereits zu Schulzeiten auf der Bühne stand und sich in zahlreichen OFF-Theaterproduktionen engagierte, wird eine große Zukunft prophezeit. Doch inmitten anstrengender Proben zu Andrij Zholdaks Theaterstück "Madea in der Stadt" brennt etwas in der jungen Frau durch: In der Nacht zum 15. November 2005 bricht Kwiatkowsky in die Berliner Kindertagesstätte "Sommermäuse" ein und legt Feuer.

Ihre Karriere scheint beendet

Vor Gericht zeigt sich die junge Frau später zerknirscht, begründet ihren Ausfall mit Stress am Theater und Ärger mit ihrem Freund. Es entstehen 440.000 Euro Sachschaden, die die Schauspielerin fortan als Schulden mit sich herumtragen wird. Zusätzlich erhält Kwiatkowsky eine Bewährungsstrafe und muss sich zwei Jahre lang einer Psychotherapie unterziehen.

Ihre Karriere scheint beendet, bevor sie richtig begonnen hat. Doch Kwiatkowsky beißt sich durch, versucht einen Neuanfang auf der Bühne. Sie spielt in Freiburg, Zürich und Düsseldorf. 2009 kehrt sie zurück an den Ort, an dem die Krise begann: Unter Frank Castorf spielt sie in mehreren Produktionen der Volksbühne Berlin, wird ein Jahr später festes Ensemblemitglied.

Parallel dazu setzt Kwiatkowsky ihre Filmkarriere fort: Mit Freunden dreht sie die Web-WG-Sitcom "Torstraße intim", tritt später in mehreren TV-Filmen der ARD auf. 2009 strahlt das Erste den Bloch-Spielfilm "Bauchgefühl" aus, in dem sich Kwiakowsky als magersüchtige junge Frau von Dieter Pfaff therapieren lässt.

Die Mühen um einen Neuanfang werden belohnt: Bei der Verleihung der Goldenen Kamera wird Kwiatkowsky 2010 mit der "Lilli Palmer & Curd Jürgens Gedächtniskamera" für die beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet.

Die Auszeichnung bedeutet nicht nur eine große Ehre für Kwiatkowsky, sondern auch eine nicht unwillkommene Finanzspritze. Das Preisgeld von 20.000 Euro kann sie gut gebrauchen.

Kwiatkowsky spielt und spielt und spielt...

Kwiatkowsky spielt und spielt - meist zerrissene, von Problemen zerfressene Figuren. In den Inszenierungen von Frank Castorf zeigt sie in einem einzigen Blick brennende Leidenschaft, Aggression und Verletzlichkeit.

Kwiatkowsky, die nie eine Schauspielschule besucht hat, lässt sich nicht in Schemen pressen, auch nicht von Frank Castorf. Wer sie auf der Bühne gesehen hat, der ahnt: Hier spielt jemand, der sich bedingungslos seiner Rolle hingibt, bis hin zur Selbstverausgabung.

Als "Claire" tritt sie in Werner Schloeters "Quai West" auf. Sujet des Stückes: In einem aufgegebenen Hafenviertel einer westlichen Großstadt sucht eine Gruppe gesellschaftlich Gestrandeter einen letzten Rückzugsort.

Während die Inszenierung selbst eher verhalten aufgenommen wird, sticht Kwiatkowskys Darstellung des jungen und überdrehten Mädchens mit piepsiger Stimme positiv hervor.

Sie bleibt dem Film erhalten

Frank Castorfs "Nach Moskau! Nach Moskau!" ist ein größerer Erfolg beschieden - und auch diesmal ist Kwiatkowsky wieder dabei. In der Adaption von Tschechows Drama "Drei Schwestern" spielt sie Irina, wieder eine schrille und hoch emotionale Mädchenfigur. Das Feuilleton ist begeistert. Vom Kommentator des "Neuen Deutschland" wird Kwiatkowsky nach dieser Darbietung gar als neue Sophie Rois gehandelt, jener Österreicherin, die einen Film- und Theaterpreis nach dem anderen absahnt.

Trotz ihrer Liebe zum Theater bleibt Kwiatkowsky dem Film erhalten. Im Bergischen Land dreht sie gemeinsam mit Mario Adorf für den Kinofilm "Die Erfindung der Liebe". Zwölf Drehtage bleiben ihr noch, als die Filmcrew der schockierende Anruf erreicht: Maria Kwiatkowsky ist tot, gestorben am 4. Juli 2011 in ihrer Berliner Wohnung.

Eine Antwort auf die Frage "Warum?" weiß auch Kollege Mario Adorf nicht. "Nichts hatte in meinen Augen darauf hingedeutet, dass Maria ein Problem haben könnte." Im Interview mit der "Bild am Sonntag" zeigt sich der Schauspieler kurz nach Bekanntwerden des Todes erschüttert. Adorf habe Kwiatkowsky als eine "unbekümmerte" und "auch ein wenig durchgeknallte" junge Frau kennengelernt. "Maria war klein und zierlich zwar, aber voller Energie. Unglaublich charaktervoll. Eigenbrötlerisch, schräg, aber eines war sie gewiss nicht: durchschnittlich."

jwi/hw
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