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Sebastian Fitzek im Interview: "Die Debattenkultur hierzulande ist völlig aus dem Ruder gelaufen"

Sebastian Fitzek ist Deutschlands Thriller-König. Nun bringt er ein neues Buch samt Hörspiel auf den Markt - und kann wegen des Coronavirus keine Lesungen veranstalten. Sauer ist er dennoch nicht. Im stern-Interview sagt er: "Ich bin froh, nicht in der Position von Angela Merkel zu sein."

Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek ist einer der derzeit erfolgreichsten deutschen Schriftsteller

DPA

Kaum jemand blickt so häufig in die menschlichen Abgründe - und wird dafür so gefeiert: Sebastian Fitzek gilt mit mehr als 12 Millionen verkauften Büchern als Deutschlands aktuell erfolgreichster Thrillerautor. Sein Debüt gab der studierte Jurist 2006 mit "Die Therapie". Das Buch wurde ein Bestseller, viele weitere folgten. Einige Romane wurden verfilmt, selbst am Theater ziehen die Geschichten um Serienmörder die Menschen in den Bann.

Doch beim neuen Hörbuch und Buch "Auris 2 - Die Frequenz des Todes", das Vincent Kliesch nach einer Idee von Fitzek geschrieben hat, ist einiges anders. Denn statt ausverkaufter Premiere und großer Lesereise werden beide den zweiten Teil der Thriller-Reihe in einer Livestream-Lesung aus dem Berliner Admiralspalast präsentieren. Zuschauen können Fans via Facebook und der Instagram-Seite des Schriftstellers.

Der stern sprach mit Sebastian Fitzek über die Coronakrise in Deutschland, den Hype um True-Crime und das Leseverhalten der Deutschen in Zeiten der Pandemie.

Herr Fitzek, in diesen Tagen erscheint ihr neues Buch samt Hörspiel "Auris 2". Das ist - der Name deutet es bereits an - ein Fortsetzungsroman. Finden Sie nun verstärkt Gefallen an mehrteiligen Thrillern á la Stieg Larsson oder Jo Nesbø?

Ich schätze die beiden sehr! Und Herr Kliesch und ich arbeiten tatsächlich schon an Teil 3 von "Auris". Darüber hinaus habe ich aber über weitere mehrteilige Thriller noch nicht nachgedacht.

Sie werden das Buch am 04. Mai gemeinsam mit Vincent Kliesch im Berliner Admiralspalast vor leeren Rängen präsentieren. Es ist gewissermaßen eine Geisterlesung. Sind Sie aufgeregter als bei einer klassischen Lesung vor Publikum mit Wasserglas?

Ja. Das ist schon eine besondere Herausforderung, eine, die ich mir nicht gewünscht hätte. Wir wollen eben das beste aus der Situation machen. Ich werde mich aber immer zwischendurch, vor einem leeren Theater, daran erinnern müssen, dass, obwohl keiner da ist, viele Menschen zuschauen- und hören. 

Vincent Kliesch (links) und Sebastian Fitzek vor den leeren Rängen des Berliner Admiralspalastes.

Vincent Kliesch (links) und Sebastian Fitzek vor den leeren Rängen des Berliner Admiralspalastes.

Anderthalb Meter Abstand zu den Mitmenschen ist derzeit das Gebot der Stunde. Diese Regel würde den Mördern und Verbrechern in Ihren Büchern das Leben ziemlich schwer machen, oder?

Darüber habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht nachgedacht. Aber ich habe schon gehört, dass es Einbrecher im Moment schwieriger haben. Die dürften wohl hoffen, dass die Home-Office-Phase schnell wieder vorüber ist. Vermutlich gibt es auch weniger andere Delikte, etwa Schlägereien nach Saufgelagen. Wenn Leute ihre Freiheit missbrauchen, bleibt es leider nicht aus, dass es zu Exzessen kommt. Die sind jetzt naturbedingt nicht mehr möglich. Gleichwohl befinden wir uns derzeit in keinem dauerhaft erstrebenswerten Zustand.

Sie können keine Lesungen veranstalten, um Ihr neues Buch vorzustellen. Einige Künstler kritisieren die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus. Der Theaterregisseur Frank Castorf hat jüngst im "Spiegel"-Interview sogar zum "republikanischen Widerstand" aufgerufen. Sind Sie seiner Meinung?

Zunächst einmal bin ich froh, nicht in der Position von Angela Merkel zu sein. Sie muss mit ihren Beratern über Leben und Tod entscheiden. Nicht nur mit Blick auf die Gesundheit, sondern im übertragenen Sinne auch auf die Wirtschaft. Denn viele Firmen werden das nicht überleben. Doch ich bin mir sicher, dass kein Politiker, egal welcher Fraktion er angehört, sagt: Ich fahre jetzt mit voller Absicht das Land gegen die Wand. Alle müssen auf einer unsicheren Daten- und Faktenbasis Entscheidungen treffen, die sich naturgemäß ständig verändert. Denn das Virus ist neu und muss erforscht werden. Das braucht Zeit, und genau die läuft uns sowohl in der Wirtschaft als auch im Gesundheitswesen davon. Es ist ein Teufelskreis.

Ich entnehme Ihrer Antwort, dass Sie die Position von Frank Castorf nicht teilen?

Ich teile seine Position in ihrer Absolutheit nicht, verstehe aber seine Erregung.  Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die nicht im Rampenlicht stehen - etwa Beleuchter im Theater oder Caterer, die normalerweise an Filmsets arbeiten - steht denen der Angstschweiß im Gesicht. Deshalb kann ich es nachvollziehen, wenn jemand wie Frank Castorf nicht arbeiten kann und dann so reagiert.

Sein Statement hat die Menschen polarisiert. Einige warfen ihm "Pegida-Niveau" vor.

Ich finde es nicht gut, dass er wegen seiner Meinung so hart angegangen wird. Ich teile weder die Anfeindungen gegen unsere Regierung noch den blanken Hass, der Leuten entgegenschlägt, nur weil sie der Meinung sind, man solle die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen überprüfen.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hatte mit einem Interview selbst eine Debatte über das Gebot der Verhältnismäßigkeit aufgeworfen. Seiner Meinung nach solle man dem Schutz von Leben nicht alles unterordnen.

Ich finde die Vorstellung schön, dass jedes Menschenleben geschützt werden muss. Insofern bedauere ich ehrlich gesagt die von ihm angestoßene Debatte. Sie mag notwendig sein, aber ich halte sie auch für brandgefährlich. Denn es sollte nicht darum gehen, Alt gegen Jung. Vielmehr sollten wir uns fragen: Wie können wir alle schützen mit den geringstmöglichen Schäden?

An Emotionen mangelt es in sozialen Netzwerken nicht: Mitte März erfuhr die Regierung breite Zustimmung, innerhalb weniger Wochen scheint sich der Wind gedreht zu haben. Viele halten die Einschränkungen mittlerweile für überzogen.

Diese Krise sollte eigentlich dazu führen, dass wir alle mehr zusammenhalten. Aber schaut man sich in den sozialen Netzwerken um, gibt es anscheinend nur noch zwei Lager: die Virusleugner und diejenigen, die sich am liebsten zwei Jahre einschließen wollen. Das muss sich ändern. Die Debattenkultur hierzulande besorgt mich schon seit Jahren und ist völlig aus dem Ruder gelaufen, weil am rechten Flügel Parteien mit extremen Positionen gewachsen sind. Spätestens mit der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump scheinen die letzten Dämme gebrochen zu sein. Auf respektvolle Umgangsformen in den sozialen Netzwerken wird noch häufiger verzichtet.

Die Nachrichten sind im Moment wenig aufbauend, und viele Menschen greifen zu Büchern, um sich abzulenken. Blickt man auf die Bestseller-Liste, stehen Thriller in der Krimi-Nation Deutschland derzeit jedoch nicht sehr hoch im Kurs.

Wenn sich Menschen ablenken wollen, greifen sie traditionell zu etwas Spannendem. Doch lebt man in einem Thriller, sieht das womöglich anders aus. Das einzig Gute, was ich an diesem Virus erkennen kann, ist die Tatsache, dass es ein Schicksalsschlag ist, der Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt betrifft und der unsere Prioritäten neu sortiert. Wir lernen alle, was uns wirklich fehlt - und das ist nicht der Shoppingrausch, es sind die sozialen Begegnungen.

Apropos Shopping-Rausch: Amazon wurde von Bestellungen geradezu geflutet und hat als Konsequenz zu Beginn der Coronakrise Bücher in der Priorität herabgestuft. Dafür wurde der Konzern heftig von Verlagen kritisiert. Waren Sie von diesem Schritt überrascht?

Nein, das hat mich nicht überrascht. Amazon ist zwar mit Büchern groß geworden, aber sie sind für das Unternehmen längst nicht mehr der entscheidende Wirtschaftsfaktor. Ich weiß allerdings auch nicht, wie groß deren Anteil am Gesamtumsatz ist. Aber ich muss die Online-Versender an dieser Stelle auch in Schutz nehmen: Auch sie waren nicht auf eine solche Situation vorbereitet. Wirklich überrascht war ich, dass die Buchläden geschlossen wurden, denn die halte ich - da bin ich subjektiv - für systemrelevant.

Lesen die Menschen denn mehr als vor ein paar Monaten?

Ich glaube nicht, dass es momentan einen Lese-Boom gibt. Zumindest in der Anfangsphase konnte ich bei mir selbst beobachten, dass ich erst einmal diesem Informationsüberfluss Herr werden musste. Und wer Familie hat - ich bedauere alle, die allein in dieser Isolation sind -, macht etwas gemeinsam. Und wenn man nur auf der Couch sitzt und einen Film streamt. Das sind die Geschäftsfelder, die wirklich boomen. Online-Bücher und Hörspiele sind nicht die Krisengewinner.

True-Crime-Podcasts, also Sendungen über echte Kriminalfälle, sind seit Jahren ein wachsender Markt. Warum eigentlich?

Wenn True Crime nur den Sinn und Zweck hat, dem Voyeurismus zu frönen, sehe ich den Sinn nicht ein. Aber ich erkenne an, dass es einen Riesenmarkt gibt. Ich muss gestehen, dass ich persönlich als Leser ein Problem damit habe, wenn ich reales Leid zum Zwecke der Unterhaltung konsumiere. Da lasse ich mir als Autor lieber den Vorwurf machen, das, was ich schreibe, habe es doch so nicht gegeben. Dann sage ich, ja, Gott sei Dank!

In Ihren Büchern gibt es Kreuzfahrtschiffe und Flugzeuge als Schauplätze. Beides dürfte sich vorerst für etwaige Fortsetzungen erledigt haben. Wo spielen Krimis im Corona-Zeitalter?

Ich nehme immer Abstand, wenn das Leid zu real ist und in die Realität überschwappt. Ich schreibe Unterhaltung und erdenke mir Schicksalsschläge, um zu beobachten, wie sich Menschen aus dem kalten Wasser befreien müssen. Ich möchte kein reales Leid ausschlachten. 2013 habe ich mit "Noah" einen Thriller veröffentlicht, in dem eine Pandemie eine große Rolle spielt. Ich hätte mir gewünscht, das wäre Fiktion geblieben. Jetzt beschäftige ich mich mit ganz anderen Themen. Ich kann definitiv ausschließen, mich von Corona in irgendeiner Art und Weise beeinflussen zu lassen.